Perioperative Hypothermie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Eine perioperative Hypothermie ist definiert als eine Körperkerntemperatur von < 36,0 °C.
- •Die sublinguale Temperaturmessung ist perioperativ das bevorzugte nicht-invasive Verfahren; Infrarot-Ohr- und axilläre Messungen werden nicht empfohlen.
- •Ein aktives Prewarming (z.B. konvektiv für 10-30 Minuten) soll vor jeder Allgemein- und Regionalanästhesie erfolgen.
- •Intraoperativ soll ab einer Anästhesiedauer von > 30 Minuten aktiv gewärmt werden, bei einer OP-Saal-Temperatur von mindestens 21 °C.
- •Postoperatives Shivering wird primär durch aktive Wärmung und ergänzend medikamentös (z.B. Pethidin, Clonidin im Off-Label-Use) behandelt.
Hintergrund
Die normale Körperkerntemperatur des wachen Erwachsenen liegt zwischen 36,0 °C und 37,5 °C. Eine perioperative Hypothermie ist definiert als ein Abfall der Körperkerntemperatur auf < 36,0 °C. Unbeabsichtigte Auskühlung führt zu signifikanten Komplikationen und sollte durch ein konsequentes Temperaturmanagement bei allen chirurgischen Patienten vermieden werden.
| Komplikation | Pathophysiologie / Auswirkung |
|---|---|
| Kardiale Ereignisse | Erhöhtes Risiko für Ischämien und Rhythmusstörungen |
| Gerinnungsstörungen | Vermehrte Blutung und erhöhter Transfusionsbedarf |
| Wundheilungsstörungen | Erhöhte Rate an Wundinfektionen durch periphere Vasokonstriktion |
| Postoperatives Shivering | Erhöhung des Sauerstoffverbrauchs um ca. 40 % |
| Erhöhte Letalität | Unabhängiger Risikofaktor bei kritisch kranken Patienten |
Temperaturmessung
Die Körperkerntemperatur ist ein Vitalparameter und soll perioperativ lückenlos überwacht werden. Präoperativ erfolgt die Messung 1-2 Stunden vor Anästhesiebeginn, intraoperativ kontinuierlich oder mindestens alle 15 Minuten.
| Messmethode | Bewertung / Indikation | Evidenz |
|---|---|---|
| Sublingual | Bevorzugte Methode perioperativ beim wachen Patienten | Empfehlungsgrad A |
| Stirn-Wärmeflusssensor | Alternative (Zero-Heat-Flux / Doppelsensor), nicht bei < 32 °C | Empfehlungsgrad B |
| Ösophageal / Vesikal | Intraoperativ gut geeignet (vesikal abhängig von Diurese/Spülung) | Empfehlungsgrad A |
| Rektal (Erwachsene) | Unzuverlässig (hohe Messlatenz), Verletzungsgefahr | Nicht empfohlen |
| Infrarot-Ohr / Axillär | Ungenau, schlechte Korrelation zur Kerntemperatur | Nicht empfohlen |
Sonderfall Kinder: Bis zum 2. Lebensjahr soll prä- und postoperativ rektal (Empfehlungsgrad A) und intraoperativ oro-/nasopharyngeal gemessen werden.
Präoperative Phase (Prewarming)
Die Vorwärmung verhindert den initialen Temperaturabfall durch Wärmeumverteilung nach Narkoseeinleitung.
- Patienten sollen vor Einleitung einer Allgemein- oder Regionalanästhesie aktiv gewärmt werden (Empfehlungsgrad A).
- Bevorzugt wird die konvektive Wärmung (40-44 °C warme Luft) für idealerweise 30 Minuten, mindestens jedoch 10 Minuten.
- Alternativ können konduktive Verfahren eingesetzt werden.
Intraoperative Phase
Während der Operation ist der Erhalt der Normothermie das primäre Ziel. Die OP-Saaltemperatur soll für Erwachsene und Kinder mindestens 21 °C betragen.
| Maßnahme | Indikation / Durchführung | Evidenz |
|---|---|---|
| Aktive Wärmung | Bei Anästhesiedauer > 30 Min. (konvektiv oder konduktiv) | Empfehlungsgrad A |
| Verzicht auf Wärmung | Nur möglich bei Anästhesie < 60 Min., WENN zuvor aktiv vorgewärmt wurde | Expertenkonsensus |
| Infusionswärmung | Ergänzend bei Infusionsraten > 500 ml/h (bevorzugt Inline-Wärmung) | Empfehlungsgrad B |
| Spüllösungen | Vorwärmung auf 38-40 °C (Ausnahme: Gelenkspülungen) | Empfehlungsgrad A |
| Isolation | Abdeckung der größtmöglichen nicht aktiv gewärmten Körperoberfläche | Expertenkonsensus |
Postoperative Phase und Shivering
Die Ausleitung der Anästhesie sollte in Normothermie erfolgen. Tritt postoperatives Kältezittern (Shivering) auf, ist dies primär durch aktive Wärmung zu behandeln. Bis zum Erreichen der Normothermie kann ergänzend eine medikamentöse Therapie erfolgen (Achtung: Off-Label-Use).
| Stufe | Wirkstoff | Dosierung (i.v.) | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 1. Wahl | Pethidin | 0,35 – 0,7 mg/kg | Off-Label-Use beachten |
| 1. Wahl | Clonidin | 0,15 – 0,3 µg/kg | Off-Label-Use beachten |
| 2. Wahl | Ondansetron | 4 – 8 mg | Off-Label-Use beachten |
| 2. Wahl | Nefopam | 0,15 – 0,2 mg/kg | Off-Label-Use beachten |
| 2. Wahl | Tramadol | 1 – 3 mg/kg | Off-Label-Use beachten |
Auf der nachsorgenden Station muss bei hypothermen Patienten die Temperatur regelmäßig (z.B. alle 15 Minuten) kontrolliert und aktiv gewärmt werden, bis die Normothermie erreicht ist.
💡Praxis-Tipp
Beginnen Sie mit dem aktiven Prewarming (konvektive Luftwärmung) idealerweise 30 Minuten vor Narkoseeinleitung. Verzichten Sie bei Erwachsenen auf ungenaue Infrarot-Ohrthermometer und nutzen Sie stattdessen die sublinguale Messung.