Psychische Gesundheit im Strafvollzug: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Eine umfassende Gesundheitsuntersuchung muss direkt bei der Aufnahme in den Strafvollzug erfolgen, bevor die Zuweisung zur Zelle stattfindet.
- •Zur Identifikation psychischer Probleme wird der Correctional Mental Health Screen (CMHS) empfohlen (Cut-off: Männer ≥ 6, Frauen ≥ 4).
- •Bei Suizid- oder Selbstverletzungsrisiko muss umgehend ein ACCT-Plan (Assessment, Care in Custody and Teamwork) eröffnet werden.
- •Persönlichkeitsstörungen dürfen kein Ausschlusskriterium für Behandlungsangebote sein.
- •Bei der Medikamentenvergabe (insbesondere Schlaf- und Schmerzmittel) muss das Risiko von Missbrauch und Weitergabe streng geprüft werden.
Hintergrund
Psychische Probleme sind bei Personen im Kontakt mit dem Strafvollzugssystem extrem häufig. Die Prävalenz reicht von 39 % im Polizeigewahrsam bis zu 90 % im Gefängnis. Bestimmte Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und psychotische Störungen sind in der Gefängnispopulation deutlich überrepräsentiert. Die NICE-Leitlinie NG66 definiert Standards für die Erkennung, Beurteilung und Behandlung dieser vulnerablen Patientengruppe.
Erstuntersuchung bei Aufnahme (First-stage health assessment)
Bei der Erstaufnahme in ein Gefängnis muss eine kombinierte physische und psychische Gesundheitsuntersuchung durch medizinisches Fachpersonal erfolgen, bevor die Person ihrer Zelle zugewiesen wird. Eine tiefergehende psychiatrische Zweituntersuchung sollte in der Regel innerhalb von 7 Tagen stattfinden.
| Fokusbereich | Leitfragen / Beobachtungen | Empfohlene Maßnahmen |
|---|---|---|
| Medikamente | Einnahme von verschriebenen oder OTC-Medikamenten? | Medikamentenplan erstellen, Kontinuität sichern, nächste Dosis bereitstellen. |
| Substanzmissbrauch | Alkohol (>15 Einheiten/Tag?), illegale Drogen, Entzugssymptome? | Dringende Überweisung an Arzt/Substanzmissbrauch-Dienste. Auf Injektionsstellen prüfen. |
| Psychiatrische Historie | Frühere Klinikaufenthalte oder Psychopharmaka-Einnahme? | Überweisung zur psychiatrischen Beurteilung (Mental Health Assessment). |
| Suizidrisiko | Aktuelle Suizidgedanken, Hoffnungslosigkeit, frühere Versuche? | Dringendes Assessment. Eröffnung eines ACCT-Plans (Assessment, Care in Custody and Teamwork). |
Screening und Diagnostik
Zur strukturierten Erfassung psychischer Auffälligkeiten wird der Correctional Mental Health Screen (CMHS) empfohlen. Bei Transgender-Personen ist das Tool entsprechend der bevorzugten Geschlechtsidentität zu wählen.
| Screening-Tool | Zielgruppe | Kritischer Score | Maßnahme |
|---|---|---|---|
| CMHS-M | Männer | ≥ 6 | Weitere psychiatrische Abklärung durch kompetentes Fachpersonal |
| CMHS-W | Frauen | ≥ 4 | Weitere psychiatrische Abklärung durch kompetentes Fachpersonal |
Risikobewertung und Care Planning
Bei Verdacht auf psychische Probleme muss eine umfassende Risikobewertung erfolgen. Diese umfasst:
- Selbstgefährdung: Suizid, Selbstverletzung, Selbstvernachlässigung.
- Fremdgefährdung: Aggression, Gewalt, sexuelle Übergriffe.
- Vulnerabilität: Risiko der Ausbeutung durch andere Inhaftierte.
Risikomanagementpläne müssen in bestehende Informationssysteme integriert werden (z. B. ACCT, OASys, MAPPA) und regelmäßig überprüft werden.
Therapeutische Interventionen
Die Behandlung im Strafvollzug erfordert spezifische Anpassungen an das Setting.
| Indikation | Empfohlene Intervention | Bemerkung |
|---|---|---|
| Persönlichkeitsstörung | Strukturierte Interventionen | Fokus auf Problemlösung, Emotionsregulation und Impulskontrolle. Kein Ausschluss aus regulären Therapien! |
| Substanzmissbrauch | Kontingenzmanagement | Einsatz von Belohnungssystemen zur Förderung eines drogenfreien Verhaltens. |
| Schwerer Substanzmissbrauch | Therapeutische Gemeinschaft | In separaten Gefängnistrakten. Nur für Inhaftierte mit einer Reststrafe von ≥ 18 Monaten. |
| Schlafstörungen / Schmerzen | Strikte Medikamentenprüfung | Hohes Risiko für Missbrauch oder Weitergabe (Diversion) von Medikamenten beachten. |
Pharmakotherapie: Bei der Verschreibung von Medikamenten müssen die Risiken von Medikamenten im Eigenbesitz ("in-possession medicines") sowie die Verfügbarkeit in den ersten 48 Stunden nach Verlegung oder Entlassung zwingend berücksichtigt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei der Aufnahmeuntersuchung konsequent den Correctional Mental Health Screen (CMHS). Ein Score von ≥ 6 bei Männern oder ≥ 4 bei Frauen ist ein harter Indikator für eine sofortige psychiatrische Vorstellung.