Arbeiten unter klimatischen Belastungen: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die alleinige Betrachtung der Temperatur reicht zur Beurteilung klimatischer Belastungen nicht aus; Klimasummenmaße sind erforderlich.
- •Bei Hitzearbeit darf die Körperkerntemperatur dauerhaft nicht über 38,5 °C ansteigen.
- •Beim anstrengungsbedingten Hitzschlag gilt: "cool first, transport second" (sofortige Ganzkörperkühlung vor dem Transport).
- •Bei Kältearbeit droht ab einer Hauttemperatur von < 8 °C eine Nervenblockade, wodurch Erfrierungen nicht mehr wahrgenommen werden.
- •Fällt die Körperkerntemperatur unter 35,5 °C, sind unverzüglich Aufwärmmaßnahmen einzuleiten.
Hintergrund
Klima am Arbeitsplatz wird in drei Bereiche eingeteilt: den Behaglichkeitsbereich (Komfortbereich), den wärmebelasteten Arbeitsbereich und den kältebelasteten Arbeitsbereich. Klimabedingte Gesundheitsgefährdungen treten auf, wenn ein thermoregulatorischer Gleichgewichtszustand nicht mehr möglich ist oder es zu starken lokalen Erwärmungen/Auskühlungen kommt.
Das Raumklima wird über vier physikalische Grundparameter definiert:
- Lufttemperatur
- Luftfeuchtigkeit
- Luftgeschwindigkeit
- Wärmestrahlung (falls abweichend von der Lufttemperatur)
Starker Konsens: Die alleinige Betrachtung der Temperatur ist für die Bewertung der klimatischen Belastung in der Regel nicht ausreichend. Es müssen Klimasummenmaße gebildet werden, die auch Arbeitsschwere, Bekleidungsisolation und Akklimatisationsgrad berücksichtigen.
Kältebelastete Arbeitsbereiche
Arbeiten in Kälte können zu systemischer Unterkühlung (Hypothermie) oder lokalen Erfrierungen führen.
Lokale Kälteauswirkungen
Die Hautoberflächentemperatur ist ein entscheidender Faktor für die manuelle Leistungsfähigkeit und das Verletzungsrisiko:
| Hautoberflächentemperatur | Auswirkungen |
|---|---|
| 32 - 36 °C | Optimaler Temperaturbereich |
| < 32 °C | Verschlechterung der Oberflächenwahrnehmung |
| < 16 °C | Schmerzen (bei Abkühlung großer Bereiche) |
| < 8 °C | Verlust der Sensitivität |
| < 6 °C | Nervenblockade |
Starker Konsens: Ein Absinken der Hautoberflächentemperatur unter +8 °C kann zu Nervenblockaden führen, sodass die Gefahr einer bevorstehenden Erfrierung nicht mehr wahrgenommen wird.
Lokale Erfrierungen werden in vier Schweregrade eingeteilt:
| Grad | Betroffene Schichten | Symptome und Verlauf |
|---|---|---|
| 1 | Epidermis | Initial weiß/gelblich, taut rasch auf, Rötung, Schmerzen. Keine Blasenbildung. |
| 2 | Epidermis & superfizielle Dermis | Blasen mit klarer Flüssigkeit nach mehreren Stunden, Schwellung. |
| 3 | Dermis & subkutanes Gewebe | Hämorrhagische Blasen, frühe nekrotische Veränderungen. |
| 4 | Alle Schichten inkl. Knochen | Initial unbeweglich, dauerhafter Gewebsverlust, Autoamputation möglich. |
Systemische Hypothermie
Die systemische Unterkühlung wird anhand der Körperkerntemperatur in verschiedene Stadien eingeteilt:
| Stadium | Körperkerntemperatur | Symptome | Präklinische Maßnahmen |
|---|---|---|---|
| 1 (Abwehr) | 35-34 °C | Tachykardie, Hypertonie, Muskelzittern | Passive Wiedererwärmung, nasse Kleidung entfernen, süße Getränke |
| 2 (Erschöpfung) | 33-31 °C | Bradyarrhythmie, Hypotonie, Muskelstarre | Aktive Wiedererwärmung (Körperstamm!), zügiger Transport |
| 3 (Lähmung) | 30-27 °C | Bewusstlosigkeit, Areflexie, Bradypnoe | Transport in Zentrum mit extrakorporaler Erwärmung (ECLS) |
| 4 (Scheintod) | < 27 °C | Asystolie, Apnoe, lichtstarre Pupillen | Länger reanimieren ("Nobody's dead until he's warm and dead!") |
Empfehlung (Starker Konsens): Beim Absinken der Körperkerntemperatur unter 35,5 °C sind unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen. In kältebelasteten Innenräumen (ab Kältebereich II) muss immer mindestens zu zweit und in Sichtkontakt gearbeitet werden.
