SRMNCAH-Dienste während COVID-19: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Essenzielle SRMNCAH-Dienste müssen durch Telemedizin, Task-Shifting und strikte Infektionskontrolle aufrechterhalten werden.
- •Routine-Schwangerschaftsvorsorgen bei Niedrigrisiko-Schwangeren sollten reduziert oder telemedizinisch durchgeführt werden.
- •Stillen, Rooming-in und Haut-zu-Haut-Kontakt werden auch bei COVID-19-positiven Müttern unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen empfohlen.
- •Eine asymptomatische Begleitperson sollte während der Geburt zugelassen werden.
- •Der Zugang zu Kontrazeption, sicheren Schwangerschaftsabbrüchen und HIV-Medikamenten (Mehr-Monats-Bedarf) muss gesichert bleiben.
Hintergrund
Die COVID-19-Pandemie führt zu einer massiven Belastung der Gesundheitssysteme. Dennoch müssen essenzielle Dienste für sexuelle, reproduktive, mütterliche, neugeborene, kindliche und jugendliche Gesundheit (SRMNCAH) aufrechterhalten werden. Die WHO fordert eine Reorganisation der Versorgung, um das Infektionsrisiko zu minimieren und gleichzeitig die Rechte und die Gesundheit von Frauen, Kindern und Jugendlichen zu schützen.
Reorganisation der Dienste
Um die Versorgung aufrechtzuerhalten und das Personal zu entlasten, empfiehlt die Leitlinie folgende strategische Anpassungen:
- Telemedizin: Nutzung von Telefon- oder Videokonsultationen für Terminvergaben, klinische Beratung und Rezeptausstellungen.
- Self-Care: Förderung der Selbstverwaltung von Medikamenten (z. B. orale Kontrazeptiva, medizinischer Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Woche, sofern legal).
- Task-Shifting: Übertragung von Aufgaben an geschultes Gesundheitspersonal auf Gemeindeebene (z. B. Hausbesuche für Schwangeren- und Wochenbettbetreuung).
Triage und Patientenfluss
Eine strikte Trennung von potenziell infizierten und nicht-infizierten Patienten ist essenziell.
| Maßnahme | Umsetzung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Triage & Screening | Bei Ankunft in der Klinik | Nach nationalen COVID-19-Falldefinitionen |
| Isolation | Eigene Bereiche/Zimmer | Mindestens ein Unterdruckzimmer für positive Gebärende und Kinder (falls verfügbar) |
| Transport | Dedizierte Krankenwagen | Getrennte Fahrzeuge für COVID-positive und -negative Patienten; strikte Desinfektion |
Schwangerenvorsorge (ANC)
Die Schwangerenvorsorge muss an das individuelle Risiko angepasst werden, um unnötige Klinikaufenthalte zu vermeiden.
- Niedrigrisiko-Schwangere: Reduzierung der Präsenztermine. Nutzung von Telemedizin für Beratungen.
- Hochrisiko-Schwangere: Priorisierung der physischen Kontakte im letzten Trimenon.
- COVID-19-Symptome: Verschiebung von Routine-Terminen bis nach der Isolationsphase (mindestens 3 Tage fieberfrei und 7 Tage nach Symptombeginn). Bei akuten Komplikationen: Behandlung in isolierten Räumen am Ende der Sprechstunde.
Geburtshilfe (Intrapartum Care)
Alle Frauen haben das Recht auf eine würdevolle und respektvolle Geburtshilfe, unabhängig von ihrem COVID-19-Status.
| Aspekt | Empfehlung |
|---|---|
| Begleitperson | Eine asymptomatische Person ist während der Wehen und der Geburt zugelassen. |
| Entbindungsmodus | Individuell nach geburtshilflicher Indikation. COVID-19 allein ist keine Sectio-Indikation. |
| Schutzausrüstung (PPE) | Bei Sectio eines positiven Falls: Volle PPE für das gesamte OP-Team (hohes Aerosol-Risiko bei Intubation). |
| Steroide | Gabe zur fetalen Lungenreife bei Frühgeburtsbestrebungen ist auch bei COVID-19 indiziert. |
Wochenbett (Postnatal Care)
Um eine Überbelegung der Kliniken zu vermeiden, kann eine frühe Entlassung erwogen werden, sofern die häusliche und telemedizinische Betreuung gesichert ist.
| Entbindungsart | Frühestmögliche Entlassung | Voraussetzung |
|---|---|---|
| Unkomplizierte Vaginalgeburt | Nach 6 Stunden | Häusliche Unterstützung & telemedizinische Betreuung gesichert |
| Normale Vaginalgeburt | Nach 24 Stunden | Standardbedingung |
| Sectio caesarea | Nach 2 Tagen | Je nach klinischem Status der Mutter |
Stillen und Neugeborenenversorgung
Stillen ist nicht kontraindiziert! Muttermilch überträgt nach aktuellem Stand kein SARS-CoV-2. Die Vorteile des Stillens überwiegen die potenziellen Infektionsrisiken deutlich.
- Rooming-in & Haut-zu-Haut-Kontakt: Wird für alle Mütter und Neugeborenen empfohlen. Keine routinemäßige Trennung!
- Hygienemaßnahmen für symptomatische Mütter:
- Händewaschen vor und nach dem Kontakt mit dem Kind.
- Tragen einer medizinischen Maske beim Stillen und Pflegen.
- Regelmäßige Desinfektion von Kontaktflächen.
- Schwerkranke Mütter: Unterstützung beim Abpumpen von Muttermilch unter Einhaltung der Hygieneregeln.
Kinder-, Jugend- und SRH-Medizin
- Kinderheilkunde: Routineimpfungen und die Behandlung häufiger Kinderkrankheiten (Pneumonie, Diarrhö, Mangelernährung) müssen fortgeführt werden.
- Familienplanung: Sicherstellung eines ununterbrochenen Zugangs zu Kontrazeptiva. Ausgabe von Vorräten für längere Zeiträume.
- HIV-Versorgung: Ausgabe von antiretroviralen Medikamenten (ART) für mindestens 3 bis idealerweise 6 Monate (Multi-Month Dispensing), um Klinikbesuche zu reduzieren.
- Geschlechtsspezifische Gewalt (GBV): Aufrechterhaltung von Schutz- und Beratungsangeboten, da häusliche Gewalt während Quarantänephasen signifikant ansteigt.
💡Praxis-Tipp
Trennen Sie COVID-19-positive Mütter nicht routinemäßig von ihren Neugeborenen. Fördern Sie das Stillen und Rooming-in unter strikten Hygienemaßnahmen (Maske, Händedesinfektion), da die Vorteile für das Kind die potenziellen Infektionsrisiken deutlich überwiegen.