Heimenterale und heimparenterale Ernährung: AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •HEE ist indiziert bei mangelernährten Patienten mit funktionierendem Gastrointestinaltrakt, die ihren Bedarf oral nicht decken können.
- •HPE ist die primäre, lebensrettende Therapie bei chronischem Darmversagen (CIF) und kann auch im Alter (>65 Jahre) sicher angewendet werden.
- •Eine medizinische Ernährung ist kontraindiziert, wenn die Lebenserwartung nur noch wenige Wochen beträgt oder schwere Stoffwechselstörungen vorliegen.
- •Die Therapie sollte zwingend von einem multidisziplinären Ernährungsteam (NST) koordiniert werden, um Komplikationen wie Katheterinfektionen zu minimieren.
- •Vor der Entlassung ist ein strukturiertes Schulungsprogramm für Patienten oder Pflegekräfte obligatorisch.
Hintergrund
Die medizinische Ernährungstherapie, bestehend aus enteraler und parenteraler Ernährung, ist ein essenzieller Bestandteil der Behandlung vieler chronischer Erkrankungen. Durch die Verlagerung in den ambulanten Bereich als heimenterale Ernährung (HEE) und heimparenterale Ernährung (HPE) hat sich ihr Stellenwert deutlich erhöht. Für Patienten mit chronischem Darmversagen (CIF) ist sie oft lebensrettend.
Indikationen für die Heimenterale Ernährung (HEE)
Eine HEE sollte mangelernährten Patienten oder solchen mit Ernährungsrisiko angeboten werden, die ihren Bedarf nicht oral decken können, aber einen ausreichend funktionierenden Gastrointestinaltrakt aufweisen. Ziel ist die Verbesserung von Körpergewicht, funktionellem Status und Lebensqualität.
| Indikationsgruppe | Häufige Erkrankungen |
|---|---|
| Neurologische Erkrankungen | Neurodegenerative und neurovaskuläre Erkrankungen, Zerebralparese |
| Onkologie | Kopf-Hals-Tumoren, gastrointestinale Tumoren |
| Gastrointestinale Störungen | Malabsorptionssyndrome, Störungen der Darmmotilität, Fisteln |
Besonderheit Demenz: Eine HEE kann auch bei Demenz durchgeführt werden (Empfehlungsgrad 0), sofern eine medizinische Indikation vorliegt und ethische Aspekte sowie der Schweregrad individuell berücksichtigt werden.
Indikationen für die Heimparenterale Ernährung (HPE)
Die HPE richtet sich an Patienten, die ihren Nährstoffbedarf weder oral noch enteral decken können. Ein höheres Alter (>65 Jahre) oder Komorbiditäten stellen keine Kontraindikation dar.
| Klinisches Szenario | Beschreibung |
|---|---|
| Primäre Therapie | Lebensrettend bei chronischem Darmversagen (CIF) durch benigne Erkrankungen |
| Maligne Erkrankungen | Bei CIF durch Tumorerkrankungen (oft passager während kurativer Therapie) |
| Palliativphase | Zur Vermeidung des vorzeitigen Todes durch Mangelernährung (Einzelfallentscheidung) |
| "No-CIF-Szenario" | Bei funktionierendem Darm, wenn andere Ernährungsformen abgelehnt werden oder nicht möglich sind |
Kontraindikationen
Eine HEE/HPE darf nicht durchgeführt werden bei:
- Fehlender Zustimmung des Patienten oder der gesetzlichen Vertreter.
- Einer Lebenserwartung von nur wenigen Wochen (Ausnahme: palliative Symptomkontrolle).
- Schweren Stoffwechselstörungen (z. B. schwere Azidose, Laktat >3-4 mmol/l, Hyperkapnie).
- Für HEE spezifisch: Magen-Darm-Verschluss, GI-Blutungen oder schwere Malabsorption.
Strukturelle Voraussetzungen und Ernährungsteams
Die komplexe Therapie erfordert ein multidisziplinäres Nutrition Support Team (NST) (bestehend aus Arzt, Pflegefachkraft, Ernährungsfachkraft und Apotheker). Dies senkt Komplikationsraten (wie Katheter-assoziierte Blutstrominfektionen, CRBSI) und Kosten signifikant.
| Einrichtung | Kernaufgaben |
|---|---|
| Ernährungsteam (NST) | Indikationsstellung, Rezeptierung, Schulung, Komplikationsmanagement |
| Ambulanter Pflegedienst | An-/Abhängen der Nahrung, Wundversorgung, Medikamentengabe |
| Apotheke | Herstellung (Compounding), Qualitätskontrolle, Lieferung |
| Homecare-Unternehmen | Organisation der Belieferung, Schulung, Verlaufskontrollen |
Schulung und Entlassungsmanagement
Vor der Entlassung muss ein strukturiertes, individuelles Schulungsprogramm für Patienten und/oder Pflegende erfolgen.
Wichtige Schulungsinhalte:
- Sonden- und Katheterpflege (Infektionsprävention)
- Pumpenanwendung und Fehlermanagement
- Erkennung von Komplikationen (z. B. Okklusionen, Diarrhoe)
- Verhalten im Alltag (Duschen, Reisen, Sport)
Ausgewählte Patienten können nach adäquater Schulung die Nährlösungen selbst mischen und applizieren, was die Autonomie und Lebensqualität deutlich erhöht.
Besonderheiten in Pflegeeinrichtungen
Für Pflegeheimbewohner gelten dieselben Voraussetzungen wie im häuslichen Umfeld. Eine Besonderheit stellt das Flüssigkeitsmanagement dar: Bei geriatrischen und palliativen Patienten sollte eine leichte bis mittelschwere Dehydratation, die oral nicht kompensierbar ist, mittels subkutaner Flüssigkeitsgabe behandelt werden (Empfehlungsgrad B).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei geriatrischen und palliativen Patienten mit leichter bis mittelschwerer Dehydratation die subkutane Flüssigkeitsgabe. Sie ist ähnlich effektiv und sicher wie die intravenöse Gabe, verursacht aber weniger Komplikationen.