Adipositas bei Kindern: Diagnostik und Basistherapie
Hintergrund
Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist eine chronische Erkrankung, die durch eine über die Norm hinausgehende Vermehrung des Körperfetts definiert ist. Zur Beurteilung des Gewichtsstatus werden alters- und geschlechtsspezifische BMI-Perzentile herangezogen, da der Body-Mass-Index im Wachstumsalter starken Schwankungen unterliegt.
Die Ursachen der Erkrankung sind multifaktoriell und umfassen genetische, psychosoziale sowie umweltbedingte Faktoren. Ein wesentlicher Risikofaktor ist die Adipositas der Eltern, weshalb das familiäre Umfeld und der elterliche Lebensstil eine prägende Rolle bei der Entstehung spielen.
Laut Daten der KiGGS-Studie sind in Deutschland etwa 5,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Adipositas betroffen. Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status weisen dabei ein etwa viermal höheres Risiko auf als Gleichaltrige mit hohem sozioökonomischem Status.
Empfehlungen
Die IQWiG-Leitliniensynopse formuliert folgende Kernempfehlungen für die strukturierte Versorgung:
Diagnostik und Klassifikation
Die Diagnose und Einteilung der Adipositas erfolgt anhand von BMI-Perzentilen. Bei klinischem Verdacht auf eine sekundäre Adipositas wird eine umfassende anamnestische und klinische Abklärung empfohlen (starke Empfehlung).
| Klassifikation | BMI-Perzentile |
|---|---|
| Übergewicht | > 90 bis 97 |
| Adipositas | > 97 bis 99,5 |
| Extreme Adipositas | > 99,5 |
Zudem wird ein regelmäßiges Screening auf Komorbiditäten empfohlen:
-
Blutdruckmessung bei allen adipösen Kindern ab 3 Jahren
-
Bestimmung von Nüchternblutzucker und Lipidprofil ab 6 Jahren
-
Untersuchung auf respiratorische Symptome, Fettleber und orthopädische Komplikationen
Konservative Basistherapie
Es wird eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie empfohlen. Eine alleinige Ernährungstherapie zeigt laut Leitlinie nur geringe Langzeiteffekte und sollte stets mit anderen Bausteinen kombiniert werden.
Für die Ernährungstherapie wird eine balancierte Kost empfohlen. Die Bewegungstherapie zielt primär auf die Verringerung von Inaktivität (wie Medienkonsum) und die Steigerung der Alltagsaktivität ab.
Familienbasierte Interventionen
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit des familiären Umfelds für den Therapieerfolg. Es wird empfohlen, Eltern und Familie aktiv in verhaltenstherapeutische Maßnahmen einzubeziehen (starke Empfehlung).
Chirurgische Therapie
Adipositaschirurgische Eingriffe sind laut Leitlinie nur nach sorgfältiger Einzelfallprüfung durch ein interdisziplinäres Team indiziert. Die Eingriffe müssen in spezialisierten Zentren mit pädiatrischer Anbindung erfolgen.
| Kriterium | Voraussetzung für bariatrische Chirurgie |
|---|---|
| BMI ≥ 35 kg/m² | Mindestens eine schwere somatische oder psychosoziale Komorbidität |
| BMI ≥ 50 kg/m² | Auch ohne bestehende Komorbidität möglich |
Zwingende Voraussetzung für eine Operation ist eine zuvor intensiv ausgeschöpfte konservative Therapie über mindestens sechs Monate. Zudem muss eine lebenslange postoperative Nachsorge gewährleistet sein.
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Kontraindikationen für adipositaschirurgische Eingriffe bei Jugendlichen:
-
Drogenabhängigkeit oder Substanzmissbrauch
-
Fehlende Fähigkeit zur Teilnahme an einer lebenslangen medizinischen Nachsorge
-
Akute oder chronische lebensbedrohliche Erkrankungen
-
Hohes Narkoserisiko
-
Bestehende oder geplante Schwangerschaft innerhalb der ersten zwei postoperativen Jahre
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt ausdrücklich vor der Anwendung starrer Diätpläne oder Kostformen mit extremen Nährstoffrelationen bei Kindern und Jugendlichen. Solche Maßnahmen bergen medizinische Risiken und zeigen keinen Langzeiterfolg. Stattdessen wird eine langfristige, familienbasierte Lebensstiländerung empfohlen.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie definiert Adipositas im Kindes- und Jugendalter ab einer BMI-Perzentile von über 97. Eine extreme Adipositas liegt bei einer BMI-Perzentile von über 99,5 vor.
Ein chirurgischer Eingriff kann bei einem BMI ab 35 kg/m² mit schweren Komorbiditäten oder ab einem BMI von 50 kg/m² erwogen werden. Voraussetzung ist laut Leitlinie eine zuvor erfolglos ausgeschöpfte konservative Therapie über mindestens sechs Monate.
Die Leitlinie empfiehlt dringend, die Eltern in die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen einzubeziehen. Eine alleinige Behandlung des Kindes ist weniger effektiv als familienbasierte Interventionen.
Es wird empfohlen, bei adipösen Kindern ab einem Alter von 6 Jahren den Nüchternblutzucker zu bestimmen. Bei Vorliegen weiterer Risikofaktoren sollte ein gezieltes Screening auf Typ-2-Diabetes erfolgen.
Eine adjuvante medikamentöse Therapie sollte laut Leitlinie nur in Einzelfällen erwogen werden. Dies gilt bei erheblicher Komorbidität und nach Versagen einer verhaltensorientierten Therapie über mindestens 9 bis 12 Monate.
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Quelle: IQWiG V21-07: Leitliniensynopse Adipositas - Kinder und Jugendliche (IQWiG, 2022). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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