Long COVID & Post-COVID: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Der Begriff "Long COVID" umfasst fortbestehendes symptomatisches COVID-19 (4-12 Wochen) und das Post-COVID-19-Syndrom (>12 Wochen).
- •Die Schwere der akuten COVID-19-Erkrankung lässt keine Rückschlüsse auf das Risiko für ein Post-COVID-19-Syndrom zu.
- •Ein positiver SARS-CoV-2-Test ist keine Voraussetzung für die Diagnose oder Überweisung in Spezialambulanzen.
- •Lebensbedrohliche Komplikationen (z.B. Hypoxämie, kardiale Ischämie, PIMS-TS) müssen primär ausgeschlossen werden.
- •Die Therapie basiert auf multidisziplinärer Rehabilitation und symptomorientiertem Selbstmanagement.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie definiert klare zeitliche Phasen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2. Der Begriff "Long COVID" wird umgangssprachlich für alle Symptome verwendet, die länger als 4 Wochen anhalten.
| Krankheitsphase | Zeitraum | Definition |
|---|---|---|
| Akutes COVID-19 | Bis 4 Wochen | Zeichen und Symptome von COVID-19 |
| Fortbestehendes symptomatisches COVID-19 | 4 bis 12 Wochen | Anhaltende Zeichen und Symptome |
| Post-COVID-19-Syndrom | > 12 Wochen | Symptome, die während oder nach einer Infektion auftreten, > 12 Wochen anhalten und nicht durch eine alternative Diagnose erklärbar sind |
Wichtig: Die Wahrscheinlichkeit, ein Post-COVID-19-Syndrom zu entwickeln, korreliert nicht mit der Schwere der akuten Erkrankung (inklusive Hospitalisierung).
Klinische Präsentation
Die Symptome nach einer akuten COVID-19-Erkrankung sind sehr variabel, betreffen oft mehrere Organsysteme und können im zeitlichen Verlauf stark fluktuieren.
| Organsystem | Häufige Symptome |
|---|---|
| Respiratorisch | Atemnot, Husten |
| Kardiovaskulär | Engegefühl in der Brust, Brustschmerzen, Palpitationen |
| Neurologisch | Kognitive Einschränkungen ("Brain Fog"), Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Schwindel, periphere Neuropathie |
| Allgemein | Fatigue, Fieber, Schmerzen |
| Gastrointestinal | Bauchschmerzen, Übelkeit, Diarrhö, Gewichtsverlust |
| Sonstige | Tinnitus, Geruchs-/Geschmacksverlust, Hautausschläge, Gelenk- und Muskelschmerzen, psychische Symptome (Angst, Depression) |
- Besonderheit bei Kindern und Jugendlichen: Atemnot, anhaltender Husten, atemabhängige Schmerzen, Palpitationen und Brustschmerzen werden in dieser Altersgruppe seltener berichtet als bei Erwachsenen.
Diagnostik und Basisuntersuchungen
Eine umfassende, ganzheitliche Anamnese und Untersuchung ist essenziell. Ein fehlender positiver SARS-CoV-2-Test (PCR, Antigen oder Antikörper) darf kein Ausschlusskriterium für die weitere Diagnostik sein.
Ausschluss lebensbedrohlicher Komplikationen
Patienten müssen dringend an Akutversorger überwiesen werden bei:
- Hypoxämie oder Sauerstoffentsättigung unter Belastung
- Zeichen einer schweren Lungenerkrankung
- Kardialen Brustschmerzen
- Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS-TS) bei Kindern
Empfohlene Untersuchungen
| Untersuchung | Indikation / Durchführung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Blutuntersuchungen | Symptomgeleitet (z.B. Blutbild, Nieren-/Leberwerte, CRP, Ferritin, BNP, HbA1c, TSH) | Zum Ausschluss anderer Ursachen |
| Belastungstest | Z.B. 1-Minuten-Sit-to-Stand-Test | Messung von Atemnot, Herzfrequenz und O2-Sättigung |
| Orthostase-Test | Bei Schwindel/Palpitationen im Stehen | 3 Min. aktives Stehen (orthostatische Hypotonie) oder 10 Min. (Verdacht auf PoTS) |
| Röntgen-Thorax | Bis 12 Wochen bei anhaltenden respiratorischen Symptomen | Ein unauffälliges Röntgenbild schließt eine Lungenerkrankung nicht aus |
Therapie und Management
Aktuell gibt es keine spezifische medikamentöse Therapie für das Post-COVID-19-Syndrom. Die Behandlung basiert auf Symptomkontrolle und Rehabilitation.
- Selbstmanagement: Aufklärung über realistische Zielsetzung und Pacing. Es gibt keine Evidenz, dass rezeptfreie Vitamine oder Nahrungsergänzungsmittel wirksam sind.
- Multidisziplinäre Rehabilitation: Sollte physische, psychologische und psychiatrische Aspekte umfassen. Ein personalisierter Rehabilitationsplan ist zu erstellen.
- Psychiatrische Begleitsymptome: Bei schweren psychiatrischen Symptomen oder Suizidalität ist eine sofortige Überweisung erforderlich. Bei leichten bis mittelschweren Symptomen (Angst, Depression) sollten psychologische Therapien angeboten werden.
- Nachsorge: Patienten, die wegen COVID-19 hospitalisiert waren, sollten 6 Wochen nach Entlassung eine Nachsorgeuntersuchung erhalten.
💡Praxis-Tipp
Schließen Sie Patienten ohne positiven SARS-CoV-2-Nachweis (PCR, Antigen oder Antikörper) nicht von der weiterführenden Diagnostik oder Rehabilitation aus, sofern die klinische Falldefinition erfüllt ist.