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Diagnostik bei Polyneuropathien: S1-Leitlinie (AWMF/DGN)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Anamnese und klinischer Befund sind die wichtigsten Säulen zur Klassifikation einer Polyneuropathie.
  • Die Elektrophysiologie ist essenziell zur Unterscheidung zwischen axonalen und demyelinisierenden Schädigungstypen.
  • Die Basisdiagnostik umfasst Anamnese, Klinik, Elektrophysiologie und Standardlabor (u.a. HbA1c, Vitamin B12, TSH, Immunfixation).
  • Bei unklarer Genese, jungem Erkrankungsalter oder positiver Familienanamnese ist eine genetische Diagnostik (bevorzugt Next-Generation-Sequencing) indiziert.
  • Nervenbiopsien sollten auf potenziell behandelbare Ursachen (z. B. Vaskulitis, Amyloidose) beschränkt bleiben.
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Hintergrund

Polyneuropathien (PNP) sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS). Sie können motorische, sensible und autonome Nerven betreffen. Die klinische Diagnose beruht primär auf der Anamnese und dem klinischen Befund. Der Krankheitsverlauf (akut ≤ 4 Wochen, subakut 4–8 Wochen, chronisch > 8 Wochen) ist diagnostisch richtungsweisend.

Basisdiagnostik

Die Diagnostik wird in obligate und fakultative Untersuchungen unterteilt:

  • Obligat: Anamnese, klinische Untersuchung, Elektrophysiologie, Standardlabor
  • Fakultativ: Erweitertes Labor, Liquoranalytik, Muskel-/Nerven-/Hautbiopsie, Genetik, bildgebende Diagnostik (Sonographie, MRT)

Klinische Manifestationstypen

Die Einteilung erfolgt nach zeitlichem Verlauf, betroffenen Systemen und Verteilungsmuster:

VerteilungstypTypische Ursachen / Beispiele
Distal symmetrisch sensibelAlkohol, Diabetes mellitus, Vitamin-B12-Mangel, chronische idiopathische axonale PNP (CIAP)
Distal symmetrisch sensomotorischGuillain-Barré-Syndrom (GBS), CIDP, hereditäre motorische und sensible Neuropathien (CMT)
Asymmetrisch (Mononeuropathia multiplex)Vaskulitische Neuropathie, HNPP, multifokale motorische Neuropathie (MMN), Borreliose
Proximal (und distal)Plexusneuritis, GBS, CIDP, Porphyrie

Elektrophysiologie

Die neurophysiologische Untersuchung (Elektroneurographie und Elektromyographie) ist essenziell, um den Schädigungstyp zu bestimmen:

SchädigungstypTypische Befunde
AxonalGleichmäßige Reduktion der Amplituden (motorisch und sensibel), NLG maximal um 30% der unteren Normwerte reduziert, pathologische Spontanaktivität im EMG (akut)
DemyelinisierendDistale Latenz verlängert, NLG herabgesetzt, Leitungsblock, pathologische temporale Dispersion, F-Wellen-Latenz verlängert

Labordiagnostik

Die laborchemischen Untersuchungen richten sich zunächst auf häufige und behandelbare Ursachen.

IndikationParameter
Standardlabor (Basis)BSG, CRP, Diff.-Blutbild, Elektrolyte, Leber-/Nierenwerte, Immunfixation, TSH, HbA1c, Vit. B12
V. a. funikuläre MyeloseHolo-Transcobalamin (frühester Marker), Methylmalonsäure
V. a. VaskulitisANA, ANCA, Rheumafaktor, Kryoglobuline, Hepatitis-/HIV-/Borrelien-Serologie
V. a. MMNIgM-Anti-GM1-Antikörper
V. a. (Para-)NodopathienAntikörper gegen NF-155, NF-186, Contactin-1, Caspr1

Guillain-Barré-Syndrom (GBS)

Das GBS ist eine akute, immunvermittelte Neuropathie. Die Diagnostik stützt sich auf klinische und apparative Kriterien:

KriteriumMerkmale
ErforderlichFortschreitende Schwäche der Arme und Beine, fehlende/abgeschwächte Muskeleigenreflexe, Progress ≤ 4 Wochen
UnterstützendRelative Symmetrie, Hirnnervenbeteiligung (Fazialisparese), Liquor (Eiweiß erhöht, Zellen <50/µl)

Chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP)

Die CIDP verläuft subakut bis chronisch. Die Diagnose erfordert den klinischen und elektrophysiologischen Nachweis.

KategorieKlinische Kriterien
Typische CIDPSymmetrische, proximale und distale Muskelschwäche, Sensibilitätsstörungen, Progress > 8 Wochen, Areflexie/Hyporeflexie
CIDP-VariantenDistal, multifokal, fokal, rein motorisch oder rein sensibel

Elektrophysiologischer Nachweis: Verlängerung der distal motorischen Latenz, Reduktion der motorischen NLG, Leitungsblöcke oder abnorme temporale Dispersion.

Genetik und Biopsie

  • Genetik: Indiziert bei jungem Erkrankungsalter, positiver Familienanamnese oder typischen Zeichen (Hohlfuß, Krallenzehen). Bevorzugt wird das Next-Generation-Sequencing (NGS). Ein signifikanter Anteil unklarer axonaler PNPs ist auf eine RFC1-Repeatexpansion zurückzuführen.
  • Nervenbiopsie: Indiziert bei Verdacht auf eine behandelbare Polyneuropathie, die anders nicht gesichert werden kann (z. B. isolierte Vaskulitis des peripheren Nerven, Amyloidose).
  • Hautbiopsie: Goldstandard bei Verdacht auf Small-fiber-Neuropathie (SFN) bei unauffälliger Standard-Elektroneurographie.

💡Praxis-Tipp

Bestimmen Sie bei Verdacht auf einen Vitamin-B12-Mangel immer Holo-Transcobalamin und Methylmalonsäure, insbesondere wenn der Serum-Vitamin-B12-Spiegel im niedrig-normalen Bereich liegt. Denken Sie bei unklarer chronischer axonaler Polyneuropathie (CIAP) auch an eine genetische Ursache wie die RFC1-Repeatexpansion.

Häufig gestellte Fragen

Bei jungem Erkrankungsalter, positiver Familienanamnese oder typischen klinischen Zeichen (z. B. Hohlfuß, Krallenzehen) einer hereditären Neuropathie.
BSG, CRP, Differentialblutbild, Elektrolyte, Leber- und Nierenwerte, Immunfixation, TSH, HbA1c und Vitamin B12.
Das GBS entwickelt sich akut innerhalb von maximal 4 Wochen, während die CIDP eine chronische Progredienz über mindestens 8 Wochen zeigt.
Nur bei Verdacht auf eine potenziell behandelbare Ursache, die anders nicht gesichert werden kann (z. B. Vaskulitis oder Amyloidose).
Durch klinische Testung (Temperatur/Schmerz), quantitative sensorische Testung (QST) und morphologische Quantifizierung der Hautinnervation mittels Hautbiopsie.

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