Wärmebelastete Arbeitsbereiche
Bei Hitzearbeit versucht der Körper, durch Vasodilatation und Schweißbildung abzukühlen. Reicht dies nicht aus, steigt die Körperkerntemperatur.
Empfehlung (Starker Konsens): Es sind Maßnahmen zu ergreifen, damit die Körperkerntemperatur bei Arbeiten unter Hitzebelastung dauerhaft nicht über 38,5 °C ansteigt.
Hitzeerkrankungen
| Krankheitsbild | Ursache | Symptome | Präklinische Therapie |
|---|---|---|---|
| Hitzekrampf | Elektrolyt- und Wassermangel | Schmerzhafte Muskelkrämpfe, normale Körpertemperatur | Elektrolytgabe (z. B. stark gewürzte Brühe) |
| Sonnenstich | Lokale Überhitzung (Kopf/Nacken) | Kopfschmerzen, Übelkeit, Meningismus | Aus der Sonne bringen, Kühlung, Flüssigkeit |
| Hitzesynkope | Orthostatische Hypotonie | Bewusstlosigkeit, Schwindel | Stabile Seitenlage, evtl. Volumengabe |
| Hitzeerschöpfung | Massiver Flüssigkeitsverlust | Feuchte/heiße Haut, Bewusstseinsstörungen | NaCl- und Flüssigkeitsgabe (unter ärztl. Überwachung) |
| Hitzschlag | Versagen der Thermoregulation | Temp. > 40 °C, ZNS-Dysfunktion, Koma | Sofortige Ganzkörperkühlung, Volumengabe, O2 |
Sonderfall: Anstrengungsbedingter Hitzschlag
Beim anstrengungsbedingten Hitzschlag (exertional heat stroke), der oft bei schwerer körperlicher Arbeit oder in isolierender Schutzkleidung auftritt, gilt ein abweichendes Therapiemanagement:
- Cool first, transport second!
- Noch vor Ort muss eine umgehende Ganzkörperkühlung im Kalt-/Eis-Wassertauchbad (< 15 °C) erfolgen.
- Ziel: Absenkung der Körpertemperatur auf 38,9 °C innerhalb von 30 Minuten.
- Erst danach soll der Transport in die Klinik erfolgen.
Akklimatisation
Empfehlung (Starker Konsens): Die physiologischen Anpassungen verbessern die Erträglichkeit von Hitze wesentlich. Empfohlen wird eine Akklimatisationsphase von mindestens 7 Tagen mit verringerter Arbeitszeit/Intensität. Eine Unterbrechung von drei Wochen kann zu einem kompletten Akklimatisationsverlust führen.
Isolierende Schutzbekleidung
Schutzbekleidung ist oft mit vermehrter Muskelarbeit verbunden und beeinträchtigt die Schweißverdunstung massiv. Dies kann zu anstrengungsbedingten Überhitzungen führen.
Empfehlung (Starker Konsens): Sofern eine Schutzbekleidung den Wärmeaustausch erheblich beeinträchtigt, wird zur Prävention einer Hyperthermie grundsätzlich eine Tragezeitbegrenzung empfohlen (z. B. max. 30 Minuten).
💡Praxis-Tipp
Beim anstrengungsbedingten Hitzschlag (exertional heat stroke) gilt abweichend vom Standard-Vorgehen: 'Cool first, transport second!' Kühlen Sie den Patienten noch vor Ort im Eiswasserbad (< 15 °C) auf 38,9 °C Körperkerntemperatur herunter, bevor der Transport in die Klinik erfolgt.