Hornhautverletzungen: StatPearls-Leitlinie
Hintergrund
Hornhautverletzungen machen etwa drei Prozent aller Vorstellungen in der Notaufnahme aus. Die StatPearls-Leitlinie unterteilt diese in traumatische Ursachen wie Hornhautabrasionen oder Fremdkörper und expositionsbedingte Schäden wie chemische, thermische oder strahlenbedingte Verätzungen.
Das Hornhautepithel ist stark innerviert, weshalb Verletzungen in der Regel sehr schmerzhaft sind. Die Heilung erfolgt meist schnell durch zelluläre Migration und Proliferation, wobei oberflächliche Defekte oft innerhalb von 24 bis 48 Stunden regenerieren.
Chemische Verätzungen stellen einen augenärztlichen Notfall dar. Dabei verursachen Alkalien durch Verseifung von Zellmembranen meist schwerere und tiefer reichende Schäden als Säuren, welche durch Gewebekoagulation eine Barriere für weiteres Eindringen bilden.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Evaluation und Behandlung von Hornhautverletzungen:
Klinische Evaluation und Diagnostik
Die Bestimmung der Sehschärfe (Visus) wird als Vitalparameter des Auges betrachtet und sollte bei jeder Augenbeschwerde dokumentiert werden. Eine Ausnahme bilden chemische Verätzungen, bei denen die Spülung absolute Priorität hat.
Zur genauen Beurteilung wird die Instillation von Fluoreszein und die Untersuchung mit kobaltblauem Licht empfohlen. Dabei stellen sich Hornhautabrasionen als leuchtend grüne, oberflächliche Defekte dar.
Folgende diagnostische Schritte werden zusätzlich hervorgehoben:
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Bei Verdacht auf Fremdkörper sollte das Oberlid evertiert werden, um subtarsale Fremdkörper auszuschließen.
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Ein Austritt von Kammerwasser während der Fluoreszein-Gabe (positives Seidel-Zeichen) weist auf eine Hornhautperforation hin.
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Bei anamnestischem Verdacht auf eine Bulbuspenetration (z. B. Hochgeschwindigkeitsverletzungen) wird ein CT der Orbita empfohlen.
Zur standardisierten Beurteilung von Verätzungen der Augenoberfläche verweist das Dokument auf die Dua-Klassifikation:
| Klassifikationssystem | Parameter 1 | Parameter 2 | Prognostische Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Dua-Klassifikation | Betroffener Limbus in Uhrzeiten (clock hours) | Prozentualer Anteil der betroffenen Konjunktiva | > 50 % Konjunktiva oder > 6 Uhrzeiten Limbusbeteiligung bedeuten eine schlechte visuelle Prognose |
Therapie von Hornhautabrasionen und Fremdkörpern
Die meisten Hornhautabrasionen heilen spontan, weshalb sich die Therapie auf Schmerzkontrolle und Infektionsprävention konzentriert. Es wird eine antibiotische Prophylaxe empfohlen, deren Auswahl sich nach der Kontaktlinsenanamnese richtet.
Fremdkörper sollten idealerweise unter Spaltlampenvergrößerung nach vorheriger topischer Anästhesie entfernt werden. Ein verbleibender Rostring bei metallischen Fremdkörpern kann zeitnah oder am Folgetag durch einen Augenarzt entfernt werden.
Management von Hornhautperforationen
Unerkannte Hornhautperforationen können schnell zu einer Endophthalmitis oder einem traumatischen Katarakt führen. Es wird die Anlage eines schützenden Augenschildes empfohlen, um Druck auf den Bulbus zu vermeiden.
Zusätzlich wird eine breitbandige intravenöse Antibiotikatherapie zur Abdeckung häufiger Erreger einer posttraumatischen Endophthalmitis angeraten.
