Konfirmationsdiagnostik Neugeborenenscreening (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Leitlinie definiert die Konfirmationsdiagnostik für 13 angeborene Störungen des Intermediärstoffwechsels aus dem Neugeborenenscreening.
- •Bei hochgradigem Verdacht auf bestimmte Erkrankungen (z.B. Galaktosämie, MSUD) muss eine sofortige stationäre Einweisung erfolgen.
- •Die Bestätigung einer Verdachtsdiagnose erfolgt über Metaboliten, Enzymaktivität oder Molekulargenetik; eine einfache Wiederholung der Trockenblutprobe reicht nicht aus.
- •Falsch-positive Befunde können durch milde Varianten oder externe Faktoren (z.B. pivalinsäurehaltige Antibiotika bei Isovalerianazidurie) entstehen.
Hintergrund
Die Leitlinie regelt die Konfirmationsdiagnostik für 13 angeborene Störungen des Intermediärstoffwechsels, die im Neugeborenenscreening erfasst werden. Ziel ist die schnelle Bestätigung oder der sichere Ausschluss einer Verdachtsdiagnose, um rechtzeitig lebensrettende Therapien einzuleiten und unnötige Behandlungen zu vermeiden. Endokrinologische Erkrankungen und Mukoviszidose sind nicht Teil dieser Leitlinie.
Vorgehen bei auffälligem Screeningbefund
Die Dringlichkeit des weiteren Vorgehens richtet sich nach der Verdachtsdiagnose. Bei klinischen Auffälligkeiten ist immer eine sofortige Vorstellung in einem Stoffwechselzentrum erforderlich.
| Zuweisung zum Stoffwechselzentrum | Verdachtsdiagnose (Beispiele) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Sofort stationär | Klassische Galaktosämie, Ahornsirupkrankheit (MSUD), LCHAD/MTP, CPT-2 | Lebensbedrohliche Krisen in der Neonatalperiode möglich. |
| Sofort Kontakt, Vorstellung nächster Werktag | MCAD, VLCAD, Glutarazidurie Typ I (GA I), Isovalerianazidurie (IVA) | Weiteres Vorgehen abhängig von Symptomen. Bei Symptomen umgehende Klinikvorstellung. |
| Kontakt nächster Werktag | Biotinidasemangel, PKU, milde Hyperphenylalaninämie | Ambulante oder stationäre Vorstellung ausreichend. |
Ebenen der Konfirmationsdiagnostik
Eine aus dem Trockenblut gestellte Verdachtsdiagnose muss immer durch zusätzliche Untersuchungen bestätigt werden. Eine reine Wiederholungsuntersuchung der Trockenblutkarte reicht als abschließende Bestätigung nicht aus. Die Verifizierung erfolgt auf drei Ebenen:
- Metaboliten: Nachweis pathologischer Konzentrationen in Körperflüssigkeiten (z.B. Aminosäurenprofil bei MSUD).
- Enzymaktivität: Nachweis einer erheblichen Einschränkung der Funktion.
- Molekulargenetik: Nachweis krankheitsverursachender Varianten. Ein negativer Befund schließt bei Routinemethoden eine Verdachtsdiagnose jedoch nicht sicher aus.
Besonderheiten ausgewählter Stoffwechselerkrankungen
- Klassische Galaktosämie: Bei hochgradigem Verdacht muss die Galaktosezufuhr (Muttermilch/Säuglingsnahrung) sofort abgebrochen werden, noch bevor die Konfirmationsdiagnostik abgeschlossen ist.
- Hyperphenylalaninämien (PKU): Eine Differenzierung von BH4-Kofaktordefekten ist zwingend erforderlich. Eine neue Differentialdiagnose ist die DNAJC12-Defizienz.
- VLCAD-Mangel: Falsch-negative Befunde im Zweitscreening sind möglich, wenn die Blutabnahme jenseits der 72. Lebensstunde erfolgt, da die Neugeborenen dann oft nicht mehr in einer katabolen Stoffwechsellage sind.
- Isovalerianazidurie (IVA): Falsch-positive Befunde können durch die Gabe pivalinsäurehaltiger Antibiotika (z.B. Mecillinam/X-Systo) an die Mutter vor der Entbindung entstehen.
- Biotinidasemangel: Eine erneute Bestimmung der Enzymaktivität nach 2-12 Monaten wird empfohlen, da die Enzymaktivität nachreifen kann.
- Tyrosinämie Typ I: Der Parameter Succinylaceton im Trockenblut ist hochspezifisch für diese Erkrankung.
💡Praxis-Tipp
Brechen Sie bei einem hochgradigen Screening-Verdacht auf klassische Galaktosämie sofort die Galaktosezufuhr ab, warten Sie nicht erst das Ergebnis der Konfirmationsdiagnostik ab.