Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die psychologische Therapie der ersten Wahl für alle Altersgruppen.
- •Psychologisches Debriefing zur Prävention einer PTBS wird ausdrücklich nicht empfohlen.
- •Medikamentöse Therapien (z. B. SSRI, Venlafaxin) sind bei Erwachsenen keine Erstlinientherapie; bei Kindern sind sie kontraindiziert.
- •EMDR ist eine wirksame Alternative bei Erwachsenen mit nicht-kampfbezogenen Traumata.
- •Bei komorbider Depression sollte in der Regel die PTBS zuerst behandelt werden.
Hintergrund
Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann nach extrem bedrohlichen oder katastrophalen Ereignissen auftreten. Die NICE-Leitlinie unterscheidet zwischen der klassischen PTBS und der komplexen PTBS, die häufig nach anhaltenden oder wiederholten Traumata (z. B. Missbrauch, Folter) entsteht.
| Kategorie | Typische Symptome |
|---|---|
| Wiedererleben | Aufdrängende Erinnerungen, Flashbacks, Albträume |
| Vermeidung | Vermeidung von trauma-assoziierten Reizen |
| Hyperarousal | Hypervigilanz, Wut, Reizbarkeit, Schlafstörungen |
| Stimmung & Kognition | Emotionale Taubheit, Dissoziation |
| Komplexe PTBS (Zusatz) | Affektdysregulation, negative Selbstwahrnehmung, interpersonelle Probleme |
Diagnostik und Screening
Bei der Beurteilung auf PTBS müssen Patienten gezielt nach traumatischen Erlebnissen (z. B. schwere Unfälle, körperliche/sexuelle Übergriffe, traumatische Geburten, Krieg) und den oben genannten Symptomen gefragt werden.
- Routinemäßiges Screening: Bei Hochrisikogruppen (z. B. nach Großschadensereignissen, bei Flüchtlingen und Asylbewerbern) sollte 1 Monat nach dem Ereignis ein validiertes Kurz-Screening erwogen werden.
- Active Monitoring: Bei unterschwelligen PTBS-Symptomen innerhalb des ersten Monats nach dem Trauma sollte ein "Active Monitoring" (beobachtendes Abwarten) mit einem Follow-up innerhalb eines Monats erfolgen.
- Psychologisches Debriefing: Ein psychologisch fokussiertes Debriefing zur Prävention oder Behandlung der PTBS wird ausdrücklich nicht empfohlen.
Therapie bei Erwachsenen
Die psychologische Therapie, insbesondere die trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (KVT), ist die Behandlung der ersten Wahl.
| Zeitraum nach Trauma | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 1 Monat | Trauma-fokussierte KVT | Bei akuter Belastungsstörung oder klinisch relevanten Symptomen |
| 1 - 3 Monate | Trauma-fokussierte KVT oder EMDR | EMDR bei Präferenz und nicht-kampfbezogenem Trauma |
| > 3 Monate | Trauma-fokussierte KVT oder EMDR | Typischerweise 8-12 Sitzungen (bei multiplen Traumata mehr) |
Hinweis: Unterstützte computergestützte trauma-fokussierte KVT kann bei Präferenz erwogen werden, sofern keine schweren dissoziativen Symptome oder Eigen-/Fremdgefährdung vorliegen.
Medikamentöse Therapie (Erwachsene)
Medikamente sind keine Erstlinientherapie und sollten zur Prävention einer PTBS (insbesondere Benzodiazepine) nicht angeboten werden.
| Wirkstoffgruppe | Beispiel | Indikation | Evidenz / Bemerkung |
|---|---|---|---|
| SSRI / SNRI | Sertralin, Venlafaxin | PTBS-Diagnose | Nur bei Patientenpräferenz; regelmäßige Überprüfung erforderlich |
| Antipsychotika | Risperidon | Schwere Hyperarousal- oder psychotische Symptome | Nur als Add-on zur Psychotherapie; Einstellung durch Spezialisten |
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren dürfen keine medikamentösen Behandlungen zur Prävention oder Therapie der PTBS angeboten werden.
| Altersgruppe | Zeitraum nach Trauma | Empfohlene Therapie |
|---|---|---|
| 7-17 Jahre | < 1 Monat | Gruppen-Trauma-fokussierte KVT (bei Großschadensereignissen) |
| 5-17 Jahre | > 1 Monat | Individuelle Trauma-fokussierte KVT (typischerweise 6-12 Sitzungen) |
| 7-17 Jahre | > 3 Monate | EMDR (nur wenn KVT nicht wirksam ist oder abgelehnt wird) |
Komplexe PTBS und Komorbiditäten
- Komorbide Depression: In der Regel sollte die PTBS zuerst behandelt werden, da sich die Depression dadurch oft bessert. Eine Ausnahme besteht, wenn die Depression so schwer ist, dass sie die PTBS-Therapie erschwert.
- Substanzmissbrauch: Patienten dürfen nicht allein aufgrund eines komorbiden Drogen- oder Alkoholmissbrauchs von der Behandlung ausgeschlossen werden.
- Komplexe PTBS: Es sollte mehr Zeit für den Vertrauensaufbau eingeplant werden (z. B. längere oder zusätzliche Therapiesitzungen). Barrieren wie Dissoziation oder emotionale Dysregulation müssen aktiv gemanagt werden.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei traumatisierten Patienten kein routinemäßiges psychologisches Debriefing durch. Setzen Sie in den ersten 4 Wochen auf 'Active Monitoring' und bieten Sie bei Bedarf frühzeitig eine trauma-fokussierte KVT an.