Harninkontinenz & Prolaps: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Basisdiagnostik umfasst eine Kategorisierung der Inkontinenz, Urinstreifentests und ein 3-tägiges Blasentagebuch.
- •Beckenbodentraining (mind. 3 Monate) ist die First-Line-Therapie bei Belastungs- und Mischinkontinenz.
- •Bei überaktiver Blase (OAB) sind kostengünstige Anticholinergika die medikamentöse Wahl; schnell freisetzendes Oxybutynin ist bei älteren Frauen kontraindiziert.
- •Chirurgische Eingriffe, insbesondere mit Mesh-Implantaten, erfordern eine umfassende Aufklärung und Erfassung in einem nationalen Register.
- •Bei Beckenorganprolaps (POP) erfolgt die klinische Quantifizierung via POP-Q-System, primär werden Pessare oder Beckenbodentraining empfohlen.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie umfasst die Diagnostik und Therapie der Harninkontinenz und des Beckenorganprolapses (POP) bei Frauen ab 18 Jahren. Ein besonderer Fokus liegt auf der multidisziplinären Zusammenarbeit (MDT) und dem Management von Komplikationen nach Netzimplantationen (Mesh).
Diagnostik der Harninkontinenz
Die initiale klinische Beurteilung dient der Kategorisierung in Belastungsinkontinenz, Mischinkontinenz oder Dranginkontinenz/Überaktive Blase (OAB).
- Urindiagnostik: Urinstreifentest bei allen Patientinnen (Blut, Glukose, Protein, Leukozyten, Nitrit). Urinkultur nur bei positivem Befund für Leukozyten und Nitrit oder bei klinischen HWI-Symptomen.
- Blasentagebuch: Mindestens 3 Tage führen (Arbeits- und freie Tage abdecken).
- Restharnbestimmung: Bevorzugt per Ultraschall (Bladderscan) bei Verdacht auf Entleerungsstörungen.
| Diagnostik-Methode | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Urodynamik | Nicht routinemäßig | Nur bei unklarer Diagnose, OAB-Symptomen, Voroperationen oder Prolaps vor einer SUI-OP |
| Pad-Tests | Nicht empfohlen | Keine routinemäßige Anwendung |
| Bildgebung (MRT, CT, Röntgen) | Nicht empfohlen | Keine routinemäßige Anwendung bei reiner Inkontinenz |
| Zystoskopie | Nicht empfohlen | Keine initiale Anwendung |
Konservative Therapie
Lebensstil und Verhalten
- Gewichtsreduktion: Empfohlen bei einem BMI > 30.
- Flüssigkeitszufuhr: Anpassung bei extrem hoher oder niedriger Trinkmenge.
- Koffein: Probereduktion bei überaktiver Blase.
Beckenbodentraining und Blasentraining
| Therapie | Indikation | Dauer / Dosierung |
|---|---|---|
| Beckenbodentraining | Belastungs- & Mischinkontinenz | Mind. 3 Monate (8 Kontraktionen, 3x täglich) |
| Blasentraining | Drang- & Mischinkontinenz | Mindestens 6 Wochen |
Hinweis: Vor dem Beckenbodentraining muss die Kontraktionsfähigkeit digital vaginal überprüft werden.
Medikamentöse Therapie der überaktiven Blase (OAB)
Vor Therapiebeginn müssen Patientinnen über mögliche Nebenwirkungen (z. B. Mundtrockenheit, Obstipation) und den Wirkeintritt (oft erst nach 4 Wochen) aufgeklärt werden.
- 1. Wahl: Anticholinergikum mit den geringsten Anschaffungskosten.
- Alternative: Beta-3-Adrenozeptor-Agonisten (Mirabegron, Vibegron), falls Anticholinergika kontraindiziert oder unwirksam sind.
