Risikobewertung Insektizid-Raumsprays: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Risikobewertung umfasst die Gefahrenermittlung (Hazard Assessment), die Expositionsabschätzung und die Risikocharakterisierung.
- •Als toxikologischer Ausgangspunkt dienen primär der NOAEL (No-Observed-Adverse-Effect-Level) oder Benchmark-Dosen (BMD).
- •Zur Berechnung der tolerierbaren systemischen Dosis (TSD) wird standardmäßig ein Unsicherheitsfaktor (UF) von 100 angewendet.
- •Expositionsmodelle unterscheiden zwischen Anwendern (Operatoren) sowie Anwohnern und Nebenstehenden.
- •Bei Kleinkindern muss neben der dermalen Aufnahme zwingend die orale Ingestion durch Hand-zu-Mund-Kontakt berücksichtigt werden.
Hintergrund
Raumsprays (Space Spraying) dienen der Verteilung von Insektiziden in Form kleiner Tröpfchen (< 30 µm), die ausreichend lange in der Luft schweben, um fliegende Zielinsekten (z. B. Mücken als Vektoren von Dengue oder Malaria) zu bekämpfen. Da keine residuale Wirkung beabsichtigt ist, werden sehr geringe Dosierungen appliziert. Die Risikobewertung für die menschliche Gesundheit basiert auf drei Säulen: Gefahrenermittlung (Hazard Assessment), Expositionsabschätzung und Risikocharakterisierung.
Gefahrenermittlung und toxikologische Grenzwerte
Die Gefahrenermittlung identifiziert toxische Effekte und Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Als Ausgangspunkt für die Festlegung von Grenzwerten dienen der NOAEL (No-Observed-Adverse-Effect-Level), der LOAEL (Lowest-Observed-Adverse-Effect-Level) oder die Benchmark-Dosis (BMD).
Zur Festlegung der tolerierbaren systemischen Dosis (TSD) wird der NOAEL durch Unsicherheitsfaktoren (UF) geteilt. Der Standard-UF beträgt 100 (Faktor 10 für Interspezies-Unterschiede multipliziert mit Faktor 10 für interindividuelle Unterschiede beim Menschen). Bei Vorliegen spezifischer toxikokinetischer Daten kann dieser Wert angepasst werden.
Toxikologische Standardtests
Für eine vollständige Risikobewertung werden in der Regel folgende Studien herangezogen:
| Testart | Ziel / Endpunkt |
|---|---|
| Toxikokinetik | Absorption, Metabolismus, Verteilung und Exkretion |
| Akute Toxizität | Letale Dosen (oral, dermal, inhalativ), Haut-/Augenreizung |
| Toxizität bei wiederholter Gabe | 90-Tage-Studien (Ratte/Hund) für Organ- und Bluteffekte |
| Genotoxizität | In-vitro-Tests auf Genmutationen und Chromosomenschäden |
| Chronische Toxizität / Karzinogenität | Langzeittoxizität und Tumorinzidenz (Ratte/Maus) |
| Reproduktionstoxizität | Effekte auf Fortpflanzung und embryonale/fetale Entwicklung |
Expositionsabschätzung
Die Exposition wird für zwei Hauptgruppen bewertet. Dabei wird zwischen einem Guideline-Szenario (korrekte Anwendung mit Schutzausrüstung) und einem Lax-Standard-Szenario (Anwendung ohne persönliche Schutzausrüstung) unterschieden.
- Anwender (Operatoren): Exposition beim Mischen, Laden, Sprühen und bei der Gerätewartung.
- Anwohner und Nebenstehende: Unterteilt in Erwachsene, Kinder, Kleinkinder und Säuglinge.
Anthropometrische Standardwerte
Für die Modellierung der Exposition werden folgende Standardwerte (25. Perzentile) herangezogen:
| Altersgruppe | Körpergewicht | Körperoberfläche (gesamt) | Atemrate (kurzzeitig) |
|---|---|---|---|
| Erwachsene | 60 kg | 1,66 m² | 1,25 m³/h |
| Kinder (6-11 J.) | 23,9 kg | 0,92 m² | 1,32 m³/h |
| Kleinkinder (12-24 M.) | 10 kg | 0,48 m² | 1,26 m³/h |
| Säuglinge (≤ 12 M.) | 8 kg | 0,41 m² | 0,84 m³/h |
Expositionswege nach Zielgruppe
Je nach Zielgruppe und Szenario müssen unterschiedliche Aufnahmewege in die Berechnung der Gesamtdosis einfließen:
| Zielgruppe | Szenario | Relevante Expositionswege |
|---|---|---|
| Anwender | Mischen / Laden | Dermal (Hände) |
| Anwender | Applikation (Indoor/Outdoor) | Inhalativ, Dermal |
| Anwohner | Indoor nach Applikation | Dermal (kontaminierte Oberflächen), Oral (kontaminierte Nahrung) |
| Kleinkinder | Indoor nach Applikation | Oral (Hand-zu-Mund-Kontakt nach Oberflächenberührung) |
| Säuglinge | Post-Applikation | Muttermilch (bei stark exkretierten Toxinen) |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie für die Risikobewertung bevorzugt existierende internationale Bewertungen (z. B. JMPR, IPCS) als Ausgangspunkt. Achten Sie bei Kleinkindern zwingend auf die Einberechnung der oralen Ingestion durch Hand-zu-Mund-Kontakt.