Lyme-Borreliose: Leitlinie zu Diagnostik & Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Ein Erythema migrans ist diagnostisch beweisend; eine Labordiagnostik ist in diesem Fall nicht erforderlich und die Therapie sollte sofort beginnen.
- •Bei klinischem Verdacht ohne Erythema migrans wird eine 2-Stufen-Diagnostik (ELISA, gefolgt von Immunoblot) empfohlen.
- •Doxycyclin, Amoxicillin und Azithromycin sind die oralen Antibiotika der Wahl, abhängig von Alter und klinischer Manifestation.
- •Bei ZNS-Beteiligung oder hämodynamisch instabiler Lyme-Karditis ist intravenöses Ceftriaxon indiziert.
- •Eine Jarisch-Herxheimer-Reaktion kann zu Beginn der Therapie auftreten, erfordert aber in der Regel keinen Therapieabbruch.
Hintergrund
Die Lyme-Borreliose wird durch Bakterien der Gattung Borrelia verursacht, die durch den Stich infizierter Zecken übertragen werden. Zecken kommen vor allem in grasbewachsenen und waldreichen Gebieten vor, einschließlich städtischer Gärten und Parks.
- Ein Zeckenstich wird nicht immer bemerkt.
- Die rasche und korrekte Entfernung der Zecke reduziert das Übertragungsrisiko signifikant.
- Nicht jeder Zeckenstich führt zu einer Übertragung der Lyme-Borreliose.
Klinische Diagnostik
Die Diagnose der Lyme-Borreliose wird klinisch gestellt, wenn ein Erythema migrans (Wanderröte) vorliegt.
Eigenschaften des Erythema migrans:
- Roter Hautausschlag, der an Größe zunimmt und teilweise zentral abblasst.
- Meist nicht juckend, heiß oder schmerzhaft.
- Wird in der Regel 1 bis 4 Wochen (Spannweite 3 Tage bis 3 Monate) nach dem Zeckenstich sichtbar und hält mehrere Wochen an.
- Tritt meist an der Einstichstelle auf.
Kernaussage: Bei Vorliegen eines Erythema migrans soll die Lyme-Borreliose ohne Labordiagnostik diagnostiziert und sofort behandelt werden.
Bei fehlendem Erythema migrans sollte eine Borreliose bei folgenden fokalen oder nicht-fokalen Symptomen in Betracht gezogen werden:
- Neurologisch: Fazialisparese, Meningitis, Mononeuritis multiplex, unerklärliche Radikulopathie.
- Gelenke: Entzündliche, oft migrierende Arthritis.
- Kardial: AV-Block, Perikarditis.
- Haut: Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA), Lymphozytom.
- Unspezifisch: Fieber, Nachtschweiß, geschwollene Lymphknoten, Fatigue, kognitive Einschränkungen ("Brain Fog").
Labordiagnostik
Bei klinischem Verdacht ohne Erythema migrans erfolgt eine 2-Stufen-Diagnostik. Ein negativer Test schließt die Diagnose bei hohem klinischen Verdacht nicht sicher aus.
| Stufe | Testverfahren | Vorgehen / Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | ELISA (IgM und IgG) | Bei hohem Verdacht bereits vor Ergebnis Antibiotika erwägen. |
| 2 | Immunoblot | Nur bei positivem oder grenzwertigem ELISA durchführen. |
Sonderfälle bei negativem ELISA:
- Symptombeginn < 4 Wochen: ELISA nach 4 bis 6 Wochen wiederholen.
- Symptomdauer ≥ 12 Wochen: Direkt einen Immunoblot durchführen.
