Tuberkulose-Forschungslücken: WHO-Leitlinie 2024
📋Auf einen Blick
- •Der Großteil der identifizierten Forschungslücken betrifft die Implementierungsforschung (52 %) und die klinische Forschung (32 %).
- •Für die Prävention werden kürzere, besser verträgliche Regime sowie optimierte Tests auf TB-Infektionen benötigt.
- •In der Diagnostik liegt der Fokus auf der Optimierung molekularer Schnelltests und dem Einsatz von Next Generation Sequencing (NGS).
- •Für die Therapie der multiresistenten TB (MDR-TB) müssen rein orale, verkürzte Regime (wie BPaLM) weiter evaluiert werden.
- •Bei Kindern besteht ein dringender Bedarf an nicht-invasiven Probenentnahmen (z. B. Stuhl) und integrierten Entscheidungsalgorithmen.
Hintergrund
Die Tuberkulose (TB) gehört weltweit zu den häufigsten tödlichen Infektionskrankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in ihrer Publikation von 2024 zentrale Evidenz- und Forschungslücken identifiziert, die bei der Entwicklung von TB-Leitlinien aufgefallen sind. Ziel ist es, die Forschung auf nachhaltige und praktikable Public-Health-Interventionen zu lenken.
Verteilung der Forschungslücken
Die WHO hat insgesamt 302 Forschungsfragen aus verschiedenen Leitlinienmodulen extrahiert. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf der Implementierungs- und klinischen Forschung:
| Leitlinien-Modul | Anzahl der Fragen | Implementierungsforschung | Klinische Forschung |
|---|---|---|---|
| Prävention | 42 | 47 % | 31 % |
| Screening | 21 | 62 % | 10 % |
| Diagnostik | 76 | 68 % | 15 % |
| Therapie | 85 | 33 % | 55 % |
| Kinder und Jugendliche | 40 | 50 % | 33 % |
| Komorbiditäten | 38 | 63 % | 26 % |
Prävention und Screening
Im Bereich der Prävention und des Screenings fehlen vor allem klinische Daten zu Interventionen, die eine nationale Ausweitung der Tuberkulose-Präventionstherapie (TPT) unterstützen.
- Risikogruppen: Es fehlen Daten zur Wahrscheinlichkeit der Progression von einer Infektion zu einer aktiven TB bei spezifischen Risikogruppen (z. B. Diabetes, Raucher, Untergewicht).
- Therapieoptionen: Kürzere und besser verträgliche TPT-Regime werden priorisiert.
- Screening-Tools: Die Kalibrierung von Computer-aided detection (CAD)-Software für Thoraxröntgenbilder muss für verschiedene Subpopulationen weiter evaluiert werden.
- HIV-Koinfektion: Der Einsatz von C-reaktivem Protein (CRP) als Screening-Tool bei Menschen mit HIV erfordert weitere Validierung.
Diagnostik
Ein erheblicher Teil der Lücken in der Diagnostik betrifft die Optimierung der Nutzung bestehender Tools.
| Diagnostik-Methode | Forschungsbedarf |
|---|---|
| Molekulare Schnelltests (z. B. Xpert, Truenat) | Evaluierung der Auswirkungen auf patientenrelevante Outcomes (Heilung, Mortalität, Zeit bis zum Therapiebeginn). |
| LF-LAM (Urin-Test) | Entwicklung genauerer Tests für HIV-negative Populationen und Evaluierung bei Kindern mit HIV. |
| Targeted Next Generation Sequencing (NGS) | Klinische Studien zur Auswirkung auf patientenrelevante Outcomes und Erkennung von Resistenzen gegen neue Medikamente (z. B. Pretomanid). |
Therapie der Tuberkulose
Die meisten Forschungsfragen im Bereich der Therapie (55 %) beziehen sich auf die Optimierung der Behandlung von medikamentenresistenten TB-Formen (MDR/RR-TB).
- Medikamentös-empfindliche TB: Evaluierung des 4-monatigen Regimes (Isoniazid, Rifapentin, Moxifloxacin, Pyrazinamid), insbesondere hinsichtlich der Resistenzentwicklung und der Anwendung bei Kindern und Schwangeren.
- MDR/RR-TB (6-Monats-BPaLM-Regime): Untersuchung von Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit in bisher unterrepräsentierten Gruppen (Kinder < 14 Jahre, extrapulmonale TB, Schwangere).
- MDR/RR-TB (9-Monats-Regime): Vergleich von rein oralen, kürzeren Regimen mit längeren Regimen.
- Bedaquilin & Delamanid: Optimierung von Dosierung und Behandlungsdauer, insbesondere bei Kindern.
Kinder und Jugendliche
Die Diagnose und Behandlung von Kindern stellt weiterhin eine große Herausforderung dar.
- Diagnostik: Dringender Bedarf an Studien zur Nutzung von nicht-invasiven Proben (z. B. Stuhl oder Nasenrachensekret) in Kombination mit molekularen Schnelltests (Xpert Ultra).
- Entscheidungsalgorithmen: Externe Validierung von integrierten Behandlungsentscheidungs-Algorithmen für Kinder mit Verdacht auf pulmonale TB.
- Therapie: Optimierung der Dosierung von Bedaquilin und Delamanid bei Kindern mit MDR-TB.
Komorbiditäten
Die Leitlinie betont die Notwendigkeit eines multisektoralen Ansatzes, um sozioökonomische Determinanten wie Unterernährung zu adressieren.
- HIV: Evaluierung des optimalen Zeitpunkts für den Beginn einer antiretroviralen Therapie (ART) bei TB-Symptomen und der Einsatz von Kortikosteroiden zur Prävention des Immunrekonstitutionssyndroms (IRIS).
- Ernährung: Messung des Effekts von Makronährstoff-Supplementierung auf die TB-Behandlungsergebnisse.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei Kindern mit Verdacht auf pulmonale TB zunehmend integrierte Entscheidungsalgorithmen und prüfen Sie die Möglichkeit nicht-invasiver Probenentnahmen (wie Stuhl), da hierzu die Evidenzbasis aktuell stark ausgebaut wird.