Antisoziale Persönlichkeitsstörung: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Patienten mit antisozialer Persönlichkeitsstörung (APS) dürfen nicht aufgrund ihrer Diagnose von Versorgungsangeboten ausgeschlossen werden.
- •Ein positiver, belohnender Therapieansatz ist erfolgreicher als ein strafender oder rein restriktiver Umgang.
- •Pharmakologische Interventionen sollen nicht routinemäßig zur Behandlung der APS oder assoziierter Aggression eingesetzt werden.
- •Kognitive und verhaltenstherapeutische Gruppeninterventionen werden zur Reduktion von impulsivem und straffälligem Verhalten empfohlen.
- •Komorbiditäten (z. B. Depressionen, Substanzmissbrauch) müssen konsequent und leitliniengerecht mitbehandelt werden.
Hintergrund
Die antisoziale Persönlichkeitsstörung (APS) ist gekennzeichnet durch Impulsivität, Rücksichtslosigkeit, Täuschung und instabile zwischenmenschliche Beziehungen. Betroffene lernen oft nicht aus Erfahrungen und zeigen eine Missachtung für die Gefühle anderer.
- Prävalenz: 3 % bei Männern und 1 % bei Frauen in der Allgemeinbevölkerung; knapp 50 % bei Inhaftierten.
- Verlauf: Der Diagnose geht häufig eine Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder) vor dem 15. Lebensjahr voraus.
- Komorbiditäten: Häufig vergesellschaftet mit Depressionen, Angststörungen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch.
Diagnostik und Assessment
Patienten mit APS dürfen nicht aufgrund ihrer Diagnose oder straffälligen Vorgeschichte von Gesundheits- oder Sozialdiensten ausgeschlossen werden. Die Diagnostik sollte umfassend sein und strukturierte Instrumente nutzen.
| Assessment-Bereich | Empfohlene Instrumente / Fokus | Bemerkung |
|---|---|---|
| Schweregrad der APS | PCL-R, PCL-SV | Routinemäßig in forensischen und spezialisierten Settings |
| Risikobewertung | HCR-20 | Zur Entwicklung einer strukturierten Risikomanagement-Strategie |
| Klinisches Assessment | Komorbiditäten, Coping-Strategien, häusliche Gewalt | Besonderer Fokus auf Depression, Angst und Substanzmissbrauch |
Risikobewertung und -management
Das Risikomanagement muss individuell angepasst werden. Bei der Einschätzung des Gewaltrisikos sind aktuelle und frühere Gewalttaten, Komorbiditäten und aktuelle Stressoren zu berücksichtigen.
- Primärversorgung: Überweisung an sekundäre oder forensische Dienste bei aktueller Gewalt, Drohungen oder einer Vorgeschichte schwerer Gewalt (insbesondere gegen Kinder oder andere vulnerable Personen).
- Hochrisiko-Patienten: Erstellung eines umfassenden Risikomanagementplans unter Einbeziehung von Bewährungshilfe und Multi-Agency Public Protection Panels.
Therapie und Management
Ein positiver und belohnender Ansatz ist erfolgreicher als ein strafender Ansatz, um Patienten in der Behandlung zu halten und die Motivation zu fördern.
| Therapieansatz | Indikation | Empfehlung |
|---|---|---|
| Psychologische Interventionen | Impulsivität, interpersonelle Probleme, straffälliges Verhalten | Kognitive und verhaltenstherapeutische Gruppeninterventionen (z. B. "Reasoning and Rehabilitation") |
| Pharmakotherapie | APS-Kernsymtome, Aggression, Impulsivität | Nicht routinemäßig einsetzen |
| Pharmakotherapie | Komorbide Störungen (Depression, Angst) | Nach entsprechenden NICE-Leitlinien behandeln; auf Adhärenz und Missbrauchsrisiko achten |
| Substanzmissbrauch | Opioid- oder Stimulanzienmissbrauch | Psychologische Interventionen (insb. Kontingenzmanagement) |
Psychopathie und DSPD
Personen mit Psychopathie oder "Dangerous and Severe Personality Disorder" (DSPD) stellen eine kleine Subgruppe dar, die jedoch ein sehr hohes Schadensrisiko für andere aufweist.
- Interventionen müssen für diese Gruppe angepasst werden (z. B. Verlängerung der Dauer, parallele Einzel- und Gruppensitzungen, Booster-Sitzungen).
- Das Personal benötigt ein hohes Maß an Unterstützung und enge Supervision, um das erhöhte Risiko und emotionale Belastungen zu bewältigen.
Stationäre Behandlung
- Eine stationäre Aufnahme sollte nur zur Krisenintervention oder zur Behandlung von Komorbiditäten erfolgen.
- Sie sollte kurz sein, einem vorab vereinbarten Krisenplan folgen und ein definiertes Ziel sowie einen Endpunkt haben.
- Eine Aufnahme ausschließlich zur Behandlung der APS wird nicht empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Vermeiden Sie einen strafenden Umgangston. Ein positiver, belohnender Ansatz fördert die Therapieadhärenz bei APS-Patienten deutlich besser. Setzen Sie Medikamente nicht zur reinen Verhaltenskontrolle (z. B. bei Aggression) ein, sondern fokussieren Sie sich auf die leitliniengerechte Behandlung von Komorbiditäten.