Fiebermanagement bei Kindern: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Fieber wird bei Kindern ab 38,5 °C definiert, bei Säuglingen unter 3 Monaten bereits ab 38,0 °C.
- •Die rektale Messung ist bei Säuglingen Goldstandard; ab 1 Jahr ist die Messung im Ohr ausreichend genau. Die axilläre Messung wird nicht empfohlen.
- •Fiebersenkende Medikamente sollen nicht rein zur Temperatursenkung, sondern zur Linderung von Schmerzen und Beeinträchtigung eingesetzt werden.
- •Antipyretika verhindern keine Fieberkrämpfe und sollten nicht prophylaktisch bei Impfungen gegeben werden.
- •Säuglinge unter 3 Monaten mit Fieber (≥ 38,0 °C) müssen ärztlich auf schwere bakterielle Infektionen untersucht werden.
Hintergrund
Fieber ist eine normale und meist hilfreiche Abwehrreaktion des Körpers im Umgang mit Krankheitserregern. In Deutschland wird Fieber bei Kindern üblicherweise als zentrale Körpertemperatur von ≥ 38,5 °C definiert. Bei Säuglingen unter 3 Monaten gilt bereits eine Temperatur von ≥ 38,0 °C als Fieber.
Temperaturmessung
Die Wahl der Messmethode hängt maßgeblich vom Alter des Kindes ab. Die axilläre Messung wird aufgrund ihrer Ungenauigkeit generell nicht empfohlen (⇓⇓).
| Methode | Altersgruppe | Empfehlung / Evidenz | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Rektal (Digitalthermometer) | Neugeborene & Säuglinge | ⇑⇑ (Goldstandard) | Thermometer gleitfähig machen. |
| Trommelfell (Infrarot) | Kinder ab 1 Jahr & Jugendliche | ⇔ (Ausreichend genau) | Schnell und komfortabel. |
| Stirn / Schläfe (Infrarot) | Alle Altersgruppen | ⇔ (Ungenauer) | Kann erwogen werden, ist aber ungenauer als rektal/Ohr. |
| Oral (Digitalthermometer) | Jugendliche | ⇔ (Fehleranfällig) | Nur bei geschlossenem Mund unter der Zunge. |
| Axillär (Digitalthermometer) | Keine | ⇓⇓ (Nicht empfohlen) | Stark beeinflusst durch Verrutschen und Schweiß. |
Warnzeichen und Risikobewertung
Fieber muss immer im Kontext des Allgemeinzustandes, des Wohlbefindens und der Sorge der Bezugspersonen bewertet werden. Kinder unter 3 Monaten mit einer Temperatur von ≥ 38,0 °C sollen ärztlich sorgfältig auf eine schwere bakterielle Infektion (SBI) untersucht werden, da Fieber in dieser Gruppe oft fehlen kann, obwohl eine schwere Infektion besteht.
Das Ampelsystem hilft bei der Risikoeinschätzung:
| System | Gelb (Mittleres Risiko - ärztliche Begutachtung geboten) | Rot (Hohes Risiko - dringende Begutachtung) |
|---|---|---|
| Hautfarbe | Blass, marmoriert | Sehr blass, grau, blau, nicht-wegdrückbarer Ausschlag |
| Aktivität | Reduziert, weint normal | Reagiert nicht, wacht nicht auf, schrilles/schwaches Weinen |
| Atmung | Nasenflügeln, schnelle Atmung (>40/min bei <1 J.) | Stöhnen, Einziehungen, Sättigung ≤ 90% |
| Kreislauf | Tachykardie, trockene Schleimhäute, wenig Urin | Rekapillarisierungszeit ≥ 3 Sek., reduzierter Hautturgor |
| Sonstiges | Fieber > 3 Tage, Schmerzen beim Wasserlassen | Alter < 3 Monate mit Fieber, Krampfanfall, vorgewölbte Fontanelle |
Nicht-medikamentöses Fiebermanagement
Fieber bei Infektionen ist in der Regel selbstlimitierend. Es gibt keine Indikation, das Fieber bei zuvor gesunden Kindern allein aufgrund der Temperaturhöhe zu senken.
- Flüssigkeit & Ernährung: Regelmäßig Flüssigkeit anbieten. Leichte Kost bei Appetit, Essen ist aber zunächst zweitrangig.
- Schlaf: Ungestörten Schlaf ermöglichen. Ruhig schlafende Kinder nicht für Messungen oder Medikamente wecken.
- Wärmebedarf anpassen: Im Fieberanstieg (Frieren, Schüttelfrost) zudecken. Wenn dem Kind zu warm ist, leichter bedecken.
- Kühlung: Kinder nicht entkleiden oder kalten Umgebungstemperaturen aussetzen (⇓).
- Wadenwickel: Nur anwenden, wenn das Kind warme Hände und Füße hat (Wärme nicht zentralisiert) und unter dem Fieber leidet. Wickel müssen körperwarm sein, um Gegenregulationen zu vermeiden.
Medikamentöse Therapie
Fiebersenkende Medikamente sollen nur zur Schmerzlinderung und Verbesserung des Befindens eingesetzt werden, nicht zur reinen Temperatursenkung. Das Ansprechen auf Antipyretika korreliert nicht mit der Schwere der Erkrankung und erlaubt keine Unterscheidung zwischen viralen und bakteriellen Infektionen.
| Wirkstoff | Einzeldosis | Maximale Tagesdosis | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Paracetamol | 10–15 mg/kg | Max. 4–6 Dosen/Tag (max. 4000 mg bei >12 J.) | Max. Einzeldosis 1000 mg. |
| Ibuprofen | 7–10 mg/kg | Max. 4 Dosen/Tag (max. 40 mg/kg oder 2400 mg) | Ab 3 Monaten. Max. Einzeldosis 600 mg bei >12 J. Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. |
| Metamizol | 10–15 mg/kg | Max. 4 Dosen/Tag | Nur bei starker Beeinträchtigung und unzureichendem Ansprechen auf Ibuprofen/Paracetamol. |
Hinweis zur alternierenden Gabe: Eine alternierende Gabe von Ibuprofen und Paracetamol kann nach ärztlicher Konsultation in Erwägung gezogen werden, wenn das Kind weiterhin stark beeinträchtigt ist.
Besondere klinische Situationen
- Fieberkrämpfe: Antipyretika verhindern Fieberkrämpfe nicht und sollen nicht zu diesem Zweck prophylaktisch eingesetzt werden (⇓⇓).
- Impfungen: Auf die prophylaktische Gabe von Antipyretika bei Impfungen sollte verzichtet werden (⇓), da dies die Immunantwort (Antikörpertiter) verringern kann.
- Antibiotika: Restriktiver und rationaler Einsatz. Fieber an sich ist keine Indikation für ein Antibiotikum, da die meisten Infektionen viral bedingt sind.
- Rekonvaleszenz: Kinder sollten mindestens einen Tag fit und fieberfrei sein, bevor sie wieder den Kindergarten oder die Schule besuchen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf die axilläre Temperaturmessung, da sie zu ungenau ist. Behandeln Sie das Befinden des Kindes, nicht das Thermometer – Fieber per se ist keine Indikation für Antipyretika.