- Topisches Östrogen: Bei OAB-Symptomen und vaginaler Atrophie (Menopause).
| Medikament | Status | Bemerkung |
|---|---|---|
| Anticholinergika | Empfohlen | Geringste Kosten wählen; Vorsicht bei Demenz/kognitiver Einschränkung |
| Flavoxat, Propanthelin, Imipramin | Nicht empfohlen | Dürfen nicht angeboten werden |
| Oxybutynin (schnell freisetzend) | Nicht empfohlen | Nicht bei älteren Frauen (Risiko für kognitive Verschlechterung) |
| Duloxetin | Nicht 1. Wahl | Nur als 2. Wahl bei Belastungsinkontinenz, wenn OP abgelehnt wird |
Invasive und Chirurgische Therapie
Überaktive Blase (OAB)
Wenn konservative Maßnahmen versagen:
- Botulinumtoxin A: Injektion in die Blasenwand (Startdosis: 100 Einheiten). Patientin muss zur intermittierenden Selbstkatheterisierung (ISK) bereit sein.
- Sakrale Neuromodulation: Perkutane sakrale Nervenstimulation nach MDT-Review.
- Augmentationszystoplastik / Harnableitung: Nur als letzte Option.
Belastungsinkontinenz (SUI)
Vor einer Operation muss eine ausführliche Aufklärung (inkl. Entscheidungshilfe) erfolgen. Alle Eingriffe müssen in einem nationalen Register erfasst werden.
| Operationsverfahren | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kolposuspension (offen/laparoskopisch) | Empfohlen | Option der 1. Wahl |
| Autologes Faszienschlingensystem | Empfohlen | Option der 1. Wahl |
| Retropubische Mid-Urethral-Mesh-Schlinge | Eingeschränkt | Aufklärung über permanentes Implantat und schwere Entfernbarkeit |
| Transobturator-Ansatz | Nicht empfohlen | Nur in spezifischen klinischen Ausnahmefällen |
| Intramurale Bulking Agents | Alternative | Geringere Langzeiteffektivität, wiederholte Injektionen nötig |
Beckenorganprolaps (POP)
Diagnostik
Die Beurteilung des Prolapses erfolgt klinisch unter Verwendung des POP-Q-Systems (Pelvic Organ Prolapse Quantification). Eine routinemäßige Bildgebung ist nicht erforderlich.
Konservative Therapie
- Beckenbodentraining: Mindestens 16 Wochen bei symptomatischem POP-Q Stadium 1 oder 2.
- Vaginalpessare: Allein oder in Kombination mit Beckenbodentraining. Wechsel/Kontrolle mindestens alle 6 Monate.
- Topisches Östrogen: Bei begleitenden urogenitalen Menopausensymptomen.
Chirurgische Therapie
Die Wahl des Verfahrens hängt vom betroffenen Kompartiment und dem Wunsch nach Uteruserhalt ab:
| Prolaps-Art | Empfohlene Verfahren |
|---|---|
| Uterusprolaps (ohne Uteruserhalt) | Vaginale Hysterektomie (mit/ohne sakrospinöse Fixation), sakrospinöse Hysteropexie, Manchester-Plastik |
| Uterusprolaps (mit Uteruserhalt) | Sakrospinöse Hysteropexie, Manchester-Plastik (nicht bei Kinderwunsch) |
| Scheidenstumpfprolaps | Vaginale sakrospinöse Fixation (Nähte), Sakrokolpopexie (Mesh) |
| Vorderer/Hinterer Prolaps | Vordere/Hintere Plastik ohne Mesh |
Management von Mesh-Komplikationen
Bei neu aufgetretenen Symptomen nach einer Mesh-Operation (Schmerzen, vaginaler Ausfluss/Blutung, Dyspareunie, Harn-/Stuhlinkontinenz) muss eine spezialisierte Abklärung erfolgen.
- Vaginale Mesh-Exposition < 1 cm²: Konservativer Versuch mit topischer Östrogencreme.
- Exposition ≥ 1 cm² oder Extrusion: Partielle oder komplette chirurgische Entfernung erwägen.
- Aufklärung: Patientinnen müssen wissen, dass eine komplette Entfernung oft nicht möglich ist und Symptome (wie Inkontinenz oder Prolaps) zurückkehren können.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie vor einer primären Operation bei reiner Belastungsinkontinenz keine routinemäßige Urodynamik durch, wenn die Diagnose klinisch eindeutig ist.