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Nicht-eitrige ZNS-Infektionen bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei Verdacht auf Virusenzephalitis ist eine zeitnahe MRT-Bildgebung und Liquordiagnostik (PCR) obligat.
  • Bei enzephalitischer Symptomatik muss sofort und ohne Verzug eine intravenöse Therapie mit Aciclovir eingeleitet werden.
  • Die unkomplizierte Virusmeningitis wird rein symptomatisch behandelt.
  • Eine primäre HSV-Enzephalitis kann eine sekundäre NMDA-Rezeptor-Enzephalitis triggern.
  • Zur Abgrenzung einer bakteriellen Meningitis helfen der Bacterial Meningitis Score (BMS) und Procalcitonin.
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Hintergrund

Nicht-eitrige Infektionen von Gehirn und Rückenmark im Kindes- und Jugendalter umfassen eine heterogene Gruppe meist viral bedingter Erkrankungen. Zu den Hauptmanifestationen zählen Meningitis, Enzephalitis, Zerebellitis, Myelitis und Neuritiden.

ErregergruppeTypische ErregerHäufige Manifestationen
HerpesvirenHSV-1/2, VZV, CMV, EBV, HHV-6Enzephalitis, Meningitis, Vaskulitis, Neuritiden
EnterovirenECHO, Coxsackie, EV-68/71Meningitis, Enzephalitis, Polio-like Myelitis
ArbovirenFSME-VirusMeningoenzephalitis, Myelitis
Respiratorische VirenInfluenza, SARS-CoV-2Enzephalopathie, Enzephalitis, Myelitis

Klinische Krankheitsbilder

Die Symptomatik setzt sich aus spezifisch-neurologischen und akuten nicht-neurologischen Symptomen (z.B. Atemwegsinfekt, Exanthem) zusammen. Charakteristisch für erregerbedingte Enzephalitiden sind biphasische Verläufe.

  • Nicht-eitrige Meningitis: Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen, Meningismus. Bei Säuglingen oft unspezifisch (Trinkschwäche, Apnoe).
  • Enzephalitis: Fieber, Kopfschmerzen, qualitative/quantitative Bewusstseinsstörungen, fokal-neurologische Ausfälle, Krampfanfälle.
  • Zerebellitis: Akute Ataxie, Okulomotorikstörungen.
  • Myelitis: Sensorische, motorische (Paresen) und vegetative Beschwerden (Blasen-Mastdarm-Störung).

Diagnostik

Die Diagnosestellung basiert auf Anamnese, Klinik, Liquordiagnostik und Bildgebung.

Liquordiagnostik

Die Basisdiagnostik umfasst Zellzahl, Glukose, Protein und Laktat. Bei Virusmeningitis zeigt sich typischerweise eine mononukleäre Pleozytose (11–500 Zellen/mm³), leicht erhöhtes Protein (<100 mg/dl) und normale Glukose.

Molekulare Diagnostik: Die Liquor-PCR ist der Goldstandard bei Enzephalitis (v.a. HSV 1/2, VZV, Enteroviren).

Abgrenzung zur bakteriellen Meningitis

Zur Differenzierung helfen Serum-Procalcitonin (Cut-off 0,5 ng/ml) und der Bacterial Meningitis Score (BMS) (Anwendung ab 4 Monaten):

Kriterium (BMS)Befund
Gram-FärbungPositiv im Liquor
Neutrophile (Liquor)> 1.000 Zellen/µl
Protein (Liquor)> 80 mg/dl
Neutrophile (Blut)> 10.000 Zellen/µl
KlinikAnamnestischer Krampfanfall

Bemerkung: Sind alle Kriterien negativ, ist eine nicht-eitrige Meningitis sehr wahrscheinlich.

Bildgebung

Die MRT ist der Goldstandard zum frühen Nachweis einer Enzephalitis. Eine cCT sollte nur in Ausnahmefällen bei instabilen Patienten zum Ausschluss von Blutungen/Tumoren erfolgen.

Therapie

Die unkomplizierte Virusmeningitis wird rein symptomatisch behandelt. Bei Verdacht auf Enzephalitis handelt es sich um einen Notfall.

  • Empirische Therapie: Bei enzephalitischer Symptomatik ohne eindeutige Ätiologie muss unverzüglich eine intravenöse Therapie mit Aciclovir (sowie empirisch Antibiotika bis zum Ausschluss einer bakteriellen Genese) begonnen werden.
  • Symptomatische Therapie: Antipyrese, Antikonvulsiva, Hirndruck-Monitoring.

Spezifische antivirale Therapie

ErregerMedikament der 1. WahlDosierung (normale Nierenfunktion)
HSV-1, HSV-2Aciclovir i.v.<3 Mon: 20 mg/kg 3x/tgl. <br> 3 Mon-12 J: 500 mg/m² 3x/tgl. <br> >12 J: 10 mg/kg 3x/tgl.
VZVAciclovir i.v.Analog zu HSV
CMVGanciclovir i.v.(v.a. bei konnataler Infektion / Immunsuppression)
Influenza A/BOseltamivir p.o.Gewichts- und altersadaptiert über mind. 5 Tage

Besondere Krankheitsbilder

HSV-Enzephalitis

Die Therapie erfolgt mit Aciclovir i.v. für in der Regel 21 Tage. Wichtig: In den ersten 2 Monaten nach einer HSV-Enzephalitis kann es zu einer erneuten neurologischen Verschlechterung kommen. Häufigste Ursache ist hierbei keine Virusreaktivierung, sondern eine post-infektiöse NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, die immunmodulatorisch (Steroide, Immunglobuline) behandelt werden muss.

Polio-Like-Erkrankungen (Acute Flaccid Paralysis)

Häufigste infektiöse Ursache sind Enteroviren (EV 68, EV 71). Es kommt zu einer schlaffen, asymmetrischen Lähmung nach einem Infekt.

💡Praxis-Tipp

Verzögern Sie bei Verdacht auf eine Enzephalitis niemals den Beginn der intravenösen Aciclovir-Therapie durch das Warten auf MRT- oder PCR-Befunde. Denken Sie bei einer sekundären Verschlechterung nach HSV-Enzephalitis stets an eine NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Häufig gestellte Fragen

Nur in Ausnahmefällen bei instabilen Patienten, die nicht MRT-tauglich sind, um Differenzialdiagnosen wie Hirnblutungen auszuschließen. Der Goldstandard ist die MRT.
Die Behandlung der unkomplizierten Virusmeningitis erfolgt rein symptomatisch.
Die häufigsten infektiösen Ursachen für akute schlaffe Lähmungen (Non-Polio) sind Enteroviren, insbesondere EV 68 und EV 71.
Der Bacterial Meningitis Score (BMS) in Kombination mit dem Serum-Procalcitonin-Wert (Meningitest) hilft bei der Differenzierung.
Die Standardtherapie besteht aus intravenösem Aciclovir für in der Regel 21 Tage.

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