ClariMedClariMed

Arbeiten unter klimatischen Belastungen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die alleinige Betrachtung der Temperatur reicht zur Beurteilung klimatischer Belastungen nicht aus; Klimasummenmaße sind erforderlich.
  • Bei Hitzearbeit darf die Körperkerntemperatur dauerhaft nicht über 38,5 °C ansteigen.
  • Beim anstrengungsbedingten Hitzschlag gilt: "cool first, transport second" (sofortige Ganzkörperkühlung vor dem Transport).
  • Bei Kältearbeit droht ab einer Hauttemperatur von < 8 °C eine Nervenblockade, wodurch Erfrierungen nicht mehr wahrgenommen werden.
  • Fällt die Körperkerntemperatur unter 35,5 °C, sind unverzüglich Aufwärmmaßnahmen einzuleiten.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Klima am Arbeitsplatz wird in drei Bereiche eingeteilt: den Behaglichkeitsbereich (Komfortbereich), den wärmebelasteten Arbeitsbereich und den kältebelasteten Arbeitsbereich. Klimabedingte Gesundheitsgefährdungen treten auf, wenn ein thermoregulatorischer Gleichgewichtszustand nicht mehr möglich ist oder es zu starken lokalen Erwärmungen/Auskühlungen kommt.

Das Raumklima wird über vier physikalische Grundparameter definiert:

  • Lufttemperatur
  • Luftfeuchtigkeit
  • Luftgeschwindigkeit
  • Wärmestrahlung (falls abweichend von der Lufttemperatur)

Starker Konsens: Die alleinige Betrachtung der Temperatur ist für die Bewertung der klimatischen Belastung in der Regel nicht ausreichend. Es müssen Klimasummenmaße gebildet werden, die auch Arbeitsschwere, Bekleidungsisolation und Akklimatisationsgrad berücksichtigen.

Kältebelastete Arbeitsbereiche

Arbeiten in Kälte können zu systemischer Unterkühlung (Hypothermie) oder lokalen Erfrierungen führen.

Lokale Kälteauswirkungen

Die Hautoberflächentemperatur ist ein entscheidender Faktor für die manuelle Leistungsfähigkeit und das Verletzungsrisiko:

HautoberflächentemperaturAuswirkungen
32 - 36 °COptimaler Temperaturbereich
< 32 °CVerschlechterung der Oberflächenwahrnehmung
< 16 °CSchmerzen (bei Abkühlung großer Bereiche)
< 8 °CVerlust der Sensitivität
< 6 °CNervenblockade

Starker Konsens: Ein Absinken der Hautoberflächentemperatur unter +8 °C kann zu Nervenblockaden führen, sodass die Gefahr einer bevorstehenden Erfrierung nicht mehr wahrgenommen wird.

Lokale Erfrierungen werden in vier Schweregrade eingeteilt:

GradBetroffene SchichtenSymptome und Verlauf
1EpidermisInitial weiß/gelblich, taut rasch auf, Rötung, Schmerzen. Keine Blasenbildung.
2Epidermis & superfizielle DermisBlasen mit klarer Flüssigkeit nach mehreren Stunden, Schwellung.
3Dermis & subkutanes GewebeHämorrhagische Blasen, frühe nekrotische Veränderungen.
4Alle Schichten inkl. KnochenInitial unbeweglich, dauerhafter Gewebsverlust, Autoamputation möglich.

Systemische Hypothermie

Die systemische Unterkühlung wird anhand der Körperkerntemperatur in verschiedene Stadien eingeteilt:

StadiumKörperkerntemperaturSymptomePräklinische Maßnahmen
1 (Abwehr)35-34 °CTachykardie, Hypertonie, MuskelzitternPassive Wiedererwärmung, nasse Kleidung entfernen, süße Getränke
2 (Erschöpfung)33-31 °CBradyarrhythmie, Hypotonie, MuskelstarreAktive Wiedererwärmung (Körperstamm!), zügiger Transport
3 (Lähmung)30-27 °CBewusstlosigkeit, Areflexie, BradypnoeTransport in Zentrum mit extrakorporaler Erwärmung (ECLS)
4 (Scheintod)< 27 °CAsystolie, Apnoe, lichtstarre PupillenLänger reanimieren ("Nobody's dead until he's warm and dead!")

Empfehlung (Starker Konsens): Beim Absinken der Körperkerntemperatur unter 35,5 °C sind unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen. In kältebelasteten Innenräumen (ab Kältebereich II) muss immer mindestens zu zweit und in Sichtkontakt gearbeitet werden.

