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HIV-assoziierte neurologische Erkrankungen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei gesicherter HIV-1-assoziierter Demenz (HAD) ist eine antiretrovirale Kombinationstherapie (cART) unabhängig von der CD4+-Zellzahl indiziert.
  • Die distal symmetrische sensible Polyneuropathie (HIV-DSP) ist die häufigste periphere Manifestation der HIV-Infektion.
  • Bei Entwicklung einer HAD unter cART mit supprimierter Viruslast sollte auf liquorgängige Substanzen (hoher CPE-Score) umgestellt werden.
  • Bei rasch zunehmenden zentralen Ausfällen muss an opportunistische Infektionen (PML, Toxoplasmose, Kryptokokkose) gedacht werden.
  • Zahlreiche neurologische Medikamente (insbesondere Antiepileptika) interagieren pharmakokinetisch stark mit antiretroviralen Substanzen.
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Hintergrund

Etwa 10–20 % der HIV-infizierten Patienten werden über eine neurologische Manifestation symptomatisch, und ca. 60 % entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine neurologische Funktionsstörung. Das HI-Virus ist bereits eine Woche nach der Primärinfektion im Liquor nachweisbar. Das zentrale Nervensystem (ZNS) fungiert als Virus-Reservoir, was zu einer mehrsegmentalen Neuroinflammation führt.

HIV-assoziiertes neurokognitives Defizit (HAND)

Eine neurokognitive Beeinträchtigung entwickeln 30–50 % aller Patienten. Die Klassifikation erfolgt nach den Frascati-Kriterien in drei Stufen:

StadiumKognitives DefizitAlltagsbeeinträchtigungBemerkung
ANPD (Asymptomatisch)≥ 2 Bereiche < 1 SDNeinErhöhtes Risiko für Folgestadien
MNCD (Mild)≥ 2 Bereiche < 1 SDJa (mild)Durch Familie/Partner bestätigt
HAD (Demenz)≥ 2 Bereiche < 2 SDJa (schwer)Meist auf fremde Hilfe angewiesen

Diagnostik: Die neurologische Untersuchung ist in Stadium 1 und 2 meist unauffällig. Ein unauffälliges cMRT schließt die Diagnose nicht aus. Eine Diskrepanz zwischen supprimierter HI-Viruslast im Plasma und nachweisbarer Viruslast im Liquor weist auf einen "viral CNS escape" hin.

Periphere Neuropathien

Neuromuskuläre Komplikationen sind häufig. Die diagnostische Zuordnung erfordert die Kenntnis des Immunstatus (CD4+-Zellen).

Neuropathie-FormKlinik & BesonderheitenTherapieansatz
HIV-DSPHäufigste Form. Sensibel, distal symmetrisch, längenabhängig.Symptomatisch (z.B. Capsaicin-Pflaster 8%, Gabapentin), cART.
HIV-ATNToxisch bedingt durch NRTI (z.B. d4T, ddI). Phänotypisch wie DSP.Absetzen der toxischen antiretroviralen Substanz.
GBS / AIDPAkut demyelinisierend, oft bei Serokonversion.Immunglobuline, Plasmapherese, cART.
CIDPChronisch demyelinisierend, bei moderatem Immundefekt.Kortikosteroide, Immunglobuline, cART.

Myopathien

  • Zidovudin-assoziierte Myopathie: Mitochondriale Schädigung mit proximal betonten Myalgien. Therapie: Absetzen der Substanz.
  • Sporadische Einschlusskörpermyositis (IBM): Tritt bei HIV-Patienten deutlich jünger auf (< 45 Jahre), zeigt hohe CK-Werte und eine stärkere Mitbeteiligung der proximalen Muskulatur der oberen Extremitäten. Therapie: i.v. Immunglobuline.

