Bronchiektasen-Erkrankung: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose erfordert zwingend das Vorliegen klinischer Symptome in Kombination mit radiologischen Kriterien im CT.
- •Eine Exazerbation ist definiert als Verschlechterung von mindestens 3 von 6 Kardinalsymptomen über mindestens 48 Stunden.
- •Bei Erstnachweis von Pseudomonas aeruginosa soll umgehend ein Eradikationsversuch unternommen werden.
- •Eine strukturierte ätiologische Basisdiagnostik ist bei Erstdiagnose obligatorisch, um behandelbare Ursachen zu identifizieren.
- •Mindestens einmal jährlich soll eine Sputumdiagnostik sowie eine klinische Risikostratifikation erfolgen.
Hintergrund
Die Bronchiektasen-Erkrankung ist ein heterogenes Syndrom, das durch irreversible Atemwegserweiterungen und chronische respiratorische Symptome gekennzeichnet ist. Um asymptomatische radiologische Zufallsbefunde abzugrenzen, fordert die Leitlinie die einheitliche Verwendung des Begriffs Bronchiektasen-Erkrankung. Die Diagnose setzt zwingend das Vorliegen klinischer Beschwerden (meist Husten, Auswurf und Exazerbationen) in Kombination mit radiologischen Nachweisen voraus.
Radiologische Diagnostik
Die Computertomografie (CT) des Thorax ist der Goldstandard zur Diagnosesicherung und ätiologischen Abklärung. Bronchiektasen gelten als gesichert, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
| Kriterium | Beschreibung |
|---|---|
| Bronchoarterielle Ratio | Durchmesser des Bronchus ist größer als der der begleitenden Pulmonalarterie (Ratio ≥ 1) |
| Fehlende Verjüngung | Der Bronchus verjüngt sich im Verlauf nach peripher nicht |
| Pleuranahe Sichtbarkeit | Ein Bronchus ist in einem Abstand von ≤ 1 cm von der viszeralen Pleura sichtbar |
Ätiologische Basisdiagnostik
Da die Erkrankung viele verschiedene Ursachen haben kann (z.B. COPD, Asthma, Immundefekte, Zilienfunktionsstörungen), soll bei Neudiagnose ein standardisiertes Basis-Paket erhoben werden:
- Ausführliche Anamnese und klinische Untersuchung
- Lungenfunktionsprüfung (Bodyplethysmografie / Spirometrie)
- Pulsoxymetrie und/oder kapilläre Blutgasanalyse (BGA)
- FeNO-Messung
- Labor: Differentialblutbild, Transaminasen, Bilirubin, Kreatinin, CRP, IgG, IgA, IgM und IgE
- Sputumdiagnostik (allgemeine Bakteriologie, Mykobakterien, Schimmelpilze)
Definition der Exazerbation
Eine Exazerbation liegt vor, wenn sich mindestens 3 der folgenden 6 Kardinalsymptome über mindestens 48 Stunden verschlechtern und eine Therapieänderung erfordern:
| Symptom-Kategorie | Klinisches Zeichen |
|---|---|
| Husten | Neuer oder vermehrter Husten |
| Sputummenge | Zunahme von Menge und/oder Konsistenz |
| Sputumpurulenz | Neuauftreten oder Zunahme der eitrigen Beschaffenheit |
| Dyspnoe | Neue/vermehrte Kurzatmigkeit oder verschlechterte Belastbarkeit |
| Allgemeinbefinden | Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Unwohlsein (Malaise) |
| Hämoptysen | Neu aufgetretene oder vermehrte Hämoptysen |
Hinweis: Der Schweregrad richtet sich nach der Therapie (leicht = ambulant ohne Antibiotikum, moderat = ambulant mit oralem Antibiotikum, schwer = stationär und/oder parenterale Antibiose).
Mikrobiologie und Infektionsmanagement
Die Sputumuntersuchung soll bei Erstdiagnose, bei jeder Exazerbation und im stabilen Verlauf mindestens einmal jährlich erfolgen.
Pseudomonas aeruginosa
Eine chronische Infektion mit P. aeruginosa geht mit häufigeren Exazerbationen und einer erhöhten Mortalität einher.
- Screening: Jede Probe muss gezielt auf Pseudomonaden untersucht werden.
- Eradikation: Bei Erstnachweis soll zwingend ein Eradikationsversuch unternommen werden.
- Hygiene: Betroffene sollen von Mukoviszidose-Patienten (CF) getrennt betreut werden, um Kreuzinfektionen zu vermeiden.
Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTM) und Aspergillus
- NTM: Alle Patienten sollen initial kulturell auf NTM untersucht werden. Bei Verdacht (Gewichtsverlust, Hämoptysen, Therapieversagen) sind mindestens drei unabhängige Sputumproben nötig.
- Aspergillus: Ein alleiniger kultureller Nachweis ohne Klinik rechtfertigt keine antifungale Therapie. Bei Risikofaktoren ist jedoch ein Screening auf eine chronische pulmonale Aspergillose (CPA) indiziert.
Risikostratifikation
Mindestens einmal jährlich soll das Risiko für zukünftige Exazerbationen evaluiert werden. Hochrisikopatienten ("frequent exacerbator") zeichnen sich aus durch:
- ≥ 2 antibiotikapflichtige Exazerbationen pro Jahr ODER
- ≥ 1 stationäre Behandlung wegen schwerer Exazerbation pro Jahr ODER
- Chronische P. aeruginosa-Infektion.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei jedem Erstnachweis von Pseudomonas aeruginosa umgehend einen Eradikationsversuch durch und kontrollieren Sie den Erfolg mikrobiologisch. Ein alleiniger kultureller Nachweis von Aspergillus ohne Klinik bedarf hingegen keiner Therapie.