Akuter Gichtanfall: Therapie und Leitlinien-Empfehlung
Hintergrund
Der vorliegende IQWiG-Evidenzbericht (V22-06B, 2023) dient als wissenschaftliche Grundlage für die Aktualisierung der S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Gicht. Er bewertet die medikamentöse Behandlung des akuten Gichtanfalls bei erwachsenen Personen.
Untersucht wurden die Effekte und die Sicherheit von nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), Interleukin-1-Inhibitoren (IL-1-Inhibitoren), Glukokortikoiden und Colchicin. Diese wurden sowohl mit Placebo als auch untereinander verglichen.
Als primäre Endpunkte für die Nutzenbewertung dienten die Schmerzreduktion, die körperliche Funktionsfähigkeit sowie das Auftreten unerwünschter Ereignisse und Therapieabbrüche. Insgesamt wurden zwölf randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) in die Auswertung einbezogen.
Empfehlungen
Der Evidenzbericht fasst die Studienergebnisse zu den verschiedenen Wirkstoffklassen wie folgt zusammen:
Colchicin vs. Placebo
Der Bericht zeigt, dass Colchicin im Vergleich zu Placebo eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität um mindestens 50 Prozent bewirkt (moderate Qualität der Evidenz).
Hinsichtlich schwerwiegender unerwünschter Ereignisse (SUE) zeigten sich in den Studien keine Auffälligkeiten. Gastrointestinale Nebenwirkungen wie Diarrhö und Erbrechen traten auf, der Unterschied zu Placebo war jedoch statistisch nicht signifikant.
NSAR vs. Colchicin
Beim direkten Vergleich von NSAR und Colchicin ergab die Evidenzauswertung keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Schmerzlinderung oder schwerwiegender unerwünschter Ereignisse.
Ein wesentlicher Unterschied zeigte sich jedoch bei den Nebenwirkungen:
-
Unter Colchicin traten statistisch signifikant häufiger Diarrhö und Obstipation auf als unter NSAR (hohe Qualität der Evidenz).
-
Die Rate der Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen unterschied sich zwischen den Gruppen nicht signifikant.
NSAR vs. Glukokortikoide
Der Evidenzbericht stellt fest, dass NSAR und Glukokortikoide eine vergleichbare Wirksamkeit bei der Schmerzreduktion und der Verbesserung der Funktionsfähigkeit aufweisen (moderate bis hohe Qualität der Evidenz).
Bezüglich der Verträglichkeit zeigten Glukokortikoide deutliche Vorteile:
-
Es traten signifikant weniger Therapieabbrüche aufgrund unerwünschter Ereignisse auf.
-
Die Rate an schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen (SUE) war unter Glukokortikoiden signifikant geringer.
IL-1-Inhibitoren vs. Glukokortikoide
Laut Bericht weisen IL-1-Inhibitoren im Vergleich zu Glukokortikoiden eine stärkere Schmerzreduktion und eine bessere kurzfristige Funktionsfähigkeit auf. Die Qualität dieser Evidenz wird jedoch als niedrig bis sehr niedrig eingestuft.
Bei der Gesamtrate unerwünschter Ereignisse zeigte sich ein knapper statistisch signifikanter Vorteil zugunsten der Glukokortikoide.
Dosierung
Der Evidenzbericht analysiert Studien, in denen folgende Dosierungsschemata für den akuten Gichtanfall angewendet wurden. Es wird darauf hingewiesen, dass einige dieser Dosierungen von der deutschen Zulassung abweichen können.
| Wirkstoff | Untersuchte Dosierung (Beispiele aus Studien) | Therapiedauer |
|---|---|---|
| Colchicin | Initial 1,2 mg, gefolgt von 0,6 mg nach 1 Stunde (Gesamtdosis 1,8 mg) | 24 Stunden |
| Etoricoxib | 120 mg/Tag (Tag 1-5), danach 60 mg/Tag (Tag 6-10) | 10 Tage |
| Naproxen | Initial 750 mg, danach 250 mg alle 8 Stunden | 7 Tage |
| Indometacin | Initial 50 mg, dann 50 mg alle 8h (Tag 1-2), danach 25 mg alle 8h (Tag 3-5) | 5 Tage |
| Prednisolon | 30 mg bis 35 mg pro Tag | 5 Tage |
| Canakinumab (IL-1-Inhibitor) | 150 mg als Einmaldosis (subkutan) | Einmalig |
Kontraindikationen
Der Bericht weist explizit darauf hin, dass Prednisolon in Deutschland nicht für die Behandlung eines Gichtanfalls zugelassen ist (Off-Label-Use). Die Evidenzdarstellung erfolgte in diesem Bericht ausschließlich aufgrund der hohen klinischen Relevanz als orale Alternative zu NSAR.
Zudem wird hervorgehoben, dass Colchicin im Vergleich zu NSAR ein signifikant höheres Risiko für gastrointestinale Nebenwirkungen wie Diarrhö und Obstipation aufweist.
💡Praxis-Tipp
Obwohl NSAR und Glukokortikoide bei einem akuten Gichtanfall eine vergleichbare Schmerzlinderung bieten, zeigt die Evidenz, dass Glukokortikoide mit signifikant weniger Therapieabbrüchen und schwerwiegenden Nebenwirkungen assoziiert sind. Es wird im Bericht jedoch betont, dass der Einsatz von Prednisolon beim Gichtanfall in Deutschland formal einen zulassungsüberschreitenden Einsatz (Off-Label-Use) darstellt.
Häufig gestellte Fragen
Laut IQWiG-Evidenzbericht gibt es keinen signifikanten Unterschied in der Schmerzlinderung zwischen Colchicin und NSAR. Allerdings verursacht Colchicin signifikant häufiger gastrointestinale Nebenwirkungen wie Durchfall und Verstopfung.
Die Evidenz zeigt, dass Glukokortikoide im Vergleich zu NSAR zu signifikant weniger Therapieabbrüchen aufgrund von Nebenwirkungen führen. Auch die Rate schwerwiegender unerwünschter Ereignisse ist unter Glukokortikoiden geringer.
In den bewerteten Studien zeigte Colchicin bereits innerhalb der ersten 24 bis 32 Stunden nach Gabe der Initialdosis eine signifikante Schmerzreduktion im Vergleich zu Placebo.
IL-1-Inhibitoren (wie Canakinumab) zeigen in Studien eine stärkere Schmerzreduktion als Glukokortikoide. Der Bericht stuft die Qualität dieser Evidenz jedoch als niedrig ein und weist auf eine leicht erhöhte Gesamtrate an Nebenwirkungen hin.
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Quelle: IQWiG V22-06: Evidenzrecherche zur S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Gicht (IQWiG, 2023). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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