Impfung von Gesundheitspersonal: WHO-Leitlinie 2022
📋Auf einen Blick
- •Gesundheitspersonal hat ein erhöhtes berufliches Risiko für impfpräventable Krankheiten und sollte zum Eigenschutz sowie zur Patientensicherheit geimpft werden.
- •Die WHO empfiehlt spezifische Routineimpfungen, darunter Hepatitis B, Influenza, Masern, Röteln, Pertussis und SARS-CoV-2.
- •Impfprogramme für Mitarbeiter sollten fest in den Arbeitsschutz (OHS) und die Infektionsprävention (IPC) integriert werden.
- •Eine Überprüfung des Impfstatus sollte idealerweise bereits vor Ausbildungsbeginn oder bei der Einstellung erfolgen.
- •Freiwillige Impfprogramme erreichen oft geringere Quoten; bei Pflichtimpfungen müssen ethische Rahmenbedingungen und medizinische Ausnahmen beachtet werden.
Hintergrund
Gesundheitspersonal bildet das Rückgrat jedes funktionierenden Gesundheitssystems. Aufgrund des direkten Kontakts mit Patienten und infektiösem Material besteht ein erhöhtes berufliches Risiko für die Exposition gegenüber impfpräventablen Krankheiten (VPDs). Die Impfung von Gesundheitspersonal ist ein zentraler Bestandteil der Infektionsprävention und -kontrolle (IPC) sowie des Arbeitsschutzes (OHS). Sie schützt nicht nur das Personal selbst, sondern verhindert auch die nosokomiale Übertragung auf vulnerable Patienten und sichert die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems, insbesondere während Ausbrüchen.
WHO-Impfempfehlungen für Gesundheitspersonal
Die WHO empfiehlt spezifische Impfungen für Gesundheitspersonal aufgrund des erhöhten Übertragungsrisikos in medizinischen Einrichtungen. Alle Beschäftigten sollten idealerweise vor dem Eintritt in das Berufsleben vollständig geimpft sein.
| Impfstoff | WHO-Empfehlung |
|---|---|
| BCG | Für ungeimpfte TST- oder IGRA-negative Personen mit beruflichem Expositionsrisiko in Gebieten mit niedriger und hoher TB-Inzidenz. |
| Diphtherie | Bei möglicher beruflicher Exposition gegenüber C. diphtheriae. |
| Hepatitis B | Für Risikogruppen ohne vorherige Impfung (z. B. bei Kontakt mit Blut/Blutprodukten). |
| Influenza | Jährliche Immunisierung mit einer Einzeldosis. |
| Masern | Alle Beschäftigten sollten immun oder geimpft sein. |
| Meningokokken | Eine Auffrischungsdosis 3-5 Jahre nach der Grundimmunisierung bei anhaltendem Expositionsrisiko. |
| Pertussis | Gesundheitspersonal sollte als Prioritätsgruppe geimpft werden. |
| Polio | Vollständige Grundimmunisierung erforderlich. |
| Röteln | Alle Beschäftigten sollten immun oder geimpft sein (sofern im nationalen Programm eingeführt). |
| SARS-CoV-2 | Höchste Prioritätsgruppe für die Impfung. |
| Varizellen | Zwei Dosen für potenziell empfängliche Beschäftigte (ungeimpft und ohne Varizellen-Anamnese). |
Politische Rahmenbedingungen
Die Entscheidung über Impfrichtlinien erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen freiwilligen und verpflichtenden Ansätzen:
- Freiwillige Impfung: Führt oft zu suboptimalen Impfquoten. Erfordert intensive Aufklärung und Anreize.
- Pflichtimpfung: Kann die Quoten deutlich erhöhen, erfordert jedoch klare ethische Rahmenbedingungen. Es müssen Ausnahmeregelungen für medizinische Kontraindikationen bestehen.
- Umgang mit Ungeimpften: Für Personal, das nicht geimpft werden kann oder will, müssen alternative Schutzmaßnahmen ergriffen werden (z. B. Maskenpflicht, Versetzung in Bereiche mit geringerem Risiko oder Freistellung während Ausbrüchen).
- Gender-Aspekte: Da Frauen etwa 70 % des Gesundheitspersonals ausmachen, müssen Richtlinien geschlechterspezifische Aspekte wie Schwangerschaft, Stillzeit und potenziell unterschiedliche Nebenwirkungsprofile berücksichtigen.
Implementierungsstrategien
Die Umsetzung von Impfprogrammen lässt sich in drei Hauptstrategien unterteilen:
| Strategie | Zielgruppe | Maßnahmen & Bemerkungen |
|---|---|---|
| Pre-service Screening | Studenten & neue Mitarbeiter | Impfstatusprüfung vor Ausbildungs- oder Arbeitsbeginn. Bei fehlender Dokumentation Catch-up-Impfungen oder serologische Testung anbieten. |
| Laufende Impfungen | Aktuelles Personal | Jährliche Impfungen (z. B. Influenza) direkt am Arbeitsplatz anbieten. Peer-to-Peer-Impfprogramme erhöhen die Zugänglichkeit. |
| Notfall-Impfungen | Personal in Ausbruchssituationen | Höchste Priorisierung bei knappen Impfstoffen (z. B. Ebola, COVID-19). Erfordert schnelle Aufklärung und angepasste Einwilligungsprozesse. |
Förderung der Impfbereitschaft
Die Impfbereitschaft des Personals ist komplex und kontextabhängig. Folgende Faktoren beeinflussen die Akzeptanz maßgeblich:
- Bequemlichkeit und Zugänglichkeit: Kostenlose Impfungen direkt am Arbeitsplatz erhöhen die Quoten erheblich.
- Risikowahrnehmung: Eine geringe Risikowahrnehmung oder das Vertrauen in andere Hygienemaßnahmen (z. B. Händewaschen) senken die Impfbereitschaft. Angst vor der Erkrankung fördert sie.
- Vorherige Impfungen: Der stärkste Prädiktor für die Bereitschaft zur Influenza-Impfung ist eine bereits in der Vergangenheit erhaltene Influenza-Impfung.
- Motivation: Selbstschutz, der Schutz von Patienten und Familie sowie die sichtbare Unterstützung durch die Führungsebene sind entscheidende Treiber.
💡Praxis-Tipp
Integrieren Sie die Überprüfung des Impfstatus standardmäßig in den Einstellungsprozess und bieten Sie fehlende Impfungen direkt vor Ort und kostenlos an. Nutzen Sie zudem 'Peer-to-Peer'-Impfprogramme, bei denen geschultes Personal Kollegen auf Station impft, um die Zugänglichkeit zu maximieren.