Lepra-Kontaktverfolgung & PEP: WHO-Leitlinie 2020
📋Auf einen Blick
- •Kontaktpersonen von Lepra-Patienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst an Lepra zu erkranken.
- •Die Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit einer Einzeldosis Rifampicin (SDR) senkt das Risiko einer Erkrankung bei Kontakten um ca. 57-60 %.
- •Als Kontaktperson gilt, wer über mindestens 3 Monate im Jahr mehr als 20 Stunden pro Woche Kontakt zum Indexfall hatte.
- •Vor der SDR-Gabe müssen eine aktive Lepra, Tuberkulose, Schwangerschaft sowie Leber- und Nierenerkrankungen zwingend ausgeschlossen werden.
- •Die Prophylaxe sollte erst erfolgen, wenn der Indexfall mindestens 4 Wochen lang therapiert wurde.
Hintergrund
Trotz der Verfügbarkeit der Multidrug-Therapie (MDT) sinkt die weltweite Lepra-Inzidenz nur langsam. Die aktive Fallfindung und Untersuchung von Kontaktpersonen sind essenziell, um die Übertragungskette von Mycobacterium leprae zu unterbrechen. Studien zeigen, dass Haushaltskontakte von multibazillären Lepra-Patienten ein 5- bis 8-fach erhöhtes Risiko haben, selbst zu erkranken. Die Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit einer Einzeldosis Rifampicin (SDR) kann das Risiko einer Erkrankung bei Kontaktpersonen um etwa 57 % bis 60 % senken.
Definition der Kontaktpersonen
Als Kontaktperson gilt jeder, der im vergangenen Jahr über mindestens 3 Monate für mindestens 20 Stunden pro Woche engen Kontakt zu einem unbehandelten Indexfall hatte. Der Kontakt muss vor Beginn der Behandlung oder innerhalb der ersten vier Behandlungswochen bestanden haben.
| Kontakttyp | Definition |
|---|---|
| Haushaltskontakt | Personen, die denselben Wohnraum oder dieselbe Küche wie der Indexfall teilen (inkl. Hausangestellte). |
| Nachbarschaftskontakt | Personen in angrenzenden Häusern oder im Umkreis von ca. 100 Metern. |
| Sozialer Kontakt | Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen oder Mitschüler mit entsprechend langem Kontakt. |
Screening und Diagnostik
Vor der Gabe einer Prophylaxe muss zwingend das Einverständnis (Consent) des Indexfalls zur Offenlegung seiner Erkrankung sowie das Einverständnis der Kontaktperson zur Untersuchung eingeholt werden. Das Screening umfasst eine körperliche Untersuchung (von Kopf bis Fuß bei gutem Licht) zum Ausschluss einer aktiven Lepra sowie eine Anamnese zum Ausschluss von Kontraindikationen.
Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Die PEP erfolgt als Einzeldosis Rifampicin (SDR). Sie sollte idealerweise erst verabreicht werden, wenn der Indexfall mindestens 4 Wochen lang behandelt wurde, da er ab diesem Zeitpunkt in der Regel nicht mehr infektiös ist.
| Alter / Körpergewicht | Rifampicin Einzeldosis (SDR) |
|---|---|
| ≥ 15 Jahre | 600 mg |
| 10-14 Jahre | 450 mg |
| 6-9 Jahre (≥ 20 kg) | 300 mg |
| 6-9 Jahre (< 20 kg) | 150 mg |
| 2-5 Jahre | 10-15 mg/kg (bevorzugt als Sirup) |
Kontraindikationen für SDR
Vor der Verabreichung von Rifampicin müssen folgende Ausschlusskriterien zwingend beachtet werden:
- Verdacht auf oder bestätigte aktive Lepra (Überweisung zur MDT-Therapie)
- Verdacht auf oder bestätigte Tuberkulose (Symptome wie chronischer Husten >2 Wochen, Gewichtsverlust, Nachtschweiß)
- Leber- oder Nierenerkrankungen in der Anamnese
- Schwangerschaft (SDR kann nach der Entbindung gegeben werden)
- Rifampicin-Einnahme in den letzten 2 Jahren (z. B. wegen TB, Lepra oder als vorherige PEP)
- Bekannte Rifampicin-Allergie
- Kinder unter 2 Jahren (SDR kann beim Follow-up ab dem 2. Lebensjahr nachgeholt werden)
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Kontaktpersonen vor der SDR-Gabe unbedingt über die harmlose, vorübergehende Rotfärbung von Urin, Speichel und Tränen auf, um unnötige Ängste zu vermeiden. Warten Sie mit der PEP idealerweise, bis der Indexfall 4 Wochen therapiert wurde.