ClariMedClariMed

Harninkontinenz & Prolaps: NICE-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Basisdiagnostik umfasst eine Kategorisierung der Inkontinenz, Urinstreifentests und ein 3-tägiges Blasentagebuch.
  • Beckenbodentraining (mind. 3 Monate) ist die First-Line-Therapie bei Belastungs- und Mischinkontinenz.
  • Bei überaktiver Blase (OAB) sind kostengünstige Anticholinergika die medikamentöse Wahl; schnell freisetzendes Oxybutynin ist bei älteren Frauen kontraindiziert.
  • Chirurgische Eingriffe, insbesondere mit Mesh-Implantaten, erfordern eine umfassende Aufklärung und Erfassung in einem nationalen Register.
  • Bei Beckenorganprolaps (POP) erfolgt die klinische Quantifizierung via POP-Q-System, primär werden Pessare oder Beckenbodentraining empfohlen.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die NICE-Leitlinie umfasst die Diagnostik und Therapie der Harninkontinenz und des Beckenorganprolapses (POP) bei Frauen ab 18 Jahren. Ein besonderer Fokus liegt auf der multidisziplinären Zusammenarbeit (MDT) und dem Management von Komplikationen nach Netzimplantationen (Mesh).

Diagnostik der Harninkontinenz

Die initiale klinische Beurteilung dient der Kategorisierung in Belastungsinkontinenz, Mischinkontinenz oder Dranginkontinenz/Überaktive Blase (OAB).

  • Urindiagnostik: Urinstreifentest bei allen Patientinnen (Blut, Glukose, Protein, Leukozyten, Nitrit). Urinkultur nur bei positivem Befund für Leukozyten und Nitrit oder bei klinischen HWI-Symptomen.
  • Blasentagebuch: Mindestens 3 Tage führen (Arbeits- und freie Tage abdecken).
  • Restharnbestimmung: Bevorzugt per Ultraschall (Bladderscan) bei Verdacht auf Entleerungsstörungen.
Diagnostik-MethodeEmpfehlungBemerkung
UrodynamikNicht routinemäßigNur bei unklarer Diagnose, OAB-Symptomen, Voroperationen oder Prolaps vor einer SUI-OP
Pad-TestsNicht empfohlenKeine routinemäßige Anwendung
Bildgebung (MRT, CT, Röntgen)Nicht empfohlenKeine routinemäßige Anwendung bei reiner Inkontinenz
ZystoskopieNicht empfohlenKeine initiale Anwendung

Konservative Therapie

Lebensstil und Verhalten

  • Gewichtsreduktion: Empfohlen bei einem BMI > 30.
  • Flüssigkeitszufuhr: Anpassung bei extrem hoher oder niedriger Trinkmenge.
  • Koffein: Probereduktion bei überaktiver Blase.

Beckenbodentraining und Blasentraining

TherapieIndikationDauer / Dosierung
BeckenbodentrainingBelastungs- & MischinkontinenzMind. 3 Monate (8 Kontraktionen, 3x täglich)
BlasentrainingDrang- & MischinkontinenzMindestens 6 Wochen

Hinweis: Vor dem Beckenbodentraining muss die Kontraktionsfähigkeit digital vaginal überprüft werden.

Medikamentöse Therapie der überaktiven Blase (OAB)

Vor Therapiebeginn müssen Patientinnen über mögliche Nebenwirkungen (z. B. Mundtrockenheit, Obstipation) und den Wirkeintritt (oft erst nach 4 Wochen) aufgeklärt werden.

  • 1. Wahl: Anticholinergikum mit den geringsten Anschaffungskosten.
  • Alternative: Beta-3-Adrenozeptor-Agonisten (Mirabegron, Vibegron), falls Anticholinergika kontraindiziert oder unwirksam sind.
  • Topisches Östrogen: Bei OAB-Symptomen und vaginaler Atrophie (Menopause).
MedikamentStatusBemerkung
AnticholinergikaEmpfohlenGeringste Kosten wählen; Vorsicht bei Demenz/kognitiver Einschränkung
Flavoxat, Propanthelin, ImipraminNicht empfohlenDürfen nicht angeboten werden
Oxybutynin (schnell freisetzend)Nicht empfohlenNicht bei älteren Frauen (Risiko für kognitive Verschlechterung)
DuloxetinNicht 1. WahlNur als 2. Wahl bei Belastungsinkontinenz, wenn OP abgelehnt wird

Invasive und Chirurgische Therapie

Überaktive Blase (OAB)

Wenn konservative Maßnahmen versagen:

  1. Botulinumtoxin A: Injektion in die Blasenwand (Startdosis: 100 Einheiten). Patientin muss zur intermittierenden Selbstkatheterisierung (ISK) bereit sein.
  2. Sakrale Neuromodulation: Perkutane sakrale Nervenstimulation nach MDT-Review.
  3. Augmentationszystoplastik / Harnableitung: Nur als letzte Option.

