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NICEA2024Psychiatrie

Psychische Gesundheit im Strafvollzug: NICE-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Eine umfassende Gesundheitsuntersuchung muss direkt bei der Aufnahme in den Strafvollzug erfolgen, bevor die Zuweisung zur Zelle stattfindet.
  • Zur Identifikation psychischer Probleme wird der Correctional Mental Health Screen (CMHS) empfohlen (Cut-off: Männer ≥ 6, Frauen ≥ 4).
  • Bei Suizid- oder Selbstverletzungsrisiko muss umgehend ein ACCT-Plan (Assessment, Care in Custody and Teamwork) eröffnet werden.
  • Persönlichkeitsstörungen dürfen kein Ausschlusskriterium für Behandlungsangebote sein.
  • Bei der Medikamentenvergabe (insbesondere Schlaf- und Schmerzmittel) muss das Risiko von Missbrauch und Weitergabe streng geprüft werden.
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Hintergrund

Psychische Probleme sind bei Personen im Kontakt mit dem Strafvollzugssystem extrem häufig. Die Prävalenz reicht von 39 % im Polizeigewahrsam bis zu 90 % im Gefängnis. Bestimmte Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und psychotische Störungen sind in der Gefängnispopulation deutlich überrepräsentiert. Die NICE-Leitlinie NG66 definiert Standards für die Erkennung, Beurteilung und Behandlung dieser vulnerablen Patientengruppe.

Erstuntersuchung bei Aufnahme (First-stage health assessment)

Bei der Erstaufnahme in ein Gefängnis muss eine kombinierte physische und psychische Gesundheitsuntersuchung durch medizinisches Fachpersonal erfolgen, bevor die Person ihrer Zelle zugewiesen wird. Eine tiefergehende psychiatrische Zweituntersuchung sollte in der Regel innerhalb von 7 Tagen stattfinden.

FokusbereichLeitfragen / BeobachtungenEmpfohlene Maßnahmen
MedikamenteEinnahme von verschriebenen oder OTC-Medikamenten?Medikamentenplan erstellen, Kontinuität sichern, nächste Dosis bereitstellen.
SubstanzmissbrauchAlkohol (>15 Einheiten/Tag?), illegale Drogen, Entzugssymptome?Dringende Überweisung an Arzt/Substanzmissbrauch-Dienste. Auf Injektionsstellen prüfen.
Psychiatrische HistorieFrühere Klinikaufenthalte oder Psychopharmaka-Einnahme?Überweisung zur psychiatrischen Beurteilung (Mental Health Assessment).
SuizidrisikoAktuelle Suizidgedanken, Hoffnungslosigkeit, frühere Versuche?Dringendes Assessment. Eröffnung eines ACCT-Plans (Assessment, Care in Custody and Teamwork).

Screening und Diagnostik

Zur strukturierten Erfassung psychischer Auffälligkeiten wird der Correctional Mental Health Screen (CMHS) empfohlen. Bei Transgender-Personen ist das Tool entsprechend der bevorzugten Geschlechtsidentität zu wählen.

Screening-ToolZielgruppeKritischer ScoreMaßnahme
CMHS-MMänner≥ 6Weitere psychiatrische Abklärung durch kompetentes Fachpersonal
CMHS-WFrauen≥ 4Weitere psychiatrische Abklärung durch kompetentes Fachpersonal

Risikobewertung und Care Planning

Bei Verdacht auf psychische Probleme muss eine umfassende Risikobewertung erfolgen. Diese umfasst:

  • Selbstgefährdung: Suizid, Selbstverletzung, Selbstvernachlässigung.
  • Fremdgefährdung: Aggression, Gewalt, sexuelle Übergriffe.
  • Vulnerabilität: Risiko der Ausbeutung durch andere Inhaftierte.

Risikomanagementpläne müssen in bestehende Informationssysteme integriert werden (z. B. ACCT, OASys, MAPPA) und regelmäßig überprüft werden.

Therapeutische Interventionen

Die Behandlung im Strafvollzug erfordert spezifische Anpassungen an das Setting.

IndikationEmpfohlene InterventionBemerkung
PersönlichkeitsstörungStrukturierte InterventionenFokus auf Problemlösung, Emotionsregulation und Impulskontrolle. Kein Ausschluss aus regulären Therapien!
SubstanzmissbrauchKontingenzmanagementEinsatz von Belohnungssystemen zur Förderung eines drogenfreien Verhaltens.
Schwerer SubstanzmissbrauchTherapeutische GemeinschaftIn separaten Gefängnistrakten. Nur für Inhaftierte mit einer Reststrafe von ≥ 18 Monaten.
Schlafstörungen / SchmerzenStrikte MedikamentenprüfungHohes Risiko für Missbrauch oder Weitergabe (Diversion) von Medikamenten beachten.

Pharmakotherapie: Bei der Verschreibung von Medikamenten müssen die Risiken von Medikamenten im Eigenbesitz ("in-possession medicines") sowie die Verfügbarkeit in den ersten 48 Stunden nach Verlegung oder Entlassung zwingend berücksichtigt werden.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie bei der Aufnahmeuntersuchung konsequent den Correctional Mental Health Screen (CMHS). Ein Score von ≥ 6 bei Männern oder ≥ 4 bei Frauen ist ein harter Indikator für eine sofortige psychiatrische Vorstellung.

Häufig gestellte Fragen

Direkt bei der Erstaufnahme, zwingend bevor die Person ihrer Zelle zugewiesen wird.
Der Correctional Mental Health Screen für Männer (CMHS-M) und Frauen (CMHS-W). Bei Transgender-Personen wird das Tool der bevorzugten Geschlechtsidentität genutzt.
ACCT steht für 'Assessment, Care in Custody and Teamwork'. Es ist ein flexibles Care-Planning-System im Gefängnis, das primär zur Reduktion von Selbstverletzungs- und Suizidrisiken eingesetzt wird.
Die Risiken von Medikamenten im Eigenbesitz ('in-possession') sowie das Missbrauchs- und Weitergabepotenzial müssen streng geprüft werden. Dies gilt insbesondere für Schlaf- und Schmerzmittel.
Nein. Die Leitlinie stellt klar, dass Personen mit Persönlichkeitsstörungen nicht allein aufgrund ihrer Diagnose von Gesundheits- oder Sozialdiensten ausgeschlossen werden dürfen.

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