Nachhaltigkeit in Intensiv- & Notfallmedizin (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Einrichtung einer Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Integration als Bewertungskriterium im Einkauf.
- •Bevorzugung von Sevofluran gegenüber Isofluran bei kurzzeitiger inhalativer Sedierung (<72h) aufgrund des geringeren Treibhauspotenzials.
- •Einsatz von vorkonfektionierten Fertigsets und konservative Lagerhaltung in Isolationszimmern zur Abfallreduktion.
- •Implementierung restriktiver Transfusionsstrategien (Patient Blood Management) zur Vermeidung unnötiger Blutgaben.
- •Strikt indikationsgerechter Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) wie Einmalhandschuhen und Masken.
Hintergrund
Das Gesundheitswesen ist global für etwa 4,4 % der Netto-Treibhausgasemissionen verantwortlich. In Deutschland beläuft sich dieser Anteil auf 5,2 % (ca. 68 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente). Die Intensiv- und Notfallmedizin gilt aufgrund des hohen technischen und materiellen Aufwands als CO2-Hotspot. Eine Intensivbehandlung verbraucht signifikante Mengen an Energie (z. B. 15 kWh/Tag pro Patient) und produziert große Mengen an Abfall. Die S1-Leitlinie zielt darauf ab, ökologisch verantwortungsvolles Handeln in diesen ressourcenintensiven Bereichen zu etablieren.
Organisationsstrukturen
Um Nachhaltigkeit strategisch im Krankenhaus zu verankern, werden strukturelle Anpassungen empfohlen:
- Stabsstelle Nachhaltigkeit: Einrichtung einer übergeordneten Stabsstelle zur Planung und Koordination.
- Green Teams: Lokale Teams auf den Stationen zur Umsetzung im Regelbetrieb.
- Einkauf: Einführung eines verpflichtenden Bewertungskriteriums "Nachhaltigkeit" bei der Beschaffung von Medizinprodukten und Arzneimitteln.
- Digitalisierung: Nutzung elektronischer Patientenakten und Order-Entry-Systeme zur Vermeidung von Doppeluntersuchungen.
Ressourcen- und Materialmanagement
Das Ressourcenmanagement sollte sich am 4-R-Konzept (Reduce, Reuse, Recycle, Rethink) orientieren.
| Maßnahme | Umsetzungsempfehlung | Ziel / Bemerkung |
|---|---|---|
| Fertigsets | Einsatz individuell angepasster, vorkonfektionierter Sets (z. B. ZVK-Anlage) | Reduktion von Verpackungsmüll und ungenutztem Material |
| Isolationszimmer | Maximal konservative Lagerhaltung | Vermeidung von Materialverwurf nach Isolationsende |
| Recycling | Etablierung effektiver Recyclingpläne für jedes Medizinprodukt | Mülltrennung und Reduktion von verbrennungspflichtigem Abfall |
| Mehrwegprodukte | Bevorzugter Einkauf wiederverwendbarer Produkte | Oft ökologisch und ökonomisch vorteilhafter als Einwegartikel |
| Lebenszyklusanalysen | Verpflichtende Durchführung von Life Cycle Assessments (LCA) | Ganzheitliche Bewertung der Umweltwirkungen ("cradle to grave") |
Labordiagnostik
Bis zu 40 % der angeforderten Labortests gelten als unangemessen. Eine sinnvolle Laborteststrategie (SOP) ist essenziell:
- Verzicht auf tägliche Routine-Panels zugunsten einer indikationsbezogenen Anforderung.
- Festlegung von Mindestintervallen für Wiederholungsuntersuchungen.
- Nutzung von Order-Entry-Systemen zur Vermeidung redundanter Tests.
Arzneimitteltherapie
Die Herstellung und Logistik von Medikamenten verursachen erhebliche indirekte CO2-Emissionen.
- Pharmazeutische Reviews: Regelmäßige Überprüfung der Verordnungen zur Vermeidung von Übertherapie (z. B. Absetzen von PPI oder Thromboseprophylaxen, wenn nicht mehr indiziert).
- Applikationsweg: Frühzeitiger Wechsel von intravenöser zu oraler Therapie, da Infusionen einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck und Materialverbrauch (Infusionssets, Nadeln) aufweisen.
Inhalative Sedierung
Volatile Anästhetika sind starke Treibhausgase. Die Indikation zur inhalativen Sedierung auf der Intensivstation muss streng gestellt werden.
| Wirkstoff | GWP (100 Jahre) | Empfehlung laut Leitlinie |
|---|---|---|
| Sevofluran | 130 | Bevorzugt für kurzzeitige Sedierungen (< 72 h) |
| Isofluran | 510 | Nur unter strenger Indikation (ozonschädigend) |
| Lachgas | 298 | (In der Intensivmedizin nicht primär relevant) |
| Desfluran | 2.540 | (Aufgrund extrem hoher Klimawirksamkeit obsolet) |
Hinweis: GWP = Global Warming Potential (Treibhauspotenzial).
Zusätzlich sollte für die inhalative Sedierung zwingend ein Scavenger-System (Auffangsystem) mit Aktivkohlefiltern eingesetzt werden, um die Gase aufzufangen und idealerweise dem Recycling zuzuführen.
Patient Blood Management (PBM)
Etwa 22-57 % aller Bluttransfusionen erfolgen aufgrund unzureichender Indikationsstellung. Jede Blutkonserve verursacht ca. 6,5 kg CO2.
- Restriktive Transfusionsstrategie: Transfusion erst bei niedrigeren Hämoglobinwerten und Gabe von zunächst nur einer Einheit.
- PBM-Programme: Jede Klinik sollte ein Programm zur Minimierung unnötiger Transfusionen etablieren.
Hygiene und persönliche Schutzausrüstung (PSA)
Infektionsprävention ist essenziell, muss jedoch auf Übergebrauch geprüft werden. Der Einsatz von PSA soll ausschließlich indikationsgerecht erfolgen.
| PSA-Komponente | Empfehlung zur Nachhaltigkeit |
|---|---|
| Unsterile Handschuhe | Strikt auf empfohlene Indikationen begrenzen. Ersetzen nicht die Händedesinfektion. |
| Sterile Handschuhe | Nur bei strenger Indikation. Produktion ist ressourcenintensiver als bei unsterilen Handschuhen. |
| Mund-Nasen-Schutz (MNS) | Maskentyp nach Indikation wählen (MNS vor FFP2 vor FFP3). FFP2 hat eine bis zu 5-fach höhere CO2-Bilanz als MNS. |
| Einmalschürzen | Nur bei potenzieller Gefährdung (z. B. "feuchte Brücke" bei nässenden Wunden) einsetzen. |
Bei indikationsgerechtem Einsatz kann eine Überdesinfektion von Handschuhen (Desinfektion der behandschuhten Hände) anstelle eines Wechsels erwogen werden, sofern die Kompatibilität des Materials gegeben ist.
💡Praxis-Tipp
Überprüfen Sie täglich die Indikation für Laboruntersuchungen und Medikamente. Ein frühzeitiger Wechsel von intravenöser zu oraler Medikation spart nicht nur Material, sondern reduziert auch signifikant den CO2-Fußabdruck.