Systemischer Lupus erythematodes (SLE): S3-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Hydroxychloroquin (HCQ) wird für alle SLE-Patientinnen ab Diagnosestellung mit einer Zieldosis von 5 mg/kg Körpergewicht empfohlen.
- •Glukokortikoide sollen so schnell wie möglich auf eine Erhaltungsdosis von ≤5 mg/Tag Prednisolon-Äquivalent reduziert oder abgesetzt werden.
- •Bei Verdacht auf eine Lupusnephritis (z.B. Proteinurie >0,5 g/Tag) soll eine Nierenbiopsie durchgeführt werden.
- •Die Therapie der aktiven proliferativen Lupusnephritis erfolgt initial mit Cyclophosphamid i.v. oder Mycophenolat in Kombination mit Glukokortikoiden.
- •DOAKs sind bei Patientinnen mit thrombembolischem Antiphospholipid-Syndrom (APS) nicht empfohlen; Mittel der Wahl sind Vitamin-K-Antagonisten.
- •In der Schwangerschaft sollen Hydroxychloroquin fortgesetzt und niedrig dosiertes Aspirin (LDA) bei allen SLE-Patientinnen eingesetzt werden.
Hintergrund
Der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist eine komplexe systemische Autoimmunerkrankung. Ziel der Behandlung ist eine dauerhafte Remission oder niedrige Krankheitsaktivität zur Vermeidung von Organschäden. Die Diagnose stützt sich auf klinische und serologische Kriterien.
| Domäne | Kriterien (Punkte) |
|---|---|
| Klinisch | Fieber (2), Alopezie (2), Orale Ulzera (2), Kutaner Lupus (4-6), Arthritis (6), Neurologisch (2-5), Serositis (5-6), Zytopenien (3-4), Nierenbeteiligung (4-10) |
| Serologisch | aPL-Antikörper (2), Komplement C3/C4 erniedrigt (3-4), Spezifische Autoantikörper wie Anti-dsDNA oder Anti-Sm (6) |
Eingangskriterium: ANA ≥ 1:80. Klassifikation als SLE bei ≥ 10 Punkten.
Ein wichtiges Therapieziel ist die Remission, definiert nach den DORIS-Remissionskriterien:
| Kriterium | Bedingung |
|---|---|
| cSLEDAI | = 0 (ohne dsDNA-AK und Komplementverbrauch) |
| Prednisolon | ≤ 5 mg/Tag |
| Arzturteil (PGA) | < 0,5 (auf VAS 0-3) |
Allgemeines Management und medikamentöse Therapie
Die Basistherapie ruht auf Antimalariamitteln und einer strengen Kontrolle des Glukokortikoid-Einsatzes.
- Hydroxychloroquin (HCQ): Soll bei allen Patientinnen ab Diagnosestellung eingesetzt werden (Empfehlungsgrad A). Zieldosis: 5 mg/kg Körpergewicht/Tag. Bei eGFR < 30 ml/min/1,73m² sollte die Dosis um 50 % reduziert werden.
- Glukokortikoide (GC): Sollen nach Art und Schwere dosiert und rasch auf eine Erhaltungsdosis von ≤5 mg/Tag reduziert oder ganz abgesetzt werden (Empfehlungsgrad A). Initial sind i.v. Methylprednisolon-Stöße (125–1000 mg) möglich.
- Immunsuppressiva/Biologika: Bei unzureichender Kontrolle unter HCQ und ≤5 mg GC sollen Azathioprin (AZA), Methotrexat (MTX), Mycophenolat (MMF), Anifrolumab oder Belimumab eingesetzt werden (Empfehlungsgrad A).
- Schwere/organbedrohende Manifestationen: Intravenöses Cyclophosphamid (CYC) oder B-Zell-depletierende Therapie (z.B. Rituximab) (Empfehlungsgrad B).
Lupusnephritis (LN)
Die Lupusnephritis erfordert eine rasche Diagnostik und konsequente Immunsuppression. Bei Verdacht (z.B. Proteinurie >0,5 g/Tag oder UPCR >0,5 g/g) soll eine Nierenbiopsie erfolgen (Empfehlungsgrad A). Ziel ist ein komplettes renales Ansprechen (Proteinurie <0,5-0,7 g/Tag).
| Therapiephase | Medikamente / Strategie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Basis | Hydroxychloroquin | 5 mg/kg KG (Dosisanpassung bei eGFR < 30) |
| Initiale Therapie (proliferative LN) | Cyclophosphamid i.v. ODER Mycophenolat + Glukokortikoide | Empfehlungsgrad A. Kombinationstherapie mit Belimumab oder Calcineurin-Inhibitoren erwägen. |
| Glukokortikoid-Schema | i.v. Pulstherapie (250-500 mg), dann oral 0,3-0,5 mg/kg/Tag | Nach 3 Monaten <10 mg/Tag, nach 6 Monaten ≤ 5 mg/Tag. |
| Erhaltungstherapie | Mycophenolat, Azathioprin, Belimumab | Mindestens 3 Jahre nach renalem Ansprechen fortsetzen (Empfehlungsgrad A). CYC absetzen. |
Antiphospholipid-Syndrom (APS)
Das sekundäre APS erfordert eine differenzierte Antikoagulation basierend auf dem Risikoprofil.
| Risikoprofil | Definition |
|---|---|
| Niedrigrisiko | Isolierte aCL- oder aβ2GP-AK (niedrige/mittlere Titer), passager |
| Hochrisiko | Lupusantikoagulans (LA), Doppel-/Tripelpositivität, persistierend hohe Titer |
Therapieempfehlungen beim APS:
- Primärprophylaxe: Bei SLE ohne Thrombose, aber Hochrisiko-aPL-Profil, soll niedrig dosiertes Aspirin (LDA, 75-100 mg) gegeben werden (Empfehlungsgrad A).
- Venöse Thrombose: Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten (VKA) mit Ziel-INR 2-3 (Empfehlungsgrad A).
- Arterielles Ereignis: VKA sind der alleinigen LDA-Therapie vorzuziehen (Empfehlungsgrad B). Ziel-INR 2-3 oder 3-4 je nach Risiko.
- DOAKs: Sollen bei thrombembolischem oder arteriellem APS nicht angewendet werden, da das Risiko für arterielle Ereignisse erhöht ist (Empfehlungsgrad A/B).
Schwangerschaft und Kinderwunsch
Eine Schwangerschaft bei SLE gilt als Risikoschwangerschaft und erfordert eine genaue medikamentöse Planung.
| Medikament | Einsatz in der Schwangerschaft |
|---|---|
| Hydroxychloroquin | Soll fortgesetzt oder neu eingeleitet werden (Empfehlungsgrad A) |
| Aspirin (LDA) | Sollten alle SLE-Patientinnen erhalten (Empfehlungsgrad B) |
| Erlaubte Immunsuppressiva | Glukokortikoide, Azathioprin, Ciclosporin A, Tacrolimus |
| Kontraindiziert | Mycophenolat, Cyclophosphamid, Methotrexat (Empfehlungsgrad B) |
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Hydroxychloroquin-Therapie auf die strikte Einhaltung der Zieldosis von maximal 5 mg/kg Körpergewicht und veranlassen Sie regelmäßige augenärztliche Kontrollen (OCT) zum Ausschluss einer Retinopathie.