Diagnose der Mukoviszidose: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose erfordert klinische Hinweise oder ein positives Neugeborenenscreening sowie den Nachweis einer CFTR-Funktionsstörung.
- •Der Schweißtest (Pilokarpin-Iontophorese) steht an erster Stelle der Diagnostik; ein Chloridwert ≥ 60 mmol/l sichert die Diagnose.
- •Eine genetische Diagnostik ist bei einem Schweißchlorid ≥ 30 mmol/l oder nach positivem Neugeborenenscreening indiziert.
- •Bei unklaren Befunden kommen elektrophysiologische Messungen (nPD, ICM) zum Einsatz.
- •CFSPID beschreibt die Konstellation eines positiven Neugeborenenscreenings mit unklarer Konfirmationsdiagnostik.
Hintergrund
Die Mukoviszidose (Cystische Fibrose, CF) ist die häufigste lebensverkürzende, autosomal-rezessive Erkrankung in Deutschland mit einer Häufigkeit von 1:4754. Durch das Neugeborenenscreening (NBS) werden mittlerweile 77 % der Betroffenen im ersten Lebensjahr diagnostiziert. Das Krankheitsspektrum wird heute differenzierter betrachtet und in Mukoviszidose, CFSPID (Mukoviszidosescreening positiv und unklare Konfirmationsdiagnostik) sowie CFTR-bedingte Erkrankungen unterteilt.
Diagnosekriterien
Für die Diagnosestellung müssen spezifische Kriterien aus klinischen Hinweisen und dem Nachweis einer CFTR-Funktionsstörung erfüllt sein:
| Diagnose | Klinische Voraussetzung | Nachweis der CFTR-Funktionsstörung |
|---|---|---|
| Mukoviszidose | Positives NBS, betroffene Geschwister ODER klinische Hinweise | Schweißchlorid ≥ 60 mmol/l (2x), 2 CF-verursachende Mutationen ODER pathologische nPD/ICM |
| CFTR-bedingte Erkrankung | Klinische Hinweise | CFTR-Funktionsstörung in 2 Messungen, die nicht die Kriterien für Mukoviszidose erfüllen |
| CFSPID | Positives NBS ohne klinische Hinweise | Schweißchlorid < 30 mmol/l + 2 Varianten (mind. 1 nicht CF-verursachend) ODER Schweißchlorid 30-59 mmol/l + max. 1 CF-Variante |
Klinische Hinweise
Bei Vorliegen folgender Symptome soll eine Diagnostik auf Mukoviszidose veranlasst werden:
- Sinopulmonal: Chronischer Husten (> 3 Monate), Sputumproduktion, pfeifendes Atemgeräusch, Trommelschlegelfinger, Bronchiektasen, chronische Rhinosinusitis, Nachweis typischer Erreger (z. B. Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus).
- Gastrointestinal: Exokrine Pankreasinsuffizienz, rezidivierende/chronische Pankreatitis, Mekoniumileus, chronische Lebererkrankung (fokal biliäre Zirrhose), Dystrophie.
- Salzverlustsyndrom: Hypochlorämische Alkalose ohne Erbrechen bei Kindern.
- Genital: Obstruktive Azoospermie.
Schweißtest
Der Schweißtest steht aufgrund seiner Verfügbarkeit und hohen Sensitivität an erster Stelle im Abklärungsprozess. Er soll als Pilokarpin-Iontophorese durchgeführt werden.
- Voraussetzungen: Ab dem 3. Lebenstag (optimal ab 10. Tag), Körpergewicht > 2000 g, postmenstruales Alter ≥ 36. SSW.
- Bewertung der Chloridkonzentration:
| Schweißchlorid | Interpretation | Konsequenz |
|---|---|---|
| ≤ 29 mmol/l | Unauffällig | Mukoviszidose unwahrscheinlich |
| 30-59 mmol/l | Kontrollbereich | Weitere Diagnostik auf Mukoviszidose erforderlich |
| ≥ 60 mmol/l | Pathologisch | Vereinbar mit der Diagnose Mukoviszidose |
Genetische Diagnostik
Die molekulargenetische Diagnostik sichert die klinische Verdachtsdiagnose und erlaubt ggf. eine Therapie mit CFTR-Modulatoren. Sie ist indiziert:
- Nach auffälligem Neugeborenenscreening (IRT/PAP).
- Bei klinischem Verdacht und einem Schweißchlorid ≥ 30 mmol/l.
- Bei rein genitaler Ausprägung (obstruktive Azoospermie) auch ohne vorherigen Schweißtest.
Elektrophysiologie
Können Patienten nach Schweißtest und Genetik nicht eindeutig zugeordnet werden, soll eine elektrophysiologische Messung erfolgen:
- Nasale Potentialdifferenzmessung (nPD): In vivo Messung im unteren Nasengang.
- Intestinale Kurzschlussstrommessung (ICM): Ex vivo Messung an Rektumbiopsaten in einer Ussingkammer.
Beide Methoden erfordern erfahrene Zentren und standardisierte Protokolle.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie den Schweißtest frühestens ab dem 3. Lebenstag (optimal ab dem 10. Tag) bei einem Körpergewicht > 2000 g durch. Zur Diagnosesicherung ist ausschließlich die Chloridmessung zulässig, die Leitfähigkeitsmessung dient nur als Screening.