Osteoporose-Frakturrisiko: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Ein Frakturrisiko-Assessment wird für alle Frauen ab 65 Jahren und alle Männer ab 75 Jahren empfohlen.
- •Bei jüngeren Patienten sollte eine Risikobewertung nur bei Vorliegen spezifischer Risikofaktoren erfolgen.
- •Zur Berechnung des absoluten 10-Jahres-Risikos sollen die Tools FRAX oder QFracture verwendet werden.
- •Eine routinemäßige Knochendichtemessung (DXA) ohne vorheriges klinisches Risiko-Assessment wird nicht empfohlen.
Hintergrund
Osteoporose ist durch eine geringe Knochenmasse und strukturelle Verschlechterung des Knochengewebes gekennzeichnet, was zu einer erhöhten Knochenbrüchigkeit führt. Fragilitätsfrakturen entstehen durch mechanische Kräfte, die normalerweise nicht zu einem Bruch führen würden (z.B. Sturz aus Stehhöhe oder darunter). Die NICE-Leitlinie definiert Kriterien und Methoden zur präzisen Bewertung dieses Frakturrisikos.
Indikation zur Risikobewertung
Die Indikation zur Bewertung des Frakturrisikos richtet sich primär nach Alter und dem Vorliegen von Risikofaktoren.
| Patientengruppe | Indikation zum Assessment |
|---|---|
| Frauen ≥ 65 Jahre & Männer ≥ 75 Jahre | Generell empfohlen |
| Frauen < 65 Jahre & Männer < 75 Jahre | Nur bei Vorliegen von Risikofaktoren |
| Personen < 50 Jahre | Nicht routinemäßig, außer bei Hauptrisikofaktoren |
Hauptrisikofaktoren für Personen unter 50 Jahren:
- Aktuelle oder häufige kürzliche Einnahme oraler/systemischer Glukokortikoide
- Unbehandelte vorzeitige Menopause
- Vorherige Fragilitätsfraktur
Klinische Risikofaktoren
Neben dem Alter beeinflussen weitere Faktoren das Frakturrisiko maßgeblich:
| Kategorie | Risikofaktoren |
|---|---|
| Anamnese | Vorherige Fragilitätsfraktur, Sturzanamnese, familiäre Hüftfraktur |
| Lebensstil | BMI < 18,5 kg/m², Rauchen, Alkohol > 14 Einheiten/Woche |
| Medikamente | Orale oder systemische Glukokortikoide |
Sekundäre Osteoporose
Verschiedene Grunderkrankungen können eine sekundäre Osteoporose verursachen und müssen bei der Risikobewertung berücksichtigt werden:
| Organsystem | Erkrankungen |
|---|---|
| Endokrin | Hypogonadismus, Hyperthyreose, Hyperparathyreoidismus, Cushing-Syndrom, Diabetes, Hyperprolaktinämie |
| Gastrointestinal | Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, chronische Lebererkrankung, chronische Pankreatitis |
| Rheumatologisch | Rheumatoide Arthritis, andere entzündliche Arthropathien |
| Hämatologisch | Multiples Myelom, Hämoglobinopathien, systemische Mastozytose |
| Respiratorisch | Mukoviszidose, COPD |
| Weitere | Chronische Nierenerkrankung, Immobilität, Homocystinurie |
Methoden der Risikobewertung
Zur Bewertung soll das absolute Frakturrisiko (z.B. das 10-Jahres-Risiko für eine Major-Osteoporose- oder Hüftfraktur in Prozent) geschätzt werden.
| Assessment-Tool | Altersbereich | Besonderheiten |
|---|---|---|
| FRAX | 40 - 90 Jahre | Kann mit oder ohne Knochendichtewerte (BMD) verwendet werden |
| QFracture | 30 - 84 Jahre | BMD-Werte können nicht in den Algorithmus integriert werden |
Hinweis: Bei Personen, die das obere Alterslimit der Tools überschreiten, ist von einem hohen Risiko auszugehen. Bei Patienten über 80 Jahren ist das berechnete 10-Jahres-Risiko mit Vorsicht zu interpretieren, da es das kurzfristige Frakturrisiko unterschätzen kann.
Indikationen zur Knochendichtemessung (DXA)
Eine routinemäßige Messung der Knochenmineraldichte (BMD) ohne vorheriges Assessment durch FRAX oder QFracture wird nicht empfohlen.
Eine DXA-Messung sollte in folgenden Fällen erwogen werden:
- Nach klinischem Assessment: Wenn das berechnete Risiko (mit FRAX ohne BMD oder QFracture) im Bereich einer Therapieschwelle liegt. Danach sollte das Risiko mit FRAX inkl. BMD-Wert neu berechnet werden.
- Vor spezifischen Therapien: Vor Beginn von Behandlungen, die einen schnellen negativen Effekt auf die Knochendichte haben (z.B. Sexualhormonentzug bei Brust- oder Prostatakrebs).
- Bei jungen Patienten (< 40 Jahre): Bei Vorliegen von Hauptrisikofaktoren wie multiplen Fragilitätsfrakturen oder hochdosierter Glukokortikoidtherapie (> 7,5 mg Prednisolon-Äquivalent/Tag für ≥ 3 Monate).
Einschränkungen der Assessment-Tools
Die Tools können das tatsächliche Frakturrisiko in bestimmten Situationen unterschätzen. Dazu gehören:
- Anamnese mit multiplen Frakturen oder vorherigen Wirbelkörperfrakturen
- Hoher Alkoholkonsum
- Hochdosierte Glukokortikoidtherapie (> 7,5 mg Prednisolon/Tag für ≥ 3 Monate)
- Vorliegen anderer Ursachen einer sekundären Osteoporose
- Faktoren, die nicht im Tool abgebildet sind (z.B. Leben im Pflegeheim oder Einnahme von knochenstoffwechselstörenden Medikamenten wie Antikonvulsiva, SSRI, Thiazolidindione, Protonenpumpeninhibitoren oder Antiretrovirale Medikamente)
Neubewertung des Risikos
Eine erneute Berechnung des Frakturrisikos sollte erwogen werden, wenn das ursprüngliche Risiko nahe der Therapieschwelle lag (frühestens nach 2 Jahren) oder sich die Risikofaktoren des Patienten verändert haben.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie keine routinemäßige DXA-Messung ohne vorherige klinische Risikobewertung (z.B. mit FRAX oder QFracture) durch. Beachten Sie, dass bei Patienten über 80 Jahren die 10-Jahres-Scores das kurzfristige Frakturrisiko häufig unterschätzen.