Opportunistische zerebrale Erkrankungen

Die Inzidenz ist durch die cART deutlich gesunken. Die häufigsten Erreger erfordern eine spezifische Diagnostik und Therapie:

ErkrankungDiagnostik-HighlightsTherapie der Wahl
Toxoplasma-EnzephalitiscMRT (ringförmig anreichernde Herde), IgG-Serologie positivPyrimethamin + Sulfadiazin + Folinsäure
PML (JC-Virus)Liquor-PCR, cMRT (multifokale Läsionen ohne KM-Aufnahme)cART zur Immunrekonstitution (keine spezifische Therapie gesichert)
Kryptokokken-MeningitisTuschepräparat (frischer Liquor), Latex-Antigen-TestLiposomales Amphotericin B + Flucytosin (Induktion)
Zytomegalievirus (CMV)Liquor-PCRGanciclovir i.v. oder Foscarnet i.v.
Primär zerebrales LymphomEBV-PCR im Liquor, cMRT, HirnbiopsiecART, Radiatio, Chemotherapie (Methotrexat)

Immunrekonstitutionssyndrom (IRIS)

Ein IRIS tritt häufig innerhalb der ersten 120 Tage nach Beginn einer erfolgreichen cART auf. Es äußert sich als atypischer Verlauf oder paradoxe Verschlechterung einer opportunistischen Infektion. Therapie: Fortführung der cART und Behandlung der Komplikationen; in schweren Fällen (z.B. ZNS-Tuberkulose) können Kortikosteroide indiziert sein.

Antiretrovirale Therapie (cART) und Interaktionen

Bei ZNS-Manifestationen (wie HAD) sollten Substanzen mit hoher Liquorgängigkeit (hoher CPE-Score) gewählt werden.

  • Hohe Liquorgängigkeit (CPE-Score 3-4): Azidothymidin (AZT), Abacavir (ABC), Emtricitabin (FTC), Nevirapin (NVP), Darunavir (DRV), Lopinavir (LPV/r), Raltegravir (RAL), Dolutegravir (DTG), Maraviroc (MVC).

Wichtige Interaktionen: Zahlreiche in der Neurologie angewendete Medikamente interagieren mit der cART. Proteasehemmer (PI) und Nicht-Nukleosid-analoge Reverse-Transkriptase-Hemmer (NNRTI) beeinflussen das Cytochrom-P450-System massiv.

  • Antiepileptika: Vor dem Einsatz von Valproinsäure, Phenytoin, Lamotrigin oder Carbamazepin muss zwingend ein Interaktionscheck (z.B. via hiv-druginteractions.org) erfolgen.

💡Praxis-Tipp

Prüfen Sie vor jeder Neuverordnung von Antiepileptika oder Kortikosteroiden bei HIV-Patienten zwingend die pharmakokinetischen Interaktionen mit der antiretroviralen Therapie. Denken Sie bei einer neurologischen Verschlechterung kurz nach cART-Beginn immer an ein Immunrekonstitutionssyndrom (IRIS).

Häufig gestellte Fragen

Bei gesicherter HIV-1-assoziierter Demenz (HAD) ist eine antiretrovirale Kombinationstherapie unabhängig von der aktuellen CD4+-Zellzahl indiziert.
Eine gute Liquorgängigkeit (hoher CPE-Score) ist unter anderem belegt für Azidothymidin (AZT), Abacavir (ABC), Dolutegravir (DTG), Darunavir (DRV) und Nevirapin (NVP).
Die distal symmetrische sensible Polyneuropathie (HIV-DSP) ist mit Abstand die häufigste periphere Manifestation im Kontext einer HIV-Infektion.
Die Standardtherapie besteht aus einer Kombination von Pyrimethamin und Sulfadiazin, ergänzt durch Folinsäure.
Das IRIS ist eine überschießende Entzündungsreaktion, die meist innerhalb von 120 Tagen nach Beginn einer cART auftritt und zu einer paradoxen Verschlechterung oder Demaskierung einer opportunistischen Infektion führt.

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