Long COVID & Post-COVID: SIGN Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Leitlinie unterscheidet 'Ongoing symptomatic COVID-19' (4-12 Wochen) und das 'Post-COVID-19-Syndrom' (>12 Wochen).
- •Ein negativer SARS-CoV-2-Test schließt ein Post-COVID-Syndrom nicht aus.
- •Die Basisdiagnostik umfasst Blutuntersuchungen, EKG, Röntgenthorax und einen 1-Minuten-Sit-to-Stand-Test zur SpO2-Messung.
- •Kognitive Einschränkungen ('Brain Fog') nach milden Verläufen sind meist funktioneller Natur und keine degenerative Hirnerkrankung.
- •Bei Fatigue wird von starrer Graded Exercise Therapy (GET) abgeraten; stattdessen wird 'Pacing' (Energiemanagement) empfohlen.
Hintergrund
Die Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion ("Long COVID") können jedes Organsystem betreffen und in ihrer Intensität fluktuieren. Ein fehlender positiver PCR- oder Antikörpertest schließt die Diagnose nicht aus, da Antikörperspiegel über die Zeit abfallen können. Die Leitlinie definiert folgende Phasen:
| Phase | Zeitraum | Definition |
|---|---|---|
| Akute COVID-19-Infektion | < 4 Wochen | Initiale Krankheitsphase |
| Ongoing symptomatic COVID-19 | 4 - 12 Wochen | Anhaltende symptomatische Phase |
| Post-COVID-19-Syndrom | > 12 Wochen | Symptome, die nicht durch andere Diagnosen erklärbar sind |
Red Flags für eine sofortige Überweisung
Bei folgenden Warnzeichen ist eine dringliche fachärztliche oder stationäre Einweisung erforderlich:
- Schwere Hypoxämie: SpO2 < 94 % oder Sauerstoffentsättigung unter Belastung
- Kardiale Symptome: Typischer Brustschmerz oder pathologisches EKG
- Pulmonale Zeichen: Hinweise auf schwere Lungenerkrankungen
- Psychiatrie: Schwere psychiatrische Symptome oder akute Suizidalität
- Pädiatrie: Verdacht auf Multisystemisches Entzündungssyndrom (PIMS/MIS-C) bei Kindern
Basisdiagnostik in der Primärversorgung
Die Diagnostik richtet sich nach der individuellen Symptomatik. Eine umfassende Anamnese (inkl. psychosozialer Faktoren) steht im Vordergrund.
| Untersuchung | Indikation / Ziel | Bemerkung |
|---|---|---|
| Labor | Basis-Check | Blutbild, Nierenwerte, Leberwerte, CRP, Ferritin, HbA1c, Schilddrüsenwerte |
| 1-Minuten-Sit-to-Stand-Test | Dyspnoe, Belastungsintoleranz | Messung von Herzfrequenz, Atemfrequenz und SpO2 |
| Schellong-Test / Stehtest | Schwindel, Palpitationen | 3 Min. für orthostatische Hypotonie, 10 Min. für PoTS-Verdacht |
| EKG & Röntgenthorax | Kardiopulmonale Symptome | Ausschluss struktureller Ursachen |
Organspezifisches Management
Kardiologische Symptome
Klinisch signifikante kardiale Langzeitschäden nach COVID-19 sind selten. Die Abklärung dient primär dem Ausschluss akuter Pathologien.
| Biomarker | Grenzwert | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| NT-pro-BNP | < 400 ng/L | Herzinsuffizienz sehr unwahrscheinlich |
| NT-pro-BNP | > 2000 ng/L | Überweisung zur Kardiologie |
| hs-Troponin I | < 4 ng/L | Schließt aktive Myokarditis aus |
Neurologische und kognitive Symptome
"Brain Fog" (Konzentrations- und Gedächtnisstörungen) ist bei milden initialen Verläufen meist Ausdruck einer funktionellen kognitiven Störung und keine degenerative Hirnerkrankung. Bei älteren oder hospitalisierten Patienten (insb. mit stattgehabtem Delir) steigt das Demenz- und Schlaganfallrisiko.
Unterscheidung: Funktionelle vs. degenerative kognitive Störung
| Merkmal | Funktionelle kognitive Störung ("Brain Fog") | Degenerative Hirnerkrankung |
|---|---|---|
| Begleitung | Kommt oft allein zur Konsultation | Wird oft von Angehörigen begleitet |
| Wahrnehmung | Patient bemerkt Defizite stärker als das Umfeld | Umfeld bemerkt Defizite stärker als der Patient |
| Symptom-Schilderung | Sehr detailliert, oft mit schriftlichen Notizen | Detailarm, kurze Antworten |
| Verlauf | Fluktuierend, präziser Beginn angebbar | Progredient, Beginn schwer datierbar |
Respiratorische Symptome
Husten und Dyspnoe können Wochen bis Monate anhalten. Bei unauffälligem Röntgenthorax und persistierenden Atemwegssymptomen (z. B. Giemen) kann ein therapeutischer Versuch mit inhalativen Kortikosteroiden (ICS) erwogen werden.
Anosmie (Geruchsverlust)
Tritt bei bis zu 50 % der Patienten auf. Die Prognose ist besser als bei anderen post-viralen Anosmien. Es gibt keine medikamentöse Therapie, jedoch wird ein frühzeitiges Riechtraining (Smell Training) empfohlen.
Therapie und Rehabilitation
Die Therapie erfolgt primär symptomorientiert und konservativ.
- Fatigue: Fokus auf "Pacing" (Energiemanagement). Von starrer Graded Exercise Therapy (GET) wird abgeraten.
- Dysautonomie/PoTS: Konservative Maßnahmen wie ausreichende Hydratation (3 L/Tag), erhöhte Salzzufuhr und angepasstes Training.
- Urtikaria: Behandlung mit Antihistaminika, ggf. bis zur 4-fachen Standarddosis hochtitrieren.
Kinder und Jugendliche
Kinder haben seltener respiratorische oder kardiale Symptome als Erwachsene. Häufiger sind extreme Erschöpfung, Schwindel, Hautausschläge, Bauchschmerzen und Stimmungsschwankungen. Bei unklaren chronischen Erschöpfungszuständen sollte eine Überweisung in die allgemeine Pädiatrie erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Patienten mit Dyspnoe einen 1-Minuten-Sit-to-Stand-Test durch, um eine Belastungshypoxie zu demaskieren. Bei Verdacht auf PoTS ist eine 10-minütige Herzfrequenzmessung im Stehen und Liegen indiziert.