Akutversorgung von chemischen Verätzungen
Chemische Verätzungen erfordern eine sofortige, ausgiebige Spülung mit Wasser oder gepufferten Lösungen für mindestens 30 Minuten. Die Spülung sollte bereits am Unfallort beginnen und in der Klinik fortgesetzt werden.
Es wird empfohlen, die Bindehautgewölbe auf Partikel zu untersuchen und die Spülung fortzusetzen, bis der pH-Wert in beiden Augen neutral (pH 7) ist. Bei allen Verätzungen, die über Bagatellverletzungen hinausgehen, sollte eine augenärztliche Konsultation erfolgen.
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende spezifische Wirkstoffe und Dosierungsschemata für die medikamentöse Therapie:
| Wirkstoffklasse | Medikament | Indikation | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Zykloplegika | Cyclopentolat 1% oder Homatropin 5% | Schmerzkontrolle bei großen (> 2 mm) oder schmerzhaften Abrasionen | Einmalige Gabe ausreichend (Wirkdauer ca. 24 Stunden) |
| Lokalanästhetika | Proparacain 0,5% | Diagnostik und Fremdkörperentfernung | Niemals für den Heimgebrauch verschreiben |
| Antibiotika (Makrolide) | Erythromycin-Augensalbe | Infektionsprophylaxe bei unkomplizierter Abrasion | Standardtherapie ohne Kontaktlinsenanamnese |
| Antibiotika (Fluorchinolone) | Ciprofloxacin oder Ofloxacin | Infektionsprophylaxe bei Kontaktlinsenträgern | Zwingend erforderlich zur Abdeckung von Pseudomonas |
| Intravenöse Antibiotika | Cephalosporin (3. Gen.) + Gentamicin + Vancomycin | Posttraumatische Endophthalmitis-Prophylaxe | Bei Hornhautperforation oder Bulbusruptur |
Kontraindikationen
Laut Leitlinie dürfen topische Anästhetika niemals für den Heimgebrauch verschrieben werden. Diese hemmen die Hornhautheilung, beeinträchtigen den schützenden Blinzelreflex und verzögern die Erkennung von Komplikationen.
Zudem wird davon abgeraten, Kontaktlinsen zu tragen, bis eine Hornhautabrasion vollständig abgeheilt ist.
💡Praxis-Tipp
Bei chemischen Verätzungen des Auges betont die Leitlinie, dass eine sofortige und ausgiebige Spülung noch vor jeder weiteren Untersuchung, einschließlich der Visusprüfung, erfolgen muss. Zudem wird bei einer Anamnese von "Metall auf Metall" (z. B. Hämmern) ein hohes Risiko für eine unerkannte Bulbusperforation beschrieben, was eine sorgfältige Evaluation und gegebenenfalls ein CT der Orbita erforderlich macht.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt eine kontinuierliche Spülung, bis der pH-Wert der Bindehaut in beiden Augen 7 beträgt. Nach Erreichen des neutralen pH-Wertes sollte dieser für mindestens 30 Minuten stabil bleiben.
Bei Kontaktlinsenträgern wird eine antipseudomonale Abdeckung empfohlen. Hierfür nennt die Leitlinie topische Fluorchinolone wie Ciprofloxacin oder Ofloxacin als geeignete Prophylaxe.
Nein, die Leitlinie warnt ausdrücklich vor der Mitgabe von topischen Anästhetika für den Heimgebrauch. Diese können die Hornhautheilung stören und schwere Komplikationen maskieren.
Zur Schmerzkontrolle bei größeren Abrasionen wird die einmalige Gabe eines Zykloplegikums wie Cyclopentolat 1% empfohlen. Dieses entspannt den Ziliarkörper und lindert den Spasmusschmerz.
Das Seidel-Zeichen beschreibt den Austritt von Kammerwasser aus der Vorderkammer während der Fluoreszein-Untersuchung. Ein positives Seidel-Zeichen weist laut Leitlinie auf eine Hornhautperforation hin.
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Quelle: StatPearls: Corneal Injury (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.