Maligne Ovarialtumoren: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein generelles Screening mittels CA 125 und transvaginalem Ultraschall wird weder für die Normal- noch für die Risikobevölkerung empfohlen.
- •Bei Verdacht auf eine ovarielle Raumforderung ist die Transvaginalsonographie die apparative Methode der ersten Wahl.
- •Allen Patientinnen mit Ovarialkarzinom soll eine genetische Testung (u.a. BRCA1/2) angeboten werden.
- •Ein alleiniger CA 125-Anstieg bei asymptomatischen Patientinnen rechtfertigt keinen sofortigen Therapiebeginn, da dies keinen Überlebensvorteil bietet.
- •Kein bildgebendes Verfahren kann das operative Staging ersetzen oder die Operabilität verlässlich vorhersagen.
Hintergrund
Das Ovarialkarzinom ist die häufigste tödliche gynäkologische Krebserkrankung nach dem Brustkrebs. Etwa 75 % der Fälle werden in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Die aktuelle S3-Leitlinie definiert klare Standards für die Früherkennung, Diagnostik, Patientenaufklärung und genetische Beratung.
Früherkennung und Screening
Ein Screening mittels Tumormarker (CA 125) und Ultraschall hat keinen nachweisbaren Einfluss auf die Mortalität.
| Population | Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Normalbevölkerung | Ein generelles Screening soll nicht durchgeführt werden. | A |
| Risikopopulationen | Ein Screening soll nicht durchgeführt werden. | A |
Hinweis: Frauen mit hohem Risiko sollten interdisziplinär (Gynäkologe und Humangenetiker) beraten und über die Möglichkeit einer prophylaktischen Operation aufgeklärt werden.
Diagnostik
Symptomatik
Patientinnen weisen oft lange unspezifische Symptome auf. Weitergehende Untersuchungen sollten eingeleitet werden, wenn folgende Symptome wiederholt und anhaltend (insbesondere bei Frauen > 50 Jahre) auftreten:
- Völlegefühl
- Blähungen
- Unklare abdominelle Schmerzen oder Beschwerden
- Zunahme der Miktionsfrequenz
Apparative Diagnostik
Bei Verdacht auf eine ovarielle Raumforderung soll als erste Maßnahme eine gynäkologische Spiegel- und Tastuntersuchung sowie eine Transvaginalsonographie (TVS) durchgeführt werden.
| Diagnostik-Ziel | Methode der Wahl | Bemerkung |
|---|---|---|
| Primärdiagnostik | Transvaginalsonographie | Ubiquitär verfügbar, Methode der ersten Wahl |
| Ausbreitungsdiagnostik | CT, MRT, PET/CT | Gleichwertig für lokales Staging, besser für restliches Abdomen |
| Operabilität | Operatives Staging | Kein apparatives Verfahren kann das operative Staging verlässlich ersetzen |
Rezidivdiagnostik
Das Vorgehen unterscheidet sich nach der Symptomatik der Patientin:
- Asymptomatische Patientinnen: Ein früherer präsymptomatischer Beginn einer Rezidivbehandlung (allein aufgrund eines erhöhten CA 125-Wertes) ist nicht mit einem verbesserten Überleben verbunden. Das Vorgehen sollte individuell diskutiert werden (Empfehlungsgrad B).
- Symptomatische Patientinnen: Bei Auftreten von Symptomen kann eine weiterführende apparative Diagnostik (CT, PET/CT, MRT) eingeleitet werden (Empfehlungsgrad 0).
Genetik und Beratung
Die Diagnose einer genetischen Prädisposition (z.B. HBOC oder Lynch-Syndrom) hat therapeutische Relevanz für die Patientin und ihre Angehörigen.
- Patientinnen mit der Diagnose eines Ovarialkarzinoms sollen über das Risiko einer hereditären Erkrankung aufgeklärt und eine genetische Testung angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
- Die Testung umfasst Hochrisiko-Gene wie BRCA1, BRCA2, RAD51C, BRIP1 sowie Lynch-assoziierte Mutationen.
Kriterien für HNPCC-Analyse (Lynch-Syndrom)
Bei Verdacht auf Lynch-Syndrom gelten spezifische Kriterien für die Indexperson:
| Kriteriensystem | Kernpunkte |
|---|---|
| Amsterdam-II-Kriterien | Mind. 3 Angehörige mit HNPCC-assoziiertem Karzinom, 2 aufeinanderfolgende Generationen, mind. 1 Patient < 50 Jahre |
| Modifizierte Bethesda-Kriterien | Kolorektales Karzinom < 50 Jahre, synchrone/metachrone HNPCC-Tumoren, MSI-H-typische Morphologie |
Patientenaufklärung
Die Aufklärung soll nach den Prinzipien einer patientenzentrierten Kommunikation erfolgen. Dazu gehören:
- Ausdruck von Empathie und aktives Zuhören
- Vermeidung von medizinischem Fachvokabular
- Einbeziehung der Patientin in die Entscheidungsfindung (Shared Decision Making)
- Angebot zur Einbeziehung von Angehörigen
- Angebot einer psychoonkologischen Unterstützung
Berufskrankheit
Gibt es anamnestische Hinweise auf eine berufliche Exposition gegenüber Asbest, ist der Arzt gesetzlich verpflichtet, den begründeten Verdacht auf eine Berufskrankheit zu melden.
💡Praxis-Tipp
Leiten Sie bei unklaren abdominellen Beschwerden (Völlegefühl, Blähungen, Zunahme der Miktionsfrequenz) bei Frauen über 50 Jahren frühzeitig eine transvaginale Sonographie ein. Bieten Sie zudem jeder Ovarialkarzinom-Patientin eine genetische Beratung an.