Management von Gewalt und Aggression: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Deeskalation und praeventive Massnahmen stehen immer an erster Stelle vor restriktiven Eingriffen.
- •Bei manueller Fixierung ist die Rueckenlage zu bevorzugen; die Bauchlage sollte vermieden werden.
- •Manuelle Fixierungen sollten routinemaessig nicht laenger als 10 Minuten dauern.
- •Zur medikamentoesen Schnelltruhigstellung wird i.m. Lorazepam oder i.m. Haloperidol kombiniert mit i.m. Promethazin empfohlen.
- •Nach jedem restriktiven Eingriff muss ein sofortiges Debriefing sowie innerhalb von 72 Stunden ein formelles externes Review erfolgen.
Hintergrund
Gewalt und Aggression sind in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, insbesondere in der Psychiatrie und in Notaufnahmen, haeufige und ernsthafte Ereignisse. Die NICE-Leitlinie (NG10) behandelt das kurzfristige Management von Gewalt und physisch bedrohlichem Verhalten bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen. Oberstes Ziel ist es, restriktive Massnahmen durch praeventive Ansaetze und Deeskalation zu minimieren.
Praevention und Deeskalation
Restriktive Eingriffe duerfen nur angewendet werden, wenn Deeskalation und andere praeventive Strategien (inklusive Bedarfsmedikation) versagt haben.
- Bedarfsmedikation (p.r.n.): Darf nicht routinemaessig bei Aufnahme verordnet werden. Die maximale Tagesdosis muss spezifiziert sein.
- Deeskalation: Ein einzelner Mitarbeiter sollte die primaere Kommunikation uebernehmen. Es sollen verbale und non-verbale Techniken zur Beruhigung eingesetzt werden.
Beobachtungsstufen
| Stufe | Frequenz / Art | Indikation |
|---|---|---|
| Low-level intermittent | Alle 30-60 Minuten | Basis-Beobachtung |
| High-level intermittent | Alle 15-30 Minuten | Risiko fuer Gewalt/Aggression, aber keine unmittelbare Gefahr |
| Continuous | In Sicht- oder Armweite (1:1) | Unmittelbare Bedrohung |
| Multiprofessional continuous | Sichtweite (2-3 Mitarbeiter), Armweite (mind. 1) | Hoechstes Risiko fuer Fremd- oder Selbstgefaehrdung |
Manuelle Fixierung (Restraint)
Manuelle Fixierungen bergen hohe Risiken und muessen streng ueberwacht werden:
- Positionierung: Den Patienten nach Moeglichkeit nicht zu Boden bringen. Falls unumgaenglich, ist die Rueckenlage (supine) zu waehlen. Die Bauchlage (prone) ist auf ein absolutes Minimum zu beschraenken.
- Dauer: Routinemaessig nicht laenger als 10 Minuten anwenden.
- Sicherheit: Atemwege, Atmung und Kreislauf duerfen nicht beeintraechtigt werden (kein Druck auf Brustkorb, Hals oder Abdomen).
Medikamentoese Schnelltruhigstellung (Rapid Tranquillisation)
| Medikament | Applikation | Bemerkung / Indikation |
|---|---|---|
| Lorazepam | i.m. | Mittel der Wahl bei fehlender Antipsychotika-Anamnese, kardiovaskulaeren Vorerkrankungen (z.B. verlaengerte QT-Zeit) oder fehlendem EKG. |
| Haloperidol + Promethazin | i.m. | Alternative zu Lorazepam. Kontraindiziert bei kardiovaskulaeren Erkrankungen oder fehlendem EKG. |
Hinweis fuer Kinder und Jugendliche: Hier wird i.m. Lorazepam (dosisangepasst nach Alter und Gewicht) empfohlen.
Isolierung (Seclusion)
- Nur bei Erwachsenen zulaessig, die nach dem Mental Health Act untergebracht sind.
- Die Notwendigkeit muss mindestens alle 2 Stunden ueberprueft werden.
- Kinder: Duerfen nicht in einem verschlossenen Raum isoliert werden.
Management in der Notaufnahme
- Patienten mit psychischen Erkrankungen und aggressivem Verhalten duerfen nicht abgewiesen werden.
- Eine psychiatrische Beurteilung muss innerhalb von 1 Stunde erfolgen.
- In der Notaufnahme darf keine Isolierung (Seclusion) durchgefuehrt werden.
Post-Incident Management
Nach jedem restriktiven Eingriff (Fixierung, medikamentoese Beruhigung, Isolierung) muessen folgende Schritte erfolgen:
- Sofortiges Debriefing: Zur Identifikation von physischen Schaeden und zur emotionalen Unterstuetzung von Patienten und Personal.
- Formelles externes Review: Muss so schnell wie moeglich, spaetestens jedoch nach 72 Stunden, durchgefuehrt werden, um aus dem Vorfall zu lernen und zukuenftige Ereignisse zu vermeiden.
💡Praxis-Tipp
Fuehren Sie vor der Gabe von i.m. Haloperidol zur Schnelltruhigstellung immer ein EKG durch. Ist dies nicht moeglich oder liegt eine kardiovaskulaere Erkrankung vor, weichen Sie auf i.m. Lorazepam aus.