Massenanfall von Brandverletzten: WHO-Leitlinie 2024
📋Auf einen Blick
- •Die Triage bei Brandverletzten erfolgt in drei Phasen: am Unfallort, bei Ankunft in der Klinik und nach der definitiven Wundreinigung.
- •Am Unfallort basiert die Beurteilung der Verbrennungsschwere primär auf der geschätzten Körperoberfläche (%TBSA), nicht auf der Tiefe.
- •Die Entscheidung für eine palliative Versorgung (Kategorie "expectant") darf frühestens bei Ankunft in der ersten aufnehmenden Klinik getroffen werden.
- •Die Flüssigkeitstherapie sollte so früh wie möglich beginnen, primär oral erfolgen und bei Bedarf intravenös ergänzt werden.
- •Spezialisierte Burn Assessment Teams (BAT) und Burn Specialist Teams (BST) unterstützen lokale Strukturen bei Triage und klinischer Versorgung.
Hintergrund
Ein Massenanfall von Brandverletzten (Mass Casualty Incident, MCI) stellt Gesundheitssysteme vor enorme Herausforderungen. Die WHO empfiehlt allen Mitgliedsstaaten, spezifische Pläne für Verbrennungs-MCIs in ihre nationalen Katastrophenpläne aufzunehmen. Zur Unterstützung lokaler Ressourcen sollen spezialisierte Teams eingesetzt werden.
| Team-Typ | Einsatzzeitpunkt | Einsatzdauer | Kernfunktionen | Logistik |
|---|---|---|---|---|
| BAT (Burn Assessment Team) | Innerhalb von Stunden | 2 Wochen | Beratung, klinische Ersteinschätzung, Koordination | Leicht, portabel, mind. 3 Tage autark |
| BST (Burn Specialist Team) | Innerhalb von Tagen | 6 Wochen | Klinische Maximalversorgung, Kapazitätsaufbau | Mind. 2 Wochen autark |
Triage-Phasen
Die Triage ist ein dynamischer Prozess und muss mehrfach wiederholt werden. Die Leitlinie definiert drei obligatorische Phasen:
| Phase | Ort | Fokus & Maßnahmen |
|---|---|---|
| 1. On-scene | Unfallort | Standard-MCI-Triage (z.B. START). Schweregrad primär nach %TBSA (Neunerregel nach Wallace). Keine "Expectant"-Einstufung (infaust) am Unfallort! |
| 2. On-arrival | Erste aufnehmende Klinik | Re-Evaluation (%TBSA, Tiefe, Alter, Komorbiditäten). Entscheidung über Palliativversorgung ("Expectant") ist ab hier unter Expertenanleitung möglich. |
| 3. Definitiv | Nach Wundreinigung/Scrub | Exakte Bestimmung von Ausmaß und Tiefe. Definitive Verlegungsentscheidung. |
Triage-Kategorien nach %TBSA (Orientierungshilfe):
- Priorität 1: > 40 % TBSA, Inhalationstrauma, zirkuläre Thoraxverbrennungen
- Priorität 2: 20–40 % TBSA, zirkuläre Extremitätenverbrennungen, Spezialregionen
- Priorität 3: < 20 % TBSA
Erste Hilfe und Wundversorgung
- Kühlung: 10 Minuten bis zu 3 Stunden nach dem Trauma mit zimmerwarmem oder kühlem Trinkwasser. Bei Hypothermiegefahr hat die Reanimation Vorrang.
- Analgesie: Frühzeitige Schmerztherapie, idealerweise vor der Wundreinigung.
- Reinigung: Entfernung von Schmutz und Reizstoffen. Ringe und Schmuck sofort entfernen.
- Tetanus: Impfstatus prüfen und ggf. auffrischen.
- Antibiotika: Keine routinemäßige prophylaktische Gabe, es sei denn, es besteht eine spezifische klinische Indikation.
Flüssigkeitsmanagement
Die Flüssigkeitsgabe sollte so früh wie möglich (bereits am Unfallort oder in der ersten Klinik) beginnen.
- Primär orale Flüssigkeitstherapie (z.B. ORS) anwenden.
- Bei Bedarf und je nach Ressourcen durch intravenöse (IV) Flüssigkeit (Kristalloide) ergänzen.
- Zur Berechnung des Bedarfs sind Standardformeln zu verwenden.
Chirurgische Interventionen
Um spezialisierte Verbrennungszentren zu entlasten, können bestimmte Eingriffe auch in peripheren Kliniken durchgeführt werden:
| Qualifikation | Mögliche Eingriffe |
|---|---|
| Nicht-Verbrennungschirurg | Erweiterte Wundreinigung, chirurgischer Scrub, Escharotomie, Fasziotomie |
| Verbrennungschirurg | Exzision, enzymatisches Debridement, Hauttransplantation, Lappenplastiken, Kontraktur-Release |
Verlegung und Entlassung
- Ambulante Führung: Patienten mit < 20 % TBSA (oberflächlich/zweitgradig) und ohne betroffene Spezialregionen können bei gesichertem sozialem Umfeld entlassen werden.
- Verlegung ins Zentrum: Patienten mit > 20 % TBSA, tiefen dermalen Verbrennungen oder Verbrennungen an Spezialregionen (Gesicht, Hals, Hände, Füße, Genitalien, Gelenke) erfordern eine spezialisierte stationäre Behandlung.
Rehabilitation
Der Rehabilitationsbedarf muss bereits bei Ankunft in der ersten Klinik evaluiert werden. Aktive und passive Bewegungsübungen, Schienung und funktionelles Training sollen frühestmöglich beginnen, sobald die Vitalfunktionen stabil sind. Kompressionstherapie und Massagen werden zur Ödem- und Narbenkontrolle frühzeitig empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf prophylaktische Antibiotika bei Brandverletzten. Beginnen Sie die Flüssigkeitstherapie so früh wie möglich primär oral und schätzen Sie am Unfallort nur die verbrannte Fläche (%TBSA), nicht die Tiefe.