Wärmebelastete Arbeitsbereiche

Bei Hitzearbeit versucht der Körper, durch Vasodilatation und Schweißbildung abzukühlen. Reicht dies nicht aus, steigt die Körperkerntemperatur.

Empfehlung (Starker Konsens): Es sind Maßnahmen zu ergreifen, damit die Körperkerntemperatur bei Arbeiten unter Hitzebelastung dauerhaft nicht über 38,5 °C ansteigt.

Hitzeerkrankungen

KrankheitsbildUrsacheSymptomePräklinische Therapie
HitzekrampfElektrolyt- und WassermangelSchmerzhafte Muskelkrämpfe, normale KörpertemperaturElektrolytgabe (z. B. stark gewürzte Brühe)
SonnenstichLokale Überhitzung (Kopf/Nacken)Kopfschmerzen, Übelkeit, MeningismusAus der Sonne bringen, Kühlung, Flüssigkeit
HitzesynkopeOrthostatische HypotonieBewusstlosigkeit, SchwindelStabile Seitenlage, evtl. Volumengabe
HitzeerschöpfungMassiver FlüssigkeitsverlustFeuchte/heiße Haut, BewusstseinsstörungenNaCl- und Flüssigkeitsgabe (unter ärztl. Überwachung)
HitzschlagVersagen der ThermoregulationTemp. > 40 °C, ZNS-Dysfunktion, KomaSofortige Ganzkörperkühlung, Volumengabe, O2

Sonderfall: Anstrengungsbedingter Hitzschlag

Beim anstrengungsbedingten Hitzschlag (exertional heat stroke), der oft bei schwerer körperlicher Arbeit oder in isolierender Schutzkleidung auftritt, gilt ein abweichendes Therapiemanagement:

  • Cool first, transport second!
  • Noch vor Ort muss eine umgehende Ganzkörperkühlung im Kalt-/Eis-Wassertauchbad (< 15 °C) erfolgen.
  • Ziel: Absenkung der Körpertemperatur auf 38,9 °C innerhalb von 30 Minuten.
  • Erst danach soll der Transport in die Klinik erfolgen.

Akklimatisation

Empfehlung (Starker Konsens): Die physiologischen Anpassungen verbessern die Erträglichkeit von Hitze wesentlich. Empfohlen wird eine Akklimatisationsphase von mindestens 7 Tagen mit verringerter Arbeitszeit/Intensität. Eine Unterbrechung von drei Wochen kann zu einem kompletten Akklimatisationsverlust führen.

Isolierende Schutzbekleidung

Schutzbekleidung ist oft mit vermehrter Muskelarbeit verbunden und beeinträchtigt die Schweißverdunstung massiv. Dies kann zu anstrengungsbedingten Überhitzungen führen.

Empfehlung (Starker Konsens): Sofern eine Schutzbekleidung den Wärmeaustausch erheblich beeinträchtigt, wird zur Prävention einer Hyperthermie grundsätzlich eine Tragezeitbegrenzung empfohlen (z. B. max. 30 Minuten).

💡Praxis-Tipp

Beim anstrengungsbedingten Hitzschlag (exertional heat stroke) gilt abweichend vom Standard-Vorgehen: 'Cool first, transport second!' Kühlen Sie den Patienten noch vor Ort im Eiswasserbad (< 15 °C) auf 38,9 °C Körperkerntemperatur herunter, bevor der Transport in die Klinik erfolgt.

Häufig gestellte Fragen

Fällt die Körperkerntemperatur unter 35,5 °C, müssen unverzüglich Maßnahmen zur Wiedererwärmung ergriffen werden, da eine gesundheitsgefährdende Hypothermie droht.
Ein Absinken der Hautoberflächentemperatur unter +8 °C kann zu Nervenblockaden führen. Dadurch werden drohende Erfrierungen von den Betroffenen nicht mehr gespürt.
Eine initiale Akklimatisationsphase dauert mindestens 7 Tage. Achtung: Eine Unterbrechung der Hitzeexposition von drei Wochen kann zu einem kompletten Akklimatisationsverlust führen.
Die vier physikalischen Grundparameter zur Beurteilung des Raumklimas sind Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftgeschwindigkeit und Wärmestrahlung.
Sie behindert die Schweißverdunstung massiv und erhöht die metabolische Wärmebildung. Zur Prävention einer Hyperthermie wird grundsätzlich eine Tragezeitbegrenzung empfohlen.

Verwandte Leitlinien