Therapie bei Erwachsenen und Jugendlichen (ab 12 Jahren)
Die Antibiotikatherapie richtet sich nach der klinischen Manifestation.
| Manifestation | Therapie der 1. Wahl | 1. Alternative | 2. Alternative |
|---|---|---|---|
| Erythema migrans / Nicht-fokale Symptome | Doxycyclin (100 mg 2x/d o. 200 mg 1x/d p.o.) für 21 Tage | Amoxicillin (1 g 3x/d p.o.) für 21 Tage | Azithromycin (500 mg 1x/d p.o.) für 17 Tage |
| Hirnnerven / Peripheres Nervensystem | Doxycyclin (100 mg 2x/d o. 200 mg 1x/d p.o.) für 21 Tage | Amoxicillin (1 g 3x/d p.o.) für 21 Tage | - |
| Zentrales Nervensystem (ZNS) | Ceftriaxon (2 g 2x/d o. 4 g 1x/d i.v.) für 21 Tage | Doxycyclin (200 mg 2x/d o. 400 mg 1x/d p.o.) für 21 Tage | - |
| Lyme-Arthritis / ACA | Doxycyclin (100 mg 2x/d o. 200 mg 1x/d p.o.) für 28 Tage | Amoxicillin (1 g 3x/d p.o.) für 28 Tage | Ceftriaxon (2 g 1x/d i.v.) für 28 Tage |
| Lyme-Karditis (hämodynamisch stabil) | Doxycyclin (100 mg 2x/d o. 200 mg 1x/d p.o.) für 21 Tage | Ceftriaxon (2 g 1x/d i.v.) für 21 Tage | - |
| Lyme-Karditis (hämodynamisch instabil) | Ceftriaxon (2 g 1x/d i.v.) für 21 Tage | - | - |
Hinweis: Azithromycin darf wegen möglicher QT-Zeit-Verlängerung nicht bei kardialen Auffälligkeiten eingesetzt werden.
Therapie bei Kindern (unter 12 Jahren)
Die Therapie bei Kindern unter 18 Jahren (außer bei unkompliziertem Erythema migrans) sollte mit einem Spezialisten besprochen werden. Doxycyclin ist bei Kindern unter 12 Jahren formal off-label, wird aber bei schweren Infektionen ab 9 Jahren empfohlen.
| Alter | Manifestation | Therapie der 1. Wahl | Alternative |
|---|---|---|---|
| 9–12 Jahre | Erythema migrans / Nicht-fokal | Doxycyclin (5 mg/kg Tag 1, dann 2,5 mg/kg/d p.o.) für 21 Tage | Amoxicillin (30 mg/kg 3x/d p.o.) für 21 Tage |
| < 9 Jahre | Erythema migrans / Nicht-fokal | Amoxicillin (30 mg/kg 3x/d p.o.) für 21 Tage | Azithromycin (10 mg/kg/d p.o.) für 17 Tage |
| 9–12 Jahre | ZNS-Beteiligung | Ceftriaxon (80 mg/kg, max. 4 g/d i.v.) für 21 Tage | Doxycyclin p.o. für 21 Tage |
| < 9 Jahre | ZNS-Beteiligung | Ceftriaxon (80 mg/kg, max. 4 g/d i.v.) für 21 Tage | - |
| < 12 Jahre | Arthritis / ACA | Amoxicillin (30 mg/kg 3x/d p.o.) für 28 Tage (bei <9 J.) bzw. Doxycyclin (bei 9-12 J.) | Ceftriaxon (80 mg/kg, max. 2 g/d i.v.) für 28 Tage |
Anhaltende Symptome und Schwangerschaft
- Therapieversagen: Bei anhaltenden Symptomen nach der ersten Antibiose kann ein zweiter Zyklus mit einem alternativen Antibiotikum erwogen werden. Nach zwei abgeschlossenen Zyklen sollten keine weiteren Antibiotika routinemäßig gegeben werden.
- Jarisch-Herxheimer-Reaktion: Kann zu Beginn der Therapie zu einer Verschlechterung der Symptome führen (durch den Zerfall von Bakterien). Dies ist kein Grund für einen Therapieabbruch.
- Schwangerschaft: Schwangere werden nach den gleichen Kriterien diagnostiziert und behandelt (unter Verwendung schwangerschaftskompatibler Antibiotika). Eine Übertragung auf das Ungeborene ist sehr unwahrscheinlich.
💡Praxis-Tipp
Bei einem typischen Erythema migrans sollte die Antibiotikatherapie sofort und ohne vorherige Labordiagnostik eingeleitet werden. Ein negativer Antikörpertest schließt eine Borreliose in der Frühphase nicht aus.