Beckenbodensdysfunktion: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Beckenbodentraining (PFMT) wird für Frauen jeden Alters zur Prävention und Therapie empfohlen.
- •Ein überwachtes PFMT-Programm (mind. 3-4 Monate) ist Erstlinientherapie bei Inkontinenz und leichtem Prolaps.
- •Modifizierbare Risikofaktoren wie ein BMI > 25, Obstipation und Rauchen sollten aktiv adressiert werden.
- •Vaginales Diazepam wird zur Behandlung einer Beckenbodensdysfunktion nicht empfohlen.
- •Die Betreuung sollte idealerweise durch ein multidisziplinäres Team im ambulanten Bereich erfolgen.
Hintergrund
Die Beckenbodensdysfunktion umfasst Beschwerden, bei denen die Beckenbodenmuskulatur nicht korrekt funktioniert. Zu den assoziierten Symptomen und Erkrankungen gehören:
- Harninkontinenz und Blasenentleerungsstörungen
- Stuhlinkontinenz und Darmentleerungsstörungen
- Beckenorganprolaps (Descensus genitalis)
- Sexuelle Dysfunktion
- Chronische Beckenschmerzen
Risikofaktoren
Die Aufklärung über Risikofaktoren ist essenziell, um präventive Maßnahmen einzuleiten.
| Kategorie | Risikofaktoren |
|---|---|
| Modifizierbar | BMI > 25 kg/m², Rauchen, Bewegungsmangel, Obstipation, Diabetes |
| Nicht-modifizierbar | Alter, positive Familienanamnese, gynäkologische Tumore/Operationen (z.B. Hysterektomie), Fibromyalgie, chronische Atemwegserkrankungen/Husten |
| Schwangerschaft | Alter > 30 Jahre bei Geburt, vorangegangene Geburten |
| Geburt | Vaginal-operative Entbindung (Zange/Vakuum), okzipito-posteriore Lage, aktive Austreibungsphase > 1 Stunde, Analsphinkterverletzung |
Diagnostik in der Primärversorgung
Bei der initialen Beurteilung sollte eine gezielte Anamnese und Untersuchung erfolgen, um andere Ursachen (z.B. Tumore, neurologische Erkrankungen, Harnwegsinfekte, Diabetes) auszuschließen.
- Postpartale Phase: Frauen routinemäßig nach Symptomen fragen.
- Medikamentenanamnese: Bei Polypharmazie Überprüfung auf Medikamente, die Symptome verschlechtern können.
- Körperliche Untersuchung: Inspektion von Vulva/Vagina auf Atrophie, Pressversuch zur Prolaps-Beurteilung, ggf. rektale Untersuchung zum Ausschluss einer Koprostase.
Prävention und Lebensstil
Lebensstiländerungen sind ein zentraler Baustein der Prävention und Therapie. Frauen sollten motiviert werden, da Effekte oft erst nach Wochen oder Monaten eintreten.
- Gewichtsreduktion: Bei einem BMI > 30 kg/m² zur Besserung von Harninkontinenz, überaktiver Blase und Prolaps. Andere Therapien sollen jedoch nicht bis zum Gewichtsverlust aufgeschoben werden.
- Ernährung: Ballaststoffreiche Kost zur Optimierung der Stuhlkonsistenz (Prävention von Stuhlinkontinenz/Obstipation).
- Flüssigkeit & Koffein: Reduktion der Koffeinzufuhr bei überaktiver Blase/Harninkontinenz. Anpassung der Trinkmenge.
- Körperliche Aktivität: Überwachtes Training (z.B. Yoga) kann Symptome lindern.
Beckenbodentraining (PFMT)
Ein überwachtes Beckenbodentraining (durch Physiotherapeuten oder geschultes Personal) wird für Frauen jeden Alters zur Prävention und Therapie empfohlen.
| Indikation | Empfohlene Dauer | Bemerkung |
|---|---|---|
| Prävention (Schwangerschaft) | 3 Monate (ab 20. SSW) | Bei erstgradigen Verwandten mit Beckenbodensdysfunktion |
| Prävention (Postpartal) | 3 Monate | Nach Zangengeburt, okzipito-posteriorer Lage oder Sphinkterverletzung |
| Beckenorganprolaps | Mind. 4 Monate | Für symptomatischen Prolaps (max. 1 cm über Hymenalsaum) |
| Harninkontinenz | Mind. 3 Monate | Bei Belastungs- oder Mischinkontinenz (auch in der Schwangerschaft) |
| Stuhlinkontinenz | Mind. 4 Monate | Bei gleichzeitiger Stuhlinkontinenz und Prolaps |
Hinweis: Bei fehlender Kontraktionsfähigkeit kann das Training durch Biofeedback, Elektrostimulation oder Vaginalkonen ergänzt werden.
Weitere konservative Maßnahmen
- Pessare: Erwägen bei symptomatischem Prolaps. Wichtig: Patientinnen darüber aufklären, dass durch die Reposition des Prolapses eine neue Belastungsinkontinenz demaskiert werden kann.
- Intravaginale Hilfsmittel: Nur bei Harninkontinenz erwägen, wenn andere nicht-operative Maßnahmen versagt haben.
- Verhaltenstherapie: Unterstütztes Blasentraining bei Pollakisurie, Drang- oder Mischinkontinenz.
- Medikamentöse Therapie: Vaginales Diazepam darf nicht zur Behandlung einer Beckenbodensdysfunktion eingesetzt werden (auch nicht bei hohem Muskeltonus).
💡Praxis-Tipp
Fragen Sie Frauen postpartal aktiv nach Symptomen einer Beckenbodensdysfunktion, da diese oft verschwiegen werden. Ein überwachtes Beckenbodentraining sollte bei Risikofaktoren (z.B. Zangengeburt, Sphinkterverletzung) frühzeitig verordnet werden.