Kinderanästhesie: Medikamentensicherheit (AWMF-Leitlinie)
📋Auf einen Blick
- •Vor jeder Medikamentengabe ist die 5-R-Regel im Vier-Augen-Prinzip anzuwenden.
- •Bei adipösen Kindern sollen Sedativa, Opioide und Propofol am Normalgewicht dosiert werden, um lebensgefährliche Überdosierungen zu vermeiden.
- •Off-Label-Use ist in der Kinderanästhesie oft notwendig und soll evidenzbasiert erfolgen.
- •Für Hochrisikomedikamente wie Katecholamine sind standardisierte Verdünnungen und kognitive Hilfsmittel zwingend erforderlich.
- •Jede Verordnung muss über eine Closed-Loop-Kommunikation bestätigt werden.
Hintergrund
Medikationsfehler stellen in der Kinderanästhesie ein erhebliches Risiko dar. Aufgrund der großen Spannweite von Körpergewichten (vom 3 kg Neugeborenen bis zum >100 kg Jugendlichen) ist keine Vertrautheit mit einer "typischen" Dosis wie im Erwachsenenalter möglich. Überdosierungen im Bereich einer 10er-Potenz sind keine Seltenheit. Die Leitlinie zielt darauf ab, durch standardisierte Prozesse, kognitive Hilfsmittel und eine offene Fehlerkultur die Patientensicherheit zu erhöhen.
Rationale Therapie und Off-Label-Use
Vor jeder Medikamentengabe muss die 5-R-Regel (Richtiger Patient, Richtiges Medikament, Richtige Dosierung, Richtiger Zeitpunkt, Richtiger Verabreichungsweg) im Vier-Augen-Prinzip überprüft werden.
Der Einsatz von Medikamenten außerhalb der Zulassung (Off-Label-Use) ist in der Pädiatrie häufig unvermeidbar, um eine sachgerechte Therapie zu gewährleisten.
- Therapieentscheidungen sollen auf wissenschaftlicher Evidenz basieren, nicht allein auf dem Zulassungsstatus.
- Ein grundsätzlicher Verzicht auf Off-Label-Use gefährdet Kinder.
- Sorgeberechtigte sollen so bald wie möglich über den Off-Label-Use aufgeklärt werden.
Dosierung bei Adipositas
Bei adipösen Kindern führt die Dosierung am tatsächlichen Körpergewicht bei bestimmten Medikamenten zu lebensgefährlichen Überdosierungen. Medikamente mit geringem Verteilungsvolumen und geringer therapeutischer Breite sollen am Normalgewicht dosiert werden.
| Medikamentengruppe | Dosierungsgrundlage | Beispiele |
|---|---|---|
| Sedativa & Opioide | Normalgewicht | Propofol, Piritramid, Fentanyl |
| Muskelrelaxanzien | Normalgewicht | Atracurium, Vecuronium |
| Lokalanästhetika | Normalgewicht | Lidocain |
| Antibiotika | Normalgewicht | Amikacin, Gentamycin, Vancomycin |
Sonderfall Propofol: Die Einleitungs- und Erhaltungsdosis von Propofol sollte sich am Normalgewicht orientieren, um eine Übertherapie zu vermeiden.
Risikopatienten für Atemdepression
Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen haben ein besonders hohes Risiko für perioperative Hypoxämien durch Opioide oder Sedativa. Hier gilt: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.
- Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) und Obstruktionen der oberen Atemwege
- Muskelschwäche (muskulär oder neurologisch bedingt)
- Neurologische Entwicklungsverzögerungen (z.B. infantile Zerebralparese)
- Frühgeburtlichkeit
- Nierenfunktionseinschränkungen
- Syndromale Erkrankungen und schwierige Atemwege
Gewichtsermittlung und Hilfsmittel
Das aktuelle Gewicht des Kindes muss präzise ermittelt, dokumentiert und auf jedem patientenbezogenen Dokument eingepflegt werden.
| Stufe | Methode zur Gewichtsermittlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Aktuelles Wiegen | Goldstandard bei elektiven Eingriffen |
| 2 | Erfragen | Bei Eltern oder dem Kind selbst |
| 3 | Längenbezogene Schätzung | Z.B. Notfallmaßbänder, wenn Wiegen unmöglich |
| 4 | Altersbezogene Formeln | Nur wenn andere Methoden fehlen |
Zubereitung und Applikation
Fehler bei der Zubereitung machen einen Großteil der kritischen Ereignisse aus.
- Verdünnungen vermeiden: Wo immer möglich, unverdünnte Lösungen mit kleinen Spritzen (z.B. 1 ml) verwenden und ausreichend nachspülen.
- Standardisierung: Wenn Verdünnungen nötig sind (z.B. Adrenalin, Piritramid), müssen standardisierte Verdünnungsanweisungen am Arbeitsplatz vorliegen.
- Etikettierung: Jede Spritze soll nach ISO 26852 längs bekleben werden, sodass die Skalierung lesbar bleibt.
- Lagerung: Ähnlich aussehende/klingende Medikamente (SALAs) trennen. Hochrisiko-Medikamente separat lagern.
Kommunikation und Fehlerkultur
- Closed-Loop-Kommunikation: Jede Verordnung soll von allen Beteiligten laut wiederholt und bestätigt werden. Die Gabe erfolgt erst bei Einigkeit.
- Double Check: Bei komplexen Anordnungen (z.B. Katecholamine) soll eine unabhängige Berechnung durch eine zweite Person erfolgen.
- Speaking Up: Jedes Teammitglied soll jederzeit Zweifel an Anordnungen äußern können. Hierarchien dürfen bei der Medikamentensicherheit keine Rolle spielen.
💡Praxis-Tipp
Vermeiden Sie das manuelle Verdünnen von Medikamenten, wo immer es geht. Nutzen Sie stattdessen 1-ml-Spritzen für unverdünnte Lösungen und spülen Sie ausreichend nach. Falls Sie verdünnen müssen, nutzen Sie ausschließlich abteilungsinterne Standard-Verdünnungstabellen.