Impfquoten steigern: NICE-Leitlinie zur Impfbereitschaft
📋Auf einen Blick
- •Jede impfende Organisation benötigt einen benannten Impfbeauftragten (named vaccination lead).
- •Opportunistische Impfungen sollen bei jedem Patientenkontakt (z. B. Vorsorge, chronische Erkrankungen) geprüft und angeboten werden.
- •Bei unklarer Impfhistorie ist der Patient als ungeimpft zu betrachten und ein vollständiger Impfplan zu erstellen.
- •Impfdaten müssen zeitnah dokumentiert werden (Hausärzte innerhalb von 2 Wochen, CHIS innerhalb von 5 Tagen).
- •Erinnerungssysteme und Eskalationsstufen sind essenziell für Patienten, die nicht auf initiale Einladungen reagieren.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG218 befasst sich mit Strategien zur Steigerung der Impfquoten in der Allgemeinbevölkerung. Ziel ist es, den Zugang zu Impfungen zu erleichtern, Barrieren abzubauen und durch systematische Einladungs- und Erinnerungsprozesse die Durchimpfungsrate zu maximieren.
Organisation und Zugänglichkeit
Jede Organisation, die Impfungen anbietet oder organisiert, muss einen benannten Impfbeauftragten ernennen. Dieser ist verantwortlich für die Aktualisierung der Impfregister, die Identifikation berechtigter Personen und die Koordination der Einladungen.
Um die Zugänglichkeit zu verbessern, müssen lokale Barrieren und Risikogruppen identifiziert und gezielt adressiert werden:
| Kategorie | Beispiele für Barrieren und Risikogruppen |
|---|---|
| Systemische Barrieren | Unflexible Klinikzeiten, Sprach- und Leseprobleme, zu kurze Konsultationszeiten |
| Individuelle Barrieren | Nadelphobie, sensorische Einschränkungen, Skepsis gegenüber Impfstoffen |
| Risikogruppen | Obdachlose, Migranten, Asylbewerber, Menschen ohne Hausarztanbindung |
| Spezifische Populationen | Roma/Sinti, orthodoxe Religionsgemeinschaften, Pflegekinder |
Identifikation und opportunistisches Impfen
Jeder Kontakt mit dem Gesundheitssystem sollte genutzt werden, um den Impfstatus zu prüfen. Wenn keine verlässliche (schriftliche oder mündliche) Impfhistorie vorliegt, ist der Patient als ungeimpft zu betrachten und ein vollständiger Impfplan zu planen.
| Situation / Setting | Maßnahme |
|---|---|
| Hausarztpraxis | Prüfung bei Neuanmeldung, Gesundheits-Checks und chronischen Erkrankungen |
| Krankenhaus / Notaufnahme | Impfstatus bei Aufnahme, Entlassung oder in Spezialambulanzen prüfen |
| Apotheken | Ansprache bei Medikamenten-Reviews oder Rezeptabholung |
| Schwangerschaft | Hebammen prüfen Pertussis-Impfstatus (nach der 20. Woche) |
Dokumentation und Datenmanagement
Eine präzise und zeitnahe Dokumentation ist entscheidend, um Doppelimpfungen zu vermeiden und Erinnerungssysteme effektiv zu nutzen. Impfungen müssen mit Dosis, Chargennummer, Verfallsdatum, Impfstoffname, Datum, Route und Applikationsort dokumentiert werden.
| Akteur | Frist zur Datenaktualisierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| CHIS (Child Health Info) | Innerhalb von 5 Tagen | Bei neuen Informationen zum Impfstatus |
| Hausarztpraxen | Innerhalb von 2 Wochen | Abgleich mit externen Impfdaten |
| Impfende Stellen | Innerhalb von 5 Werktagen | Meldung an Hausarzt oder CHIS |
Einladungen, Erinnerungen und Eskalation
Einladungen sollten in der bevorzugten Sprache und dem bevorzugten Format des Patienten erfolgen. Reagieren Patienten nicht, greift ein Eskalationsschema:
- Kinder unter 1 Jahr: Erinnerung und Gesprächsangebot, wenn die Impfung 2 Wochen überfällig ist.
- Kinder über 1 Jahr: Erinnerung und Gesprächsangebot, wenn die Impfung 3 Monate überfällig ist.
- Schulkinder: Bei fehlender Rückmeldung der Einverständniserklärung telefonische Einholung der mündlichen Zustimmung durch die Eltern. Jugendliche unter 16 Jahren können bei festgestellter Einsichtsfähigkeit (Gillick-Kompetenz) selbst einwilligen.
- Erwachsene und Schwangere: Direkte Kontaktaufnahme (z. B. telefonisch) bei ausbleibender Reaktion auf Erinnerungen.
Wichtig: Bei Ablehnung einer Impfung muss der Grund (falls angegeben) dokumentiert werden. Dem Patienten ist mitzuteilen, wie er die Impfung zu einem späteren Zeitpunkt unkompliziert nachholen kann.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie jeden Patientenkontakt (z. B. bei der Rezeptausgabe oder Blutentnahme) für einen kurzen Check des Impfpasses. Gehen Sie bei unklarer oder fehlender Dokumentation stets davon aus, dass der Patient ungeimpft ist, und leiten Sie eine Grundimmunisierung ein.