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Perioperative Hypothermie: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Eine perioperative Hypothermie ist definiert als eine Körperkerntemperatur von < 36,0 °C.
  • Die sublinguale Temperaturmessung ist perioperativ das bevorzugte nicht-invasive Verfahren; Infrarot-Ohr- und axilläre Messungen werden nicht empfohlen.
  • Ein aktives Prewarming (z.B. konvektiv für 10-30 Minuten) soll vor jeder Allgemein- und Regionalanästhesie erfolgen.
  • Intraoperativ soll ab einer Anästhesiedauer von > 30 Minuten aktiv gewärmt werden, bei einer OP-Saal-Temperatur von mindestens 21 °C.
  • Postoperatives Shivering wird primär durch aktive Wärmung und ergänzend medikamentös (z.B. Pethidin, Clonidin im Off-Label-Use) behandelt.
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Hintergrund

Die normale Körperkerntemperatur des wachen Erwachsenen liegt zwischen 36,0 °C und 37,5 °C. Eine perioperative Hypothermie ist definiert als ein Abfall der Körperkerntemperatur auf < 36,0 °C. Unbeabsichtigte Auskühlung führt zu signifikanten Komplikationen und sollte durch ein konsequentes Temperaturmanagement bei allen chirurgischen Patienten vermieden werden.

KomplikationPathophysiologie / Auswirkung
Kardiale EreignisseErhöhtes Risiko für Ischämien und Rhythmusstörungen
GerinnungsstörungenVermehrte Blutung und erhöhter Transfusionsbedarf
WundheilungsstörungenErhöhte Rate an Wundinfektionen durch periphere Vasokonstriktion
Postoperatives ShiveringErhöhung des Sauerstoffverbrauchs um ca. 40 %
Erhöhte LetalitätUnabhängiger Risikofaktor bei kritisch kranken Patienten

Temperaturmessung

Die Körperkerntemperatur ist ein Vitalparameter und soll perioperativ lückenlos überwacht werden. Präoperativ erfolgt die Messung 1-2 Stunden vor Anästhesiebeginn, intraoperativ kontinuierlich oder mindestens alle 15 Minuten.

MessmethodeBewertung / IndikationEvidenz
SublingualBevorzugte Methode perioperativ beim wachen PatientenEmpfehlungsgrad A
Stirn-WärmeflusssensorAlternative (Zero-Heat-Flux / Doppelsensor), nicht bei < 32 °CEmpfehlungsgrad B
Ösophageal / VesikalIntraoperativ gut geeignet (vesikal abhängig von Diurese/Spülung)Empfehlungsgrad A
Rektal (Erwachsene)Unzuverlässig (hohe Messlatenz), VerletzungsgefahrNicht empfohlen
Infrarot-Ohr / AxillärUngenau, schlechte Korrelation zur KerntemperaturNicht empfohlen

Sonderfall Kinder: Bis zum 2. Lebensjahr soll prä- und postoperativ rektal (Empfehlungsgrad A) und intraoperativ oro-/nasopharyngeal gemessen werden.

Präoperative Phase (Prewarming)

Die Vorwärmung verhindert den initialen Temperaturabfall durch Wärmeumverteilung nach Narkoseeinleitung.

  • Patienten sollen vor Einleitung einer Allgemein- oder Regionalanästhesie aktiv gewärmt werden (Empfehlungsgrad A).
  • Bevorzugt wird die konvektive Wärmung (40-44 °C warme Luft) für idealerweise 30 Minuten, mindestens jedoch 10 Minuten.
  • Alternativ können konduktive Verfahren eingesetzt werden.

Intraoperative Phase

Während der Operation ist der Erhalt der Normothermie das primäre Ziel. Die OP-Saaltemperatur soll für Erwachsene und Kinder mindestens 21 °C betragen.

MaßnahmeIndikation / DurchführungEvidenz
Aktive WärmungBei Anästhesiedauer > 30 Min. (konvektiv oder konduktiv)Empfehlungsgrad A
Verzicht auf WärmungNur möglich bei Anästhesie < 60 Min., WENN zuvor aktiv vorgewärmt wurdeExpertenkonsensus
InfusionswärmungErgänzend bei Infusionsraten > 500 ml/h (bevorzugt Inline-Wärmung)Empfehlungsgrad B
SpüllösungenVorwärmung auf 38-40 °C (Ausnahme: Gelenkspülungen)Empfehlungsgrad A
IsolationAbdeckung der größtmöglichen nicht aktiv gewärmten KörperoberflächeExpertenkonsensus

Postoperative Phase und Shivering

Die Ausleitung der Anästhesie sollte in Normothermie erfolgen. Tritt postoperatives Kältezittern (Shivering) auf, ist dies primär durch aktive Wärmung zu behandeln. Bis zum Erreichen der Normothermie kann ergänzend eine medikamentöse Therapie erfolgen (Achtung: Off-Label-Use).

StufeWirkstoffDosierung (i.v.)Bemerkung
1. WahlPethidin0,35 – 0,7 mg/kgOff-Label-Use beachten
1. WahlClonidin0,15 – 0,3 µg/kgOff-Label-Use beachten
2. WahlOndansetron4 – 8 mgOff-Label-Use beachten
2. WahlNefopam0,15 – 0,2 mg/kgOff-Label-Use beachten
2. WahlTramadol1 – 3 mg/kgOff-Label-Use beachten

Auf der nachsorgenden Station muss bei hypothermen Patienten die Temperatur regelmäßig (z.B. alle 15 Minuten) kontrolliert und aktiv gewärmt werden, bis die Normothermie erreicht ist.

💡Praxis-Tipp

Beginnen Sie mit dem aktiven Prewarming (konvektive Luftwärmung) idealerweise 30 Minuten vor Narkoseeinleitung. Verzichten Sie bei Erwachsenen auf ungenaue Infrarot-Ohrthermometer und nutzen Sie stattdessen die sublinguale Messung.

Häufig gestellte Fragen

Eine perioperative Hypothermie liegt bei einer Körperkerntemperatur von unter 36,0 °C vor.
Beim wachen Patienten wird die sublinguale Messung empfohlen. Intraoperativ eignen sich oro-/nasopharyngeale, ösophageale oder vesikale Messungen. Infrarot-Ohrthermometer werden nicht empfohlen.
Eine intraoperative Infusionswärmung sollte bei höheren Infusionsraten von über 500 ml/h ergänzend eingesetzt werden.
Mittel der ersten Wahl sind Pethidin (0,35 – 0,7 mg/kg i.v.) oder Clonidin (0,15 – 0,3 µg/kg i.v.). Die Gabe erfolgt im Off-Label-Use und sollte immer mit aktiver Wärmung kombiniert werden.

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