Gedeihstörungen bei Kindern: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Ein Gewichtsverlust von >10 % in den ersten Lebenstagen erfordert eine klinische Beurteilung und Fütterungsunterstützung.
- •Gedeihstörungen werden anhand des Abfalls über Gewichtsperzentilen (abhängig vom Geburtsgewicht) oder einem Gewicht unter der 2. Perzentile definiert.
- •Bei Kindern über 2 Jahren deutet ein BMI unter der 0,4. Perzentile auf eine wahrscheinliche Mangelernährung hin.
- •Eine enterale Sondenernährung ist nur bei schwerwiegenden Bedenken und nach Ausschöpfung aller anderen Maßnahmen indiziert.
Hintergrund
Ein anfänglicher Gewichtsverlust in den ersten Lebenstagen ist physiologisch und stoppt meist nach 3 bis 4 Tagen. Die meisten Säuglinge erreichen ihr Geburtsgewicht nach 3 Wochen wieder. Ein Gewichtsverlust von mehr als 10 % des Geburtsgewichts erfordert jedoch eine klinische Beurteilung (Ausschluss von Dehydration oder Erkrankungen) sowie eine detaillierte Anamnese und ggf. Beobachtung des Fütterns. Bei älteren Säuglingen und Kindern spricht man von einer Gedeihstörung ("faltering growth"), wenn die Gewichtszunahme langsamer als für Alter und Geschlecht erwartet verläuft.
Schwellenwerte für Gedeihstörungen
Die Beurteilung erfolgt anhand von WHO-Wachstumskurven. Folgende Kriterien gelten als Schwellenwerte für eine Gedeihstörung, basierend auf dem Abfall über Perzentilenbereiche (der Raum zwischen zwei benachbarten Perzentilenlinien):
| Geburtsgewicht | Kriterium für Gedeihstörung |
|---|---|
| < 9. Perzentile | Abfall über 1 oder mehr Perzentilenbereiche |
| 9. bis 91. Perzentile | Abfall über 2 oder mehr Perzentilenbereiche |
| > 91. Perzentile | Abfall über 3 oder mehr Perzentilenbereiche |
| Unabhängig vom Geburtsgewicht | Aktuelles Gewicht < 2. Perzentile für das Alter |
Diagnostik und Assessment
Bei Verdacht auf eine Gedeihstörung müssen Gewicht und Körperlänge (bis 2 Jahre) bzw. Körpergröße (> 2 Jahre) gemessen und in Wachstumskurven eingetragen werden.
- Zielgröße: Bei Auffälligkeiten der Länge/Größe sollte die mittlere elterliche Zielgröße berechnet werden. Liegt das Kind mehr als 2 Perzentilenbereiche darunter, kann dies auf Mangelernährung oder eine primäre Wachstumsstörung hinweisen.
- BMI (ab 2 Jahren): Ein BMI < 2. Perzentile kann Mangelernährung oder einen zierlichen Körperbau widerspiegeln. Ein BMI < 0,4. Perzentile deutet auf eine wahrscheinliche Mangelernährung hin, die Assessment und Intervention erfordert.
Weiterführende Untersuchungen
Eine klinische, entwicklungsbezogene und soziale Beurteilung sowie eine detaillierte Ernährungsanamnese sind essenziell. Weitere Untersuchungen sollten nur bei klinischer Indikation erfolgen. Spezifisch sollte erwogen werden:
- Untersuchung auf Harnwegsinfekte
- Untersuchung auf Zöliakie (sofern die Ernährung glutenhaltig war)
Routineuntersuchungen ohne klinische Auffälligkeiten bei ansonsten gesund erscheinenden Kindern decken selten eine zugrundeliegende Erkrankung auf.
Interventionen und Therapie
Zusammen mit den Eltern sollte ein Managementplan mit spezifischen Zielen erstellt werden.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Ernährungsberatung | Entspannte Mahlzeiten, Vermeidung von Zwang, altersgerechte Nahrung. Begrenzung von zu viel energiereichen Getränken (z.B. Milch), da diese den Appetit auf feste Nahrung mindern. |
| 2 | Nahrungsanreicherung | Kurzfristige diätetische Anreicherung mit energiereichen Lebensmitteln; Überweisung an pädiatrische Diätassistenten. |
| 3 | Orale Nahrungssupplemente | Probeweiser Einsatz von hochkalorischer Trinknahrung bei anhaltender Gedeihstörung trotz Stufe 1 und 2. Regelmäßige Reevaluation erforderlich. |
| 4 | Enterale Sondenernährung | Nur bei schwerwiegenden Bedenken bzgl. der Gewichtszunahme, nach multidisziplinärem Assessment und wenn andere Interventionen erfolglos waren. |
Hinweis zum Stillen: Die Zufütterung von Säuglingsnahrung bei gestillten Säuglingen kann zwar die Gewichtszunahme fördern, führt aber oft zum Abstillen. Mütter sollten beim Weiterstillen unterstützt werden (z.B. durch Abpumpen).
Monitoring-Intervalle
Häufiges Wiegen kann die elterliche Angst verstärken. Bei Bedenken hinsichtlich einer Gedeihstörung gelten folgende maximale Wiegeintervalle (sofern kein akuter Gewichtsverlust vorliegt):
| Alter | Maximales Wiegeintervall |
|---|---|
| < 1 Monat | Täglich |
| 1 - 6 Monate | Wöchentlich |
| 6 - 12 Monate | Alle 2 Wochen |
| > 1 Jahr | Monatlich |
Länge oder Höhe sollten maximal alle 3 Monate gemessen werden.
Überweisungskriterien
Eine Überweisung an die pädiatrische Fachversorgung ist indiziert bei:
- Symptomen/Zeichen einer zugrundeliegenden Erkrankung
- Fehlendem Ansprechen auf Interventionen in der Primärversorgung
- Langsamem Längenwachstum oder unerklärlichem Kleinwuchs
- Rapidem Gewichtsverlust oder schwerer Mangelernährung
- Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
Kinder mit Gedeihstörung sollten nicht stationär aufgenommen werden, es sei denn, sie sind akut krank oder es gibt eine spezifische Indikation (z.B. Beginn einer Sondenernährung).
💡Praxis-Tipp
Vermeiden Sie es, Kinder mit Gedeihstörungen zu häufig zu wiegen (z.B. bei über 1-Jährigen öfter als monatlich), da kurzfristige Schwankungen die elterliche Angst unnötig verstärken können. Weisen Sie Eltern zudem darauf hin, dass ein Übermaß an Milchgetränken den Appetit auf feste Nahrung reduziert.