Adipositas Prävention & Therapie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose Adipositas wird ab einem BMI von ≥ 30 kg/m² gestellt, Übergewicht (Präadipositas) ab ≥ 25 kg/m².
- •Adipositas ist eine chronische Krankheit und ein starker Risikofaktor für Komorbiditäten wie Typ-2-Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen und bestimmte Krebsarten.
- •Gewichtsbezogene Stigmatisierung im Gesundheitswesen verschlechtert die Prognose und muss durch Schulung und adäquate Praxisausstattung aktiv vermieden werden.
- •Zur Verlaufskontrolle der Therapie soll neben dem BMI zwingend der relative Gewichtsverlust (RWL) dokumentiert werden.
- •Bei Verdacht auf sarkopene Adipositas wird eine Analyse der Körperzusammensetzung (z. B. BIA, DXA) empfohlen; auf die Messung von Hautfaltendicken soll verzichtet werden.
Hintergrund
Adipositas ist eine chronische Krankheit, die durch eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts definiert ist und mit erheblichen gesundheitlichen Risiken einhergeht. Die Entstehung ist multifaktoriell und resultiert aus einer komplexen Interaktion von Biologie und Umwelt.
Potenzielle Ursachen der Adipositas:
- Genetische und familiäre Disposition
- Bewegungsmangel und überwiegend sitzende Tätigkeiten
- Übermäßige Energiezufuhr (ständige Verfügbarkeit energiedichter Lebensmittel)
- Chronischer Stress und depressive Erkrankungen
- Essstörungen (z. B. Binge-Eating-Störung)
- Endokrine Erkrankungen (z. B. Hypothyreose, Cushing-Syndrom)
- Medikamente (z. B. Antidepressiva, Glukokortikoide, Betablocker)
Klassifikation des Körpergewichts
Die Einteilung des Körpergewichts erfolgt standardmäßig über den Body-Mass-Index (BMI).
| Klassifikation | BMI (kg/m²) |
|---|---|
| Normalgewicht | 18,5 – 24,9 |
| Übergewicht (Präadipositas) | 25,0 – 29,9 |
| Adipositas Grad I | 30,0 – 34,9 |
| Adipositas Grad II | 35,0 – 39,9 |
| Adipositas Grad III | ≥ 40,0 |
Komorbiditäten
Adipositas ist ein wesentlicher Risikofaktor für zahlreiche somatische und psychische Begleiterkrankungen. Das Risiko steigt mit dem Schweregrad und der Dauer der Erkrankung.
| Risikoerhöhung | Assoziierte Erkrankungen |
|---|---|
| 1- bis 2-fach | Koxarthrose, Rückenbeschwerden, Infertilität, Polyzystisches Ovar-Syndrom (PCOS), Urolithiasis, Krebserkrankungen |
| 2- bis 3-fach | Arterielle Hypertonie, Dyslipidämie, Koronare Herzkrankheit (KHK), Schlaganfall, Gicht, Refluxösophagitis, Cholezystolithiasis |
| > 3-fach | Fettleber-Erkrankungen (MASLD/MASH), Obstruktives Schlaf-Apnoe-Syndrom (OSAS), Typ-2-Diabetes mellitus, Gonarthrose |
Stigmatisierung im Gesundheitswesen
Menschen mit Adipositas erfahren häufig gewichtsbezogene Stigmatisierung. Dies führt zu einer Verschlechterung der psychischen und physischen Gesundheit und beeinflusst das Inanspruchnahmeverhalten von Therapien negativ.
- Empfehlungsgrad A: In der Prävention und Therapie sollen gewichtsbezogene Stigmatisierung und deren gesundheitliche Auswirkungen aktiv adressiert werden.
- Empfehlungsgrad A: Ausbildungscurricula für Gesundheitsberufe sollen praktische Fertigkeiten für einen nicht-stigmatisierenden Umgang vermitteln.
- Expertenkonsens (EK): Prävention und Therapie sollen frei von Stigmatisierung sein. Zur Vermeidung sollen Einrichtungen adäquat ausgestattet sein (z. B. Schwerlaststühle, hinreichende Körperwaagen).
Diagnostik und Anthropometrie
Die Diagnostik dient der Erfassung des Gewichts, der Körperzusammensetzung und der Risikostratifizierung.
- Expertenkonsens (EK): Bei Verdacht auf Übergewicht sollen Körpergewicht, Körpergröße und der BMI bestimmt werden.
- Expertenkonsens (EK): Im Therapieverlauf sollte (mindestens monatlich) der relative Gewichtsverlust (RWL) bestimmt und dokumentiert werden. Ein RWL von ≥ 5 % gilt als klinisch signifikant.
- Empfehlungsgrad 0: Zu Therapiebeginn kann der Taillenumfang und ggf. der Hüftumfang (sowie WHR/WHtR) bestimmt werden, um das kardiometabolische Risiko besser abzuschätzen.
- Empfehlungsgrad B: Bei klinischem Verdacht auf sarkopene Adipositas sollte die Körperzusammensetzung mit einem validierten Verfahren (z. B. BIA, DXA) analysiert werden.
- Empfehlungsgrad B: Auf die Messung von Hautfaltendicken sollte verzichtet werden.
- Expertenkonsens (EK): Zur Einschätzung des kardiovaskulären Risikos kann die körperliche Fitness erhoben werden.
💡Praxis-Tipp
Sorgen Sie für eine adäquate Ausstattung in Ihrer Praxis (z. B. Schwerlaststühle, geeignete Waagen), um gewichtsbezogene Stigmatisierung zu vermeiden. Berechnen Sie zur Motivation und Erfolgskontrolle im Therapieverlauf stets den relativen Gewichtsverlust (RWL).