Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Psychologisches Debriefing zur Prävention oder Behandlung der PTBS wird ausdrücklich nicht empfohlen.
- •Die trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-CBT) ist die Therapie der ersten Wahl für Erwachsene, Kinder und Jugendliche.
- •EMDR ist eine wirksame Alternative für Erwachsene und als Zweitlinientherapie bei Kindern ab 7 Jahren.
- •Medikamentöse Therapien (inkl. Benzodiazepine) sollen nicht zur Prävention eingesetzt werden; bei Kindern unter 18 Jahren sind sie generell nicht empfohlen.
- •Bei komorbider Depression sollte in der Regel zuerst die PTBS behandelt werden, es sei denn, die Depression ist sehr schwer oder es besteht akute Gefährdung.
Hintergrund
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann nach extrem bedrohlichen oder katastrophalen Ereignissen auftreten. Etwa 25–30 % der Personen, die ein Trauma erleben, entwickeln eine PTBS. Die Symptomatik umfasst funktionelle Beeinträchtigungen durch:
- Wiedererleben (Intrusionen, Flashbacks)
- Vermeidung trauma-assoziierter Reize
- Übererregung (Hypervigilanz, Wut, Reizbarkeit)
- Negative Veränderungen von Stimmung und Denken
- Emotionale Taubheit und Dissoziation
- Emotionale Dysregulation und zwischenmenschliche Schwierigkeiten
Zu den Auslösern zählen unter anderem schwere Unfälle, körperliche oder sexuelle Übergriffe, Missbrauch, arbeitsbedingte Traumata, schwere gesundheitliche Probleme (z. B. Intensivstation, neonataler Tod), Krieg und Folter.
Diagnostik und Screening
Bei Personen mit hohem Risiko nach einer großen Katastrophe oder bei Flüchtlingen und Asylbewerbern sollte routinemäßig ein validiertes Kurz-Screening nach einem Monat erwogen werden.
Bei subschwelligen Symptomen innerhalb des ersten Monats nach einem Trauma sollte ein Active Monitoring (beobachtendes Abwarten) mit einem Follow-up innerhalb eines Monats erfolgen.
Therapieprinzipien
- Kein psychologisches Debriefing: Psychologisch fokussiertes Debriefing soll weder zur Prävention noch zur Behandlung der PTBS angeboten werden.
- Sichere Umgebung: Patienten dürfen keinen trauma-induzierenden Umgebungen ausgesetzt werden (z. B. laute Stationen, Fixierung).
- Peer-Support: Der Zugang zu angeleiteten Peer-Support-Gruppen sollte gefördert werden.
Therapie bei Kindern und Jugendlichen (< 18 Jahre)
Medikamentöse Therapien sollen bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren zur Prävention oder Behandlung nicht angeboten werden. Die psychologische Therapie steht im Vordergrund.
| Zeitfenster nach Trauma | Empfohlene Intervention | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 1 Monat | Active Monitoring oder TF-CBT erwägen | Bei akuter Belastungsstörung oder klinisch relevanten Symptomen |
| 1–3 Monate (7–17 Jahre) | TF-CBT erwägen | Einzeltherapie |
| > 3 Monate (7–17 Jahre) | TF-CBT anbieten | Einzeltherapie, typischerweise 6–12 Sitzungen |
| > 3 Monate (7–17 Jahre) | EMDR erwägen | Nur wenn TF-CBT nicht wirksam ist oder abgelehnt wird |
Hinweis: Bei großflächigen, gemeinsamen Traumata kann für 7- bis 17-Jährige eine gruppenbasierte TF-CBT erwogen werden.
Therapie bei Erwachsenen
Medikamente (einschließlich Benzodiazepine) sollen nicht zur Prävention einer PTBS angeboten werden. Die psychologische Therapie ist die primäre Behandlungsform.
| Zeitfenster nach Trauma | Psychologische Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 1 Monat | TF-CBT anbieten | Bei akuter Belastungsstörung |
| 1–3 Monate | TF-CBT anbieten oder EMDR erwägen | EMDR nur bei nicht-kampfbedingtem Trauma |
| > 3 Monate | TF-CBT anbieten oder EMDR anbieten | Typischerweise 8–12 Sitzungen |
| > 3 Monate | Computergestützte TF-CBT erwägen | Bei Präferenz und Fehlen schwerer/dissoziativer Symptome |
Medikamentöse Therapie (Erwachsene)
- Antidepressiva: Venlafaxin oder ein SSRI (z. B. Sertralin) können erwogen werden, wenn der Patient eine medikamentöse Behandlung bevorzugt. Die Behandlung muss regelmäßig überprüft werden.
- Antipsychotika: Risperidon kann als Ergänzung zur psychologischen Therapie erwogen werden, wenn stark beeinträchtigende Symptome (z. B. schweres Hyperarousal, psychotische Symptome) vorliegen und andere Therapien nicht angesprochen haben. Die Verordnung sollte durch einen Spezialisten erfolgen.
Komplexe PTBS und Komorbiditäten
- Depression: In der Regel sollte zuerst die PTBS behandelt werden, da sich die Depression dadurch oft bessert. Eine Ausnahme besteht bei schwerer Depression, die eine psychologische PTBS-Therapie erschwert, oder bei Eigen-/Fremdgefährdung.
- Substanzmissbrauch: Patienten dürfen nicht allein aufgrund eines komorbiden Drogen- oder Alkoholmissbrauchs von der Behandlung ausgeschlossen werden.
- Komplexe PTBS: Es sollte mehr Zeit für den Vertrauensaufbau eingeplant werden (z. B. längere oder mehr Therapiesitzungen).
💡Praxis-Tipp
Führen Sie kein psychologisches Debriefing zur Prävention einer PTBS durch. Setzen Sie bei subschwelligen Symptomen im ersten Monat auf 'Active Monitoring' (Beobachtendes Abwarten) und planen Sie ein Follow-up innerhalb eines Monats.