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Neuropathien bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Basisdiagnostik erfordert eine detaillierte Familienanamnese, klinische Untersuchung und Elektrophysiologie.
  • Bildgebung (Ultraschall, MRT) ergänzt die Diagnostik bei fokalen Läsionen oder Verdacht auf entzündliche Ursachen wie GBS oder CIDP.
  • Bei Verdacht auf eine demyelinisierende CMT-Neuropathie beginnt die Genetik mit der PMP22-Kopienzahlbestimmung, gefolgt von Next Generation Sequencing (NGS).
  • Behandelbare Ursachen (z.B. Vitaminmangel, CIDP, Vaskulitis) müssen bei Systemerkrankungen zwingend ausgeschlossen werden.
  • Toxische Neuropathien (z.B. durch Medikamente oder Lösungsmittelmissbrauch) sind auch im Kindesalter stets zu bedenken.
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Hintergrund

Neuropathien im Kindes- und Jugendalter umfassen Erkrankungen der peripheren Nerven und Hirnnerven. Sie werden in erworbene (traumatisch, entzündlich, toxisch, metabolisch) und hereditäre Ursachen unterteilt. Akute para- und postinfektiöse Neuritiden (z.B. Fazialisparese, Guillain-Barré-Syndrom) machen etwa zwei Drittel der Fälle aus. Chronische Neuropathien sind zu drei Vierteln genetisch bedingt.

Diagnostische Grundlagen

Bei Verdacht auf eine Neuropathie soll zunächst eine detaillierte Anamnese inklusive Familienanamnese erhoben werden, die bestehende oder vorausgehende Infektionen und Toxinbelastungen erfasst. Die klinische Untersuchung prüft Trophik, Kraft, Reflexe und Sensibilität.

Elektrophysiologie

Die elektrophysiologische Diagnostik (motorische und sensible Neurographie) ist zentral zur Unterscheidung des Pathomechanismus. Elektromyographien (EMG) sollten durchgeführt werden, wenn nach Denervierungszeichen gesucht wird.

SchädigungstypMotorische NeurographieEMG
DemyelinisierungVerlangsamte NLG, verlängerte distalmotorische Latenz, partieller LeitungsblockOhne begleitende axonale Schädigung normal
Axonale SchädigungAmplitudengemindertes MSAPFloride Denervierung (Fibrillationen) oder chronische Reinnervation

Bildgebung und Biopsie

  • Bildgebung: Bei fokalen oder regionalen Neuropathien soll mittels Ultraschall oder MRT nach behandlungsrelevanten Läsionen gesucht werden (Nerventumor, Kompression). Bei GBS/CIDP zeigt das spinale MRT oft eine Verdickung und Kontrastmittelaufnahme der Nervenwurzeln.
  • Nervenbiopsie: Soll nur durchgeführt werden, wenn weniger invasive Mittel nicht ausreichen und sich eine therapeutische Konsequenz ergibt (hauptsächlich bei Verdacht auf Vaskulitis).

Erworbene Neuropathien

Nervenverletzungen

LäsionsortMotorischer AusfallHäufige Ursachen
N. radialisFallhand (Streckung Hand/Finger)Oberarmfraktur, Druckparese
N. medianusSchwurhand (Beugung Finger I-III)Suprakondyläre Humerusfraktur, Karpaltunnelsyndrom
N. ulnarisKrallenhandEllbogenfrakturen, Drucklähmung
N. peroneusSteppergang (Fußheber)Fibulafraktur, Druckläsion

Entzündliche und Toxische Neuropathien

  • Neuroborreliose: Bei klinischem Verdacht soll die Ätiologie serologisch und durch Lumbalpunktion (Zellzahl, Serologie im Liquor) gesichert werden.
  • CIDP: Bei chronisch progredientem oder fluktuierendem Verlauf an eine Chronische Inflammatorische Demyelinisierende Polyneuropathie denken. Ein Behandlungsversuch mit IvIG, Plasmapherese oder Kortikosteroiden soll erwogen werden.
  • Toxisch: Die Möglichkeit einer toxischen Neuropathie soll stets bedacht werden. Ursachen sind Medikamente (Vincristin, Isoniazid, Cisplatin) oder Lösungsmittelmissbrauch (Schnüffeln).

Hereditäre Neuropathien (CMT)

Die Charcot-Marie-Tooth (CMT) Neuropathien sind die häufigsten erblichen Formen. Sie präsentieren sich meist mit distaler Schwäche, Fußfehlstellungen (Hohlfuß) und Areflexie.

Genetische Stufendiagnostik

StufeDiagnostikIndikation / Bemerkung
1PMP22-Kopienzahl (MLPA)Soll bei Verdacht auf demyelinisierende CMT (CMT1) oder HNPP am Anfang stehen. Erfasst Duplikationen/Deletionen.
2Next Generation Sequencing (NGS)Soll nach Ausschluss einer PMP22-Aberration erfolgen. Parallele Sequenzierung von Kandidatengenen.
SonderfallGJB1-Gen AnalyseSoll bei Verdacht auf X-chromosomale CMT erfolgen (inkl. nicht-kodierender Bereiche).

Neuropathien bei Systemerkrankungen

Bei Verdacht auf eine Systemerkrankung sollen vor allem Erkrankungen mit effektiver Therapiemöglichkeit ausgeschlossen werden.

ErkrankungDiagnostikSpezifische Therapie
Refsum SyndromPhytansäurePhytansäure-arme Diät, Plasmapherese
Vitamin E-MangelVitamin E-SpiegelVitamin E Substitution
Vitamin B12-MangelVit B12, MethylmalonsäureVitamin B12 Substitution
Brown-Vialetto-van LaereRiboflavin im SerumRiboflavin Substitution

💡Praxis-Tipp

Denken Sie bei einer unklaren, progredienten Polyneuropathie immer an behandelbare Ursachen wie eine CIDP (Therapieversuch mit IVIG/Steroiden erwägen) oder metabolische Störungen (Vitamin B12/E-Mangel).

Häufig gestellte Fragen

Bei Verdacht auf eine demyelinisierende CMT-Neuropathie soll zunächst die PMP22-Kopienzahl (meist mittels MLPA) bestimmt werden. Erst danach folgt eine breite Sequenzierung (NGS).
Sehr selten. Sie soll nur durchgeführt werden, wenn die Diagnose nicht anders gestellt werden kann und sich eine therapeutische Konsequenz ergibt (z.B. bei Verdacht auf Vaskulitis).
Ultraschall oder MRT sind indiziert bei fokalen Läsionen (Nerventumor, Kompression) oder zur Darstellung von Nervenwurzeln bei Verdacht auf GBS oder CIDP.
Häufige Ursachen sind Medikamente wie Vincristin (obligate Neurotoxizität) oder Isoniazid, sowie der Missbrauch von Lösungsmitteln (Schnüffeln).

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