Belastungsinkontinenz (SUI)

Vor einer Operation muss eine ausführliche Aufklärung (inkl. Entscheidungshilfe) erfolgen. Alle Eingriffe müssen in einem nationalen Register erfasst werden.

OperationsverfahrenEmpfehlungBemerkung
Kolposuspension (offen/laparoskopisch)EmpfohlenOption der 1. Wahl
Autologes FaszienschlingensystemEmpfohlenOption der 1. Wahl
Retropubische Mid-Urethral-Mesh-SchlingeEingeschränktAufklärung über permanentes Implantat und schwere Entfernbarkeit
Transobturator-AnsatzNicht empfohlenNur in spezifischen klinischen Ausnahmefällen
Intramurale Bulking AgentsAlternativeGeringere Langzeiteffektivität, wiederholte Injektionen nötig

Beckenorganprolaps (POP)

Diagnostik

Die Beurteilung des Prolapses erfolgt klinisch unter Verwendung des POP-Q-Systems (Pelvic Organ Prolapse Quantification). Eine routinemäßige Bildgebung ist nicht erforderlich.

Konservative Therapie

  • Beckenbodentraining: Mindestens 16 Wochen bei symptomatischem POP-Q Stadium 1 oder 2.
  • Vaginalpessare: Allein oder in Kombination mit Beckenbodentraining. Wechsel/Kontrolle mindestens alle 6 Monate.
  • Topisches Östrogen: Bei begleitenden urogenitalen Menopausensymptomen.

Chirurgische Therapie

Die Wahl des Verfahrens hängt vom betroffenen Kompartiment und dem Wunsch nach Uteruserhalt ab:

Prolaps-ArtEmpfohlene Verfahren
Uterusprolaps (ohne Uteruserhalt)Vaginale Hysterektomie (mit/ohne sakrospinöse Fixation), sakrospinöse Hysteropexie, Manchester-Plastik
Uterusprolaps (mit Uteruserhalt)Sakrospinöse Hysteropexie, Manchester-Plastik (nicht bei Kinderwunsch)
ScheidenstumpfprolapsVaginale sakrospinöse Fixation (Nähte), Sakrokolpopexie (Mesh)
Vorderer/Hinterer ProlapsVordere/Hintere Plastik ohne Mesh

Management von Mesh-Komplikationen

Bei neu aufgetretenen Symptomen nach einer Mesh-Operation (Schmerzen, vaginaler Ausfluss/Blutung, Dyspareunie, Harn-/Stuhlinkontinenz) muss eine spezialisierte Abklärung erfolgen.

  • Vaginale Mesh-Exposition < 1 cm²: Konservativer Versuch mit topischer Östrogencreme.
  • Exposition ≥ 1 cm² oder Extrusion: Partielle oder komplette chirurgische Entfernung erwägen.
  • Aufklärung: Patientinnen müssen wissen, dass eine komplette Entfernung oft nicht möglich ist und Symptome (wie Inkontinenz oder Prolaps) zurückkehren können.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie vor einer primären Operation bei reiner Belastungsinkontinenz keine routinemäßige Urodynamik durch, wenn die Diagnose klinisch eindeutig ist.

Häufig gestellte Fragen

Mindestens 3 Tage, idealerweise sowohl an Arbeits- als auch an freien Tagen.
Flavoxat, Propanthelin und Imipramin dürfen nicht angeboten werden. Bei älteren Frauen sollte zudem kein schnell freisetzendes Oxybutynin verwendet werden.
Die Leitlinie empfiehlt die Verwendung des POP-Q (Pelvic Organ Prolapse Quantification) Systems zur Beurteilung des Prolapses.
Die initiale Dosis beträgt 100 Einheiten. Die Patientin muss zudem bereit sein, bei Bedarf eine intermittierende Selbstkatheterisierung durchzuführen.

Verwandte Leitlinien