Diabetes bei Kindern: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Typ-1-Diabetes wird in drei Stadien eingeteilt, basierend auf Autoantikörpern und Blutzuckerwerten.
- •Die Diagnose erfolgt bei Gelegenheitsblutzucker ≥ 200 mg/dl mit Symptomen, Nüchternblutzucker ≥ 126 mg/dl oder HbA1c ≥ 6,5 %.
- •Die intensivierte Insulintherapie ist der Behandlungsstandard für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes.
- •Insulinpumpen (CSII) und kontinuierliche Glukosemessung (CGM) sollen direkt nach Manifestation angeboten werden.
- •Automatisierte Insulin-Dosierungssysteme (AID) werden für alle geeigneten Patienten empfohlen.
Hintergrund
Der Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter. Die S3-Leitlinie fokussiert sich auf die frühzeitige Erkennung, Diagnostik und moderne technologiegestützte Therapieformen, um akute Komplikationen wie die diabetische Ketoazidose (DKA) zu vermeiden und Langzeitfolgen zu minimieren.
Stadieneinteilung des Typ-1-Diabetes
Der Typ-1-Diabetes entwickelt sich in drei definierten Stadien:
| Stadium | Autoantikörper | Blutzucker / HbA1c | Klinische Symptome |
|---|---|---|---|
| 1 | ≥ 2 positiv | Normoglykämie | Keine |
| 2 | ≥ 2 positiv | Dysglykämie (Nüchtern 100-125 mg/dl, 2h-oGTT 140-199 mg/dl, HbA1c 5,7-6,4 %) | Keine |
| 3 | Positiv | Hyperglykämie | Vorhanden |
Diagnostik und Klassifikation
Die Diagnose eines Diabetes mellitus gilt als gesichert, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
| Parameter | Grenzwert |
|---|---|
| Gelegenheits-Plasmaglukose | ≥ 200 mg/dl (11,1 mmol/l) + klinische Symptomatik |
| Nüchtern-Plasmaglukose | ≥ 126 mg/dl (7,0 mmol/l) |
| 2h-Plasmaglukose (oGTT) | ≥ 200 mg/dl (11,1 mmol/l) |
| HbA1c | ≥ 6,5 % (48 mmol/mol) |
Bei klinischem Verdacht auf Typ-1-Diabetes soll die Bestimmung von Diabetes-assoziierten Antikörpern erfolgen (Empfehlungsgrad A). Dazu gehören:
- Inselzellantikörper (ICA)
- Insulinautoantikörper (IAA)
- Glutamat-Decarboxylase-Antikörper (GAD65A)
- Tyrosinphosphatase-Antikörper (IA-2A, IA-2ß)
- Zink-Transporter-8-Antikörper (ZnT8)
Sind keine Antikörper nachweisbar, sollen differentialdiagnostisch andere Formen (z. B. Typ-2-Diabetes, MODY) in Betracht gezogen werden (Empfehlungsgrad A).
Insulintherapie
Die intensivierte Insulintherapie ist der Behandlungsstandard bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes (Empfehlungsgrad A).
| Insulinart | Einsatzgebiet | Empfehlung |
|---|---|---|
| (Ultra-)schnellwirksame Analoga / Normalinsulin | Prandiale Substitution, intravenöse Therapie | Flexibler Einsatz je nach Situation (Empfehlungsgrad B) |
| NPH-Insulin / Langwirksame Analoga | Basale Insulinsubstitution | Individueller Einsatz (Empfehlungsgrad 0) |
Hinweis: Adjunktive medikamentöse Therapien wie Metformin oder SGLT-2-Hemmer sollten im Kindes- und Jugendalter in der Regel nicht empfohlen werden (Empfehlungsgrad B).
Diabetes und Technologie
Der Einsatz moderner Diabetestechnologie wird stark empfohlen, um die Stoffwechselkontrolle zu verbessern und Hypoglykämien zu vermeiden:
- Insulinpumpentherapie (CSII): Soll allen Kindern und Jugendlichen direkt nach Manifestation angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
- Kontinuierliche Glukosemessung (CGM): Soll allen Patienten mit ICT- oder Pumpentherapie angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
- Automated Insulin Delivery (AID): Ein AID-System sollte allen Patienten mit Pumpentherapie angeboten werden, sofern eine sichere Anwendung gewährleistet ist (Empfehlungsgrad B). Die Auswahl soll individuell erfolgen (Empfehlungsgrad A).
Assoziierte Autoimmunerkrankungen
Aufgrund des erhöhten Risikos für Begleiterkrankungen wird bei Manifestation (und ausgeglichener Stoffwechsellage) ein Screening empfohlen auf:
- Zöliakie: Gesamt-IgA, Transglutaminase-Antikörper (tTG-IgA)
- Autoimmunthyreoiditis: TPO-Antikörper, TSH, fT4
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei der Erstmanifestation eines Typ-1-Diabetes frühzeitig die Möglichkeiten der Diabetestechnologie. Die Kombination aus Insulinpumpe und CGM (bzw. AID-Systemen) sollte direkt nach Diagnosestellung initiiert werden, um die Stoffwechseleinstellung langfristig zu optimieren.