Tuberkulose bei Kindern & Jugendlichen: WHO-Roadmap 2023
📋Auf einen Blick
- •Über 50 % der an Tuberkulose erkrankten Kinder (0-14 Jahre) werden weltweit nicht diagnostiziert oder gemeldet.
- •Für nicht-schwere, medikamentensensible Tuberkulose wird bei Kindern (3 Monate bis 16 Jahre) eine auf 4 Monate verkürzte Therapie empfohlen.
- •Zur Diagnostik bei Kindern werden nun auch Stuhlproben und Nasopharyngealsekrete für molekulare Schnelltests (Xpert Ultra) empfohlen.
- •Bei multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) sollen rein orale Therapieregime (inklusive Bedaquilin und Delamanid) für alle Altersgruppen eingesetzt werden.
- •Die präventive Tuberkulosetherapie (TPT) weist insbesondere bei Haushaltskontakten unter 5 Jahren weiterhin große Versorgungslücken auf.
Hintergrund
Tuberkulose (TB) gehört weltweit weiterhin zu den zehn häufigsten Todesursachen bei Kindern unter fünf Jahren und ist neben HIV die wichtigste infektiöse Morbiditäts- und Mortalitätsursache bei Jugendlichen. Die WHO-Roadmap 2023 fasst die aktuellen Entwicklungen, Leitlinien und verbleibenden Herausforderungen zusammen.
Im Jahr 2022 erkrankten schätzungsweise 1,25 Millionen Kinder und junge Jugendliche (0-14 Jahre) an Tuberkulose. Die Diagnoselücke in dieser Altersgruppe ist massiv: 51 % der Fälle werden nicht diagnostiziert oder nicht gemeldet. Bei Kindern unter fünf Jahren liegt diese Lücke sogar bei 58 %.
| Epidemiologischer Parameter (0-14 Jahre) | Wert (2022) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Geschätzte Neuerkrankungen | 1,25 Millionen | Entspricht 12 % aller TB-Fälle weltweit |
| Diagnoselücke gesamt | 51 % | Nicht diagnostiziert oder gemeldet |
| Diagnoselücke < 5 Jahre | 58 % | Höchstes Risiko für schwere Verläufe |
| MDR-TB Inzidenz | 25.000 - 32.000 | Geschätzte Neuerkrankungen pro Jahr |
| MDR-TB Diagnoselücke | > 80 % | Massive Unterversorgung |
Diagnostik
Die Diagnose der Tuberkulose bei Kindern ist oft klinisch-radiologisch geprägt, da Kinder häufig kein Sputum produzieren können und die Erkrankung paucibazillär (geringe Bakterienlast) verläuft. Die WHO empfiehlt den Einsatz molekularer Schnelltests (mWRDs, z. B. Xpert Ultra) und hat die zugelassenen Probenmaterialien erweitert.
| Diagnostische Methode | Probenmaterial | Bemerkung |
|---|---|---|
| Molekulare Schnelltests (Xpert Ultra) | Stuhl, Nasopharyngealsekret, induziertes Sputum, Magensaft | Stuhlproben erfordern keine invasiven Maßnahmen und sind leicht zu gewinnen |
| LF-LAM | Urin | Empfohlen als Teil der Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit HIV |
| Röntgen-Thorax (CXR) | Bildgebung | Wichtiger Bestandteil der klinischen Diagnose; KI-gestützte Auswertung (CAD) bei <15 J. noch ohne ausreichende Evidenz |
Therapie der Tuberkulose
Die WHO hat 2022 neue, verkürzte und kindgerechtere Therapieregime etabliert. Ein zentraler Fortschritt ist die Verfügbarkeit von pädiatrischen, dispergierbaren Fixdosiskombinationen.
| Indikation | Altersgruppe | Empfohlenes Regime | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Nicht-schwere DS-TB | 3 Monate - 16 Jahre | 4 Monate: 2HRZ(E)/2HR | Verkürzte Standardtherapie |
| Nicht-schwere DS-TB | ab 12 Jahren | 4 Monate: 2HPMZ/2HPM | Isoniazid, Rifapentin, Moxifloxacin, Pyrazinamid |
| TB-Meningitis | Kinder | 6 Monate: 6HRZEto | Intensives Kurzregime |
| MDR-TB | Alle Altersgruppen | Rein orale Regime | Einsatz von Bedaquilin und Delamanid; Injektionen sollen vermieden werden |
Prävention und Kontaktpersonennachverfolgung
Die präventive Tuberkulosetherapie (TPT) ist entscheidend, um den Ausbruch der Erkrankung bei exponierten Personen zu verhindern. Die Umsetzung stagniert jedoch: 2022 erhielten nur 37 % der berechtigten Haushaltskontakte unter 5 Jahren eine TPT. Bei Kontakten über 5 Jahren lag die Quote bei lediglich 11 %.
Die WHO empfiehlt den Einsatz verkürzter TPT-Regime, wie beispielsweise:
- 3HR: 3 Monate Isoniazid plus Rifampicin täglich
- 3HP: 3 Monate Isoniazid plus Rifapentin wöchentlich
Besondere Risikogruppen
Jugendliche
Jugendliche haben spezifische Bedürfnisse und hohe Verlustraten in der Nachsorge (Loss to follow-up). Sie leiden häufig unter Stigmatisierung, sozialer Isolation und Unterbrechungen der Schulbildung. Differenzierte, jugendgerechte Versorgungsmodelle (z. B. Peer-Support, psychologische Beratung) sind essenziell.
Schwangere und postpartale Frauen
Diese Gruppe hat ein stark erhöhtes Risiko für eine TB-Erkrankung, was zu schweren Komplikationen (Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, vertikale HIV-Transmission) führen kann. Neugeborene von an TB erkrankten Müttern haben ein hohes Risiko, selbst zu erkranken. Die systematische Erfassung und Einbindung dieser Gruppe in Sicherheitsstudien für neue Medikamente wird von der WHO dringend gefordert.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie nicht-invasive Probenmaterialien wie Stuhl für die molekulare Tuberkulosediagnostik (Xpert Ultra) bei Kindern, da diese oft kein Sputum produzieren können. Denken Sie zudem bei schwangeren und postpartalen Frauen mit entsprechenden Symptomen aktiv an Tuberkulose.