Epilepsie-Leitlinie (NICE): Diagnostik und Therapie
📋Auf einen Blick
- •Dringliche Ueberweisung (innerhalb von 2 Wochen) nach dem ersten Verdachtsanfall oder bei Rezidiv nach Remission.
- •Ein 12-Kanal-EKG wird nach dem ersten Anfall empfohlen; ein EEG darf eine Epilepsie nicht ausschliessen.
- •MRT ist der Standard fuer die Bildgebung, ausser bei idiopathischer generalisierter oder selbstlimitierender Epilepsie.
- •Monotherapie ist die bevorzugte Behandlungsstrategie; Valproat unterliegt strengen Sicherheitsauflagen.
- •Die Wahl des Antiepileptikums richtet sich spezifisch nach der Anfallsart (z. B. Ethosuximid bei Absencen).
Hintergrund
Die Epilepsie erfordert eine praezise Diagnostik und eine individuell abgestimmte Therapie. Die vorliegende NICE-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur Beurteilung nach einem Erstanfall, zur Diagnostik sowie zur medikamentoesen Behandlung verschiedener Anfallsarten und Epilepsiesyndrome bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Diagnostik und Assessment
Nach einem ersten Verdachtsanfall oder einem Rezidiv nach Remission muss dringlich (innerhalb von 2 Wochen) eine Ueberweisung an einen Spezialisten erfolgen.
| Massnahme | Indikation | Kernaussage |
|---|---|---|
| 12-Kanal-EKG | Nach jedem ersten Verdachtsanfall | Dient dem Ausschluss kardialer Ursachen, die einen Anfall imitieren koennten. |
| EEG | Bei Verdacht auf epileptischen Anfall | Darf nicht zum Ausschluss einer Epilepsie verwendet werden. Idealerweise innerhalb von 72 Stunden durchfuehren. |
| MRT | Standard-Bildgebung | Indiziert fuer alle, ausser bei idiopathischer generalisierter Epilepsie oder selbstlimitierender Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes. |
| Genetik | Unklare Aetiologie | Erwaegung einer Whole-Genome-Sequencing bei Beginn <2 Jahren oder spezifischen klinischen Merkmalen. |
Therapieprinzipien
Die Behandlung sollte idealerweise als Monotherapie erfolgen. Wenn die erste Wahl nicht wirksam ist, sollte eine alternative Monotherapie versucht werden, bevor eine Kombinationstherapie (Add-on) erwogen wird.
- Start der Therapie: Nach gesicherter Diagnose. Nach einem ersten unprovozierten Anfall kann eine Therapie erwogen werden, wenn neurologische Defizite, eindeutige EEG-Veraenderungen oder strukturelle MRT-Anomalien vorliegen.
- Beendigung: Kann nach 2 Jahren Anfallsfreiheit basierend auf einer individuellen Risikobewertung erwogen werden. Das Ausschleichen sollte schrittweise ueber mindestens 3 Monate erfolgen.
Medikamentoese Therapie nach Anfallsart
Die Wahl des Antiepileptikums richtet sich nach der spezifischen Anfallsart:
| Anfallsart | 1. Wahl (Monotherapie) | 2. Wahl / Add-on |
|---|---|---|
| Generalisierte tonisch-klonische Anfaelle | Lamotrigin, Levetiracetam, Valproat | Clobazam, Perampanel, Topiramat |
| Fokale Anfaelle | Lamotrigin, Levetiracetam | Carbamazepin, Oxcarbazepin, Zonisamid |
| Absencen | Ethosuximid | Lamotrigin, Levetiracetam, Valproat |
| Myoklonische Anfaelle | Levetiracetam, Valproat | Brivaracetam, Clobazam, Clonazepam |
| Tonische oder atonische Anfaelle | Lamotrigin, Valproat | Clobazam, Rufinamid, Topiramat |
| Idiopathische generalisierte Epilepsien | Lamotrigin, Levetiracetam, Valproat | Perampanel, Topiramat |
Spezielle Epilepsiesyndrome im Kindesalter
| Syndrom | 1. Wahl | Bemerkung |
|---|---|---|
| Dravet-Syndrom | Valproat | Bei Versagen: Triple-Therapie (Valproat + Stiripentol + Clobazam). |
| Lennox-Gastaut-Syndrom | Valproat | 2. Wahl: Lamotrigin. |
| BNS-Epilepsie (Infantile Spasmen) | Prednisolon + Vigabatrin | Dringliche Ueberweisung (<24h) an paediatrischen Neurologen. |
| Selbstlimitierende Epilepsie (zentrotemporale Spikes) | Lamotrigin, Levetiracetam | Therapieentscheidung individuell mit Eltern/Kind abwaegen. |
Sicherheit und Monitoring
Besondere Vorsicht ist bei der Verordnung von Valproat und Topiramat geboten:
- Valproat bei unter 55-Jaehrigen: Darf nur neu angesetzt werden, wenn zwei Spezialisten dokumentieren, dass keine andere Therapie wirksam oder tolerabel ist.
- Frauen im gebaerfaehigen Alter: Valproat und Topiramat duerfen nur unter Einhaltung eines Schwangerschaftsverhuetungsprogramms verordnet werden.
- Maenner: Bei Kinderwunsch innerhalb des naechsten Jahres unter Valproat ist eine Ueberweisung an einen Spezialisten zur Ueberpruefung der Medikation erforderlich.
- Knochengesundheit: Langzeittherapien (z. B. mit Carbamazepin, Phenytoin, Valproat) erhoehen das Risiko fuer Osteomalazie. Vitamin-D- und Calcium-Substitution erwaegen.
Regelmaessige (mindestens jaehrliche) Reviews sind fuer Patienten mit Lernbehinderungen, medikamentenresistenter Epilepsie oder hohem SUDEP-Risiko (Sudden Unexpected Death in Epilepsy) obligatorisch.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie nach einem ersten Verdachtsanfall immer ein 12-Kanal-EKG durch, um kardiale Synkopen auszuschließen, und nutzen Sie das EEG niemals zum Ausschluss einer Epilepsie.