Kondom-Vergabeprogramme (STI): NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Vergabeprogramme sollten zielgruppenspezifisch sein und Personen mit dem höchsten STI-Risiko fokussieren.
- •Für Jugendliche unter 16 Jahren sind mehrteilige Programme mit Beratung und Kompetenzprüfung zwingend empfohlen.
- •Kostenlose Kondome sollten an Hochrisiko-Orten (z. B. Sex-on-Premises-Venues) und über Apotheken verteilt werden.
- •Neben Kondomen sollten auch Frauenkondome, Lecktücher (Dental Dams) und Gleitmittel angeboten werden.
Hintergrund
Kondom-Vergabeprogramme zielen darauf ab, das Risiko sexuell übertragbarer Infektionen (STI) zu senken. Zudem bieten sie insbesondere für jüngere Menschen einen guten Einstieg in umfassendere Angebote der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und helfen, ungeplante Schwangerschaften zu vermeiden. Die Leitlinie empfiehlt verschiedene Programmarten, die je nach lokalem Bedarf und STI-Raten kombiniert werden sollten.
Programmarten und Zielgruppen
| Programm-Typ | Zielgruppe | Merkmale |
|---|---|---|
| Mehrteilige Programme | Jugendliche (<16 bis 25 Jahre) | Kostenlose Kondome kombiniert mit Beratung, Training und Kompetenzprüfung |
| Einzelkomponenten-Programme | Hochrisikogruppen | Kostenlose Kondome an strategischen Orten (z. B. Clubs, Apotheken) |
| Selbstkosten-Programme | Allgemeinbevölkerung | Verkauf zum Selbstkostenpreis (z. B. online), um Zugangshürden zu senken |
Mehrteilige Programme für Jugendliche
Für Jugendliche bis 16 Jahre (und andere Personen, für die eine Fürsorgepflicht besteht) sind maßgeschneiderte mehrteilige Programme anderen Modellen vorzuziehen. Eine Ausweitung auf junge Erwachsene bis 25 Jahre sollte erwogen werden.
- Sicherheit und Kompetenz: Vor der Abgabe von Kondomen an unter 16-Jährige muss deren Einsichtsfähigkeit (Kompetenz) geprüft werden. Behandler müssen auf Anzeichen von sexueller Ausbeutung (Child Sexual Exploitation, CSE) oder Gewalt in der Partnerschaft achten.
- Zugang: Die Dienste müssen vertraulich, gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und zu jugendgerechten Zeiten (z. B. nach der Schule oder am Wochenende) geöffnet sein.
- Ausstattung: Es sollte eine Auswahl an Kondomtypen (z. B. latexfrei) und -größen, Frauenkondomen, Lecktüchern (Dental Dams) sowie Gleitmitteln angeboten werden.
- Aufklärung: Die korrekte Anwendung von Kondomen muss vor der Abgabe demonstriert und geübt werden. Zudem ist über Notfallverhütung und Postexpositionsprophylaxe (PEP) aufzuklären, damit Jugendliche bei einem Kondomversagen wissen, was zu tun ist.
Einzelkomponenten-Programme (Kostenlose Kondome)
Kostenlose Kondome (inklusive Gleitmittel) sollten gezielt an Personen mit dem höchsten STI-Risiko verteilt werden. Geeignete Orte sind:
- Kommerzielle Einrichtungen (einschließlich Sex-on-Premises-Venues) und Public Sex Environments
- Lokale Geschäfte, die von Risikogruppen frequentiert werden (z. B. bestimmte Apotheken)
- Freiwilligen- und Gemeinschaftsorganisationen (z. B. sexuelle Gesundheitsorganisationen)
- Universitäten und weitere Bildungseinrichtungen
Wichtig: Neben den Kondomen müssen stets sensible und umgebungsgerechte Informationen bereitgestellt werden (z. B. zu lokalen STI-Kliniken, HIV-Tests und dem Verhalten bei Kondomversagen).
Selbstkosten-Programme
Um die breitere Bevölkerung zu erreichen, können Kondome zum Selbstkostenpreis über Websites bestehender Gesundheitsdienste oder größere Online-Verkaufsprogramme angeboten werden. Auch hier müssen am Point of Sale Informationen zur sexuellen Gesundheit und zur Kondomanwendung bereitgestellt werden.
💡Praxis-Tipp
Prüfen Sie bei Jugendlichen unter 16 Jahren vor der Kondomabgabe stets die Einsichtsfähigkeit (Kompetenz) und achten Sie aktiv auf mögliche Anzeichen von sexueller Ausbeutung (CSE).