Sedierung in der GI-Endoskopie: S3-Leitlinie (AWMF/DGVS)
📋Auf einen Blick
- •Jedem Patienten soll vor einer gastrointestinalen Endoskopie eine Sedierung angeboten werden.
- •Die Risikoabschätzung erfolgt strukturiert anhand der ASA-Klassifikation und patientenspezifischer Faktoren.
- •Propofol sollte aufgrund des besseren Wirkungsprofils bevorzugt vor Midazolam eingesetzt werden.
- •Opioide, Ketamin oder Inhalationsanästhetika sollen nicht als Monotherapeutika zur Sedierung verwendet werden.
- •Bei Hochrisikopatienten (ASA III-IV) oder schwierigen Atemwegsverhältnissen ist ein Anästhesist hinzuzuziehen.
Hintergrund
Die Sedierung in der gastrointestinalen Endoskopie trägt maßgeblich zum Patientenkomfort bei und schafft oft erst die Voraussetzung für erfolgreiche und risikoarme, insbesondere therapeutische, Eingriffe. Laut aktueller S3-Leitlinie soll jedem Patienten vor der Endoskopie eine Sedierung angeboten werden (Empfehlungsgrad A). Grundsätzlich können einfache endoskopische Untersuchungen auf Wunsch des Patienten aber auch ohne Sedierung durchgeführt werden.
Risikoabschätzung und Vorbereitung
Vor jedem Eingriff muss eine strukturierte Risikoabschätzung erfolgen. Diese basiert auf der Art des Eingriffs, den Patientenpräferenzen und der Komorbidität, welche primär über die ASA-Klassifikation abgebildet wird.
| ASA-Klasse | Definition | Beispiele |
|---|---|---|
| I | Kein Risiko | Gesund, Nichtraucher, kein/minimaler Alkoholkonsum |
| II | Leichte Erkrankung | Raucher, Schwangerschaft, Adipositas (BMI 30-<40), gut eingestellter Hypertonus |
| III | Schwere Erkrankung | Adipositas (BMI ≥40), schlecht kontrollierter Diabetes, stabiler Dialysepatient |
| IV | Schwere, lebensbedrohliche Erkrankung | Kürzlicher Myokardinfarkt (<3 Monate), Sepsis, akutes Nierenversagen |
| V | Moribunder Patient | Rupturiertes Aortenaneurysma, Polytrauma |
| VI | Hirntoter Patient | Organspender |
Sedierungstiefen
Der Grad der Sedierung wird nach der American Society of Anesthesiologists (ASA) eingeteilt:
| Stadium | Reaktion auf Ansprache | Spontanatmung |
|---|---|---|
| Minimale Sedierung (Anxiolyse) | Normal | Unbeeinflusst |
| Moderate Sedierung | Zielgerichtet auf verbale/taktile Reize | Adäquat |
| Tiefe Sedierung | Zielgerichtet nach wiederholten Schmerzreizen | Kann inadäquat sein |
| Allgemeinanästhesie | Nicht erweckbar | Inadäquat (Beatmung nötig) |
Medikamentöse Therapie
Die Wahl des Sedativums richtet sich nach Eingriff und Patientenprofil.
- Propofol: Sollte aufgrund des besseren Wirkungsprofils und der kürzeren Erholungszeit bevorzugt vor Midazolam verwendet werden (Empfehlungsgrad B). Die Applikation sollte in Form der intermittierenden Bolusapplikation erfolgen (Empfehlungsgrad B).
- Benzodiazepine: Wenn im begründeten Einzelfall mit Benzodiazepinen sediert werden soll, soll Midazolam dem Diazepam vorgezogen werden (Empfehlungsgrad A).
- Monotherapien: Opioide, Ketamin, Inhalationsanästhetika oder Neuroleptika sollten nicht als Monotherapeutika zur Sedierung eingesetzt werden (Empfehlungsgrad B).
| Wirkstoff | Eigenschaften | Bemerkung |
|---|---|---|
| Propofol | Rascher Wirkeintritt (30-45s), kurze Wirkdauer (5-10min) | Kein Antagonist verfügbar. Hohe Untersucherzufriedenheit. |
| Midazolam | Wirkeintritt 1-3 min, Wirkdauer 15-80 min | Antagonisierbar durch Flumazenil. Neigt zur Kumulation. |
Hinzuziehung der Anästhesie und Schutzintubation
Bei Patienten mit höherem Risikoprofil soll die Hinzuziehung eines Anästhesisten geprüft werden (Empfehlungsgrad A). Dies gilt insbesondere bei:
- Hoher ASA-Klassifikation (III-IV)
- Erhöhtem Risiko für Atemwegsbehinderungen (z.B. Mallampati-Score 3 oder 4, Mundöffnung <3 cm, eingeschränkte HWS-Beweglichkeit)
Bei besonderen Notfallsituationen mit erhöhtem Aspirationsrisiko (z.B. schwere obere gastrointestinale Blutung) soll die Indikation für eine endotracheale Schutzintubation geprüft werden (Empfehlungsgrad A).
Lagerung
Bei sedierten Patienten soll auf eine korrekte Lagerung zur Vermeidung lagerungsbedingter Schäden und einer Aspiration sowie auf ein adaptiertes Wärmemanagement geachtet werden (Empfehlungsgrad A).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie Propofol bevorzugt als intermittierende Bolusgabe. Halten Sie bei der Verwendung von Midazolam stets den Antagonisten Flumazenil griffbereit, beachten Sie jedoch dessen kürzere Halbwertszeit im Vergleich zu Midazolam (Gefahr der Re-Sedierung).