WHO-Leitlinie: Prävention von Surgical Site Infections
📋Auf einen Blick
- •Die chirurgische Antibiotikaprophylaxe (SAP) muss innerhalb von 120 Minuten vor dem Hautschnitt erfolgen und darf postoperativ nicht verlängert werden.
- •Zur präoperativen Hautantisepsis werden alkoholbasierte Chlorhexidin-Lösungen (CHG) empfohlen.
- •Haarentfernung sollte vermieden werden; falls nötig, nur mit einem Clipper, niemals mit einem Rasierer.
- •Bei elektiver kolorektaler Chirurgie wird eine mechanische Darmvorbereitung nur in Kombination mit oralen Antibiotika empfohlen.
- •Triclosan-beschichtete Nahtmaterialien werden zur Reduktion des SSI-Risikos unabhängig von der Operationsart empfohlen.
Hintergrund
Health Care-Associated Infections (HAI) stellen weltweit das häufigste unerwünschte Ereignis in der Patientenversorgung dar. Surgical Site Infections (SSI), also postoperative Wundinfektionen, sind in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMIC) die am häufigsten erfasste HAI und betreffen bis zu einem Drittel der operierten Patienten. In Europa und den USA sind SSIs die zweithäufigste Form der HAI. Die vorliegende WHO-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen für prä-, intra- und postoperative Maßnahmen zur Reduktion des SSI-Risikos.
Präoperative Maßnahmen
Die Vorbereitung des Patienten vor dem Eingriff umfasst mehrere essenzielle Schritte zur Keimreduktion und Optimierung der Ausgangsbedingungen.
| Maßnahme | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Körperwaschung | Duschen/Waschen mit normaler oder antimikrobieller Seife vor der OP. | Bedingt / Moderat |
| S. aureus Dekolonisation | Mupirocin 2% Nasensalbe +/- CHG-Waschung bei bekannten Trägern (Herz-Thorax-/Ortho-Chirurgie). | Stark / Moderat |
| Antibiotikaprophylaxe (SAP) | Gabe innerhalb von 120 Minuten vor dem Hautschnitt (Halbwertszeit beachten). | Stark / Moderat |
| Darmvorbereitung | Mechanische Vorbereitung nur in Kombination mit oralen Antibiotika bei elektiver kolorektaler Chirurgie. Keine alleinige mechanische Vorbereitung! | Bedingt / Moderat |
| Haarentfernung | Haare belassen oder nur mit Clipper entfernen. Rasieren ist strikt abzulehnen. | Stark / Moderat |
| Hautantisepsis | Alkoholbasierte Lösungen mit Chlorhexidingluconat (CHG). | Stark / Niedrig-Moderat |
| Händedesinfektion | Chirurgische Händedesinfektion mit antimikrobieller Seife oder alkoholbasiertem Handrub. | Stark / Moderat |
Zusätzlich rät die WHO vom Einsatz antimikrobieller Hautversiegelungen (Skin Sealants) ab. Bei untergewichtigen Patienten vor großen Eingriffen sollte eine intensivierte enterale/orale Ernährung erwogen werden. Immunsuppressiva sollten perioperativ nicht abgesetzt werden, um SSIs zu vermeiden.
Intraoperative Maßnahmen
Während der Operation stehen die Aufrechterhaltung der physiologischen Parameter des Patienten sowie die chirurgische Technik im Vordergrund.
| Maßnahme | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Oxygenierung | 80% FiO2 bei intubierten Erwachsenen (intraoperativ und 2-6h postoperativ). | Bedingt / Moderat |
| Normothermie | Einsatz von Wärmesystemen im OP zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. | Bedingt / Moderat |
| Blutzuckerkontrolle | Intensive perioperative Blutzuckerkontrolle bei Diabetikern und Nicht-Diabetikern. | Bedingt / Niedrig |
| Volumenmanagement | Zielgerichtete Flüssigkeitstherapie (Goal-directed fluid therapy). | Bedingt / Niedrig |
| Abdeckungen/Kittel | Sterile Einweg- (Vlies) oder Mehrweg-Materialien (Gewebe) sind gleichwertig. Keine plastischen Inzisionsfolien verwenden. | Bedingt / Niedrig-Moderat |
| Wundprotektoren | Erwägung bei sauber-kontaminierten, kontaminierten und schmutzigen abdominellen Eingriffen. | Bedingt / Sehr niedrig |
| Wundspülung | Wässrige PVP-I-Lösung vor Wundverschluss erwägen. Keine antibiotischen Spülungen. | Bedingt / Niedrig |
| Nahtmaterial | Verwendung von Triclosan-beschichtetem Nahtmaterial. | Bedingt / Moderat |
Für die Implantation von Totalendoprothesen (Arthroplastik) wird der Einsatz von Laminar-Airflow-Systemen zur reinen SSI-Prävention nicht empfohlen.
Postoperative Maßnahmen
Die postoperative Phase zielt darauf ab, Wunden sicher abheilen zu lassen und Resistenzen durch unnötigen Antibiotikaeinsatz zu vermeiden.
- SAP-Verlängerung: Die chirurgische Antibiotikaprophylaxe darf nach Beendigung der Operation nicht verlängert werden (Starke Empfehlung, moderate Evidenz).
- Wundauflagen: Bei primär verschlossenen Wunden sollten keine modernen/fortschrittlichen Wundauflagen (Advanced Dressings) anstelle von Standardauflagen zur SSI-Prävention verwendet werden.
- Drainagen: Die Antibiotikaprophylaxe darf bei liegender Wunddrainage nicht fortgeführt werden. Drainagen sind zu entfernen, sobald dies klinisch indiziert ist.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie konsequent auf die postoperative Verlängerung der Antibiotikaprophylaxe, auch bei liegenden Drainagen. Nutzen Sie zur Haarentfernung niemals Rasierer, sondern ausschließlich Clipper.