Psychisches Trauma: Akutbehandlung Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Psychosoziale Maßnahmen sollen in den ersten Stunden bis Tagen nach dem Trauma angeboten werden.
- •Sicherheit und Schutz der Betroffenen haben bei der Ersteinschätzung oberste Priorität.
- •Einmaliges psychologisches Debriefing wird als Frühintervention ausdrücklich nicht empfohlen.
- •Die Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) ist die spezifische Frühintervention der Wahl.
- •Mit dem Einsatz von Psychopharmaka sollte primär zugewartet werden, sofern keine akute Suizidalität vorliegt.
Hintergrund
Die Leitlinie behandelt die Diagnostik und Behandlung akuter Folgen psychischer Traumatisierung innerhalb der ersten drei Monate nach einem Ereignis. Als traumatisch gelten Ereignisse, die eine außergewöhnliche Belastung oder extreme Bedrohung darstellen (z.B. schwere Unfälle, Gewalt, Naturkatastrophen). Die Reaktionen können von kurzzeitigen Belastungen bis hin zu akuten Traumafolgestörungen (Akute Belastungsreaktion, Akute Belastungsstörung) reichen.
Symptomatik und Verlauf
Die Symptome entstehen meist innerhalb von Stunden bis Tagen und fluktuieren im Verlauf. Eine verzögerte Symptomentwicklung ist möglich.
| Kategorie | Typische Symptome |
|---|---|
| Wiedererleben | Intrusionen, Flashbacks, traumaassoziierte Alpträume |
| Übererregung | Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen |
| Vermeidung | Rückzug, Vermeidung traumaassoziierter Stimuli |
| Dissoziation | Derealisation, Depersonalisation, dissoziativer Stupor |
| Affekt | Emotionale Taubheit, depressive Reaktionen, Schuld- und Schamerleben |
Besonderheiten bei Kindern: Kinder und Jugendliche zeigen ähnliche Symptome, jedoch altersabhängig auch spezifische Auffälligkeiten:
- Kleinkinder: Erhöhte Trennungsangst, regressives Verhalten (Bettnässen, Babysprache), Verzögerung neuer Fertigkeiten.
- Vorschulkinder: Magisches Denken, Fehlerklärungen, erhöhte Fantasietätigkeit.
- Schulkinder/Jugendliche: Ängste vor Ausgrenzung, Störungen des Sozialverhaltens.
Diagnostik und Screening
In der frühen Phase (erste Stunden bis Tage) steht die psychosoziale Ersteinschätzung im Vordergrund. Symptomorientierte Screeninginstrumente sollen in den ersten Tagen vorsichtig interpretiert werden, da frühe Symptome eine hohe Spontanremissionsrate aufweisen.
Die Ersteinschätzung muss folgende Bereiche abdecken:
- Psychischer Befund: Bewusstsein, Orientierung, Affekt, Eigen- und Fremdgefährdung.
- Äußere Sicherheit: Sicherstellung von Schutz, besonders bei anhaltender Bedrohung (z.B. häusliche Gewalt).
- Ressourcen: Erfassung der sozialen Unterstützung und aktueller Lebensbedingungen.
Schutz- und Risikofaktoren
Die Entwicklung einer Traumafolgestörung hängt von der individuellen Balance aus Schutz- und Risikofaktoren ab.
| Phase | Risikofaktoren | Schutzfaktoren |
|---|---|---|
| Prätraumatisch | Frühere Traumata, psychische Vorerkrankungen, Selbstabwertung | Hohes Kohärenzgefühl |
| Peritraumatisch | Hohe wahrgenommene Bedrohung, Selbstaufgabe, Katastrophisierung | Hohe Selbstwirksamkeitserwartung |
| Posttraumatisch | Fehlende soziale Unterstützung, anhaltende Schmerzen, Kontakt zum Täter | Soziale Unterstützung, Schutz vor Zusatzbelastungen |
Frühinterventionen und Therapie
Die Grundhaltung der Behandler muss von Akzeptanz, Wertschätzung und emotionaler Einfühlung geprägt sein. Interventionen basieren auf Freiwilligkeit und dürfen nicht aufgedrängt werden.
Prinzipien der psychosozialen Notfallversorgung
| Prinzip | Praktische Umsetzung |
|---|---|
| Sicherheit fördern | An einen sicheren Ort bringen, Medienkonsum begrenzen |
| Beruhigen und entlasten | Aktiv Probleme angehen, Informationen über Angehörige geben |
| Selbstwirksamkeit fördern | Betroffene in Entscheidungen einbinden |
| Kontakt fördern | Kontakt zu nahestehenden Personen wiederherstellen |
| Hoffnung stärken | Unterstützung bei der Alltagsorganisation, Beratungsstellen kontaktieren |
Spezifische therapeutische Empfehlungen
- Watchful Waiting: Allen Betroffenen, besonders jenen mit hoher Symptomlast, soll in den ersten Wochen ein aktives Monitoring angeboten werden.
- Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT): Soll als spezifische Frühintervention eingesetzt werden. Sie umfasst Informationsvermittlung, Exposition, kognitive Umstrukturierung und Stressbewältigung.
- Debriefing: Ein einmaliges psychologisches Debriefing mit Durcharbeiten der traumatischen Erfahrung soll nicht als Frühintervention angeboten werden.
- Psychopharmaka: Mit dem Einsatz sollte zugewartet werden, sofern keine akute Suizidalität vorliegt. Sie sind nur zu erwägen, wenn nicht-pharmakologische Maßnahmen keine Besserung bringen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf ein einmaliges psychologisches Debriefing. Setzen Sie stattdessen auf 'Watchful Waiting' und vermitteln Sie bei anhaltender Symptomatik eine Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT).