Depression bei Erwachsenen: NICE-Leitlinie 2024
📋Auf einen Blick
- •Die Leitlinie teilt Depressionen zur besseren klinischen Anwendbarkeit in 'weniger schwer' (PHQ-9 < 16) und 'schwerer' (PHQ-9 ≥ 16) ein.
- •Bei weniger schweren Depressionen sind Antidepressiva nicht routinemäßig die Therapie der ersten Wahl.
- •SSRI gelten als Antidepressiva der ersten Wahl; trizyklische Antidepressiva (außer Lofepramin) sollten wegen ihrer Toxizität bei Überdosierung gemieden werden.
- •Die erste Verlaufskontrolle nach Start eines Antidepressivums sollte nach 2 Wochen erfolgen (nach 1 Woche bei 18- bis 25-Jährigen oder Suizidrisiko).
- •Zur Rezidivprophylaxe sollte die Therapie nach Remission für mindestens 6 Monate fortgeführt werden.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie definiert Depression entlang eines Kontinuums aus Symptomen, Dauer und funktionellen Einschränkungen. Zur besseren klinischen Anwendbarkeit und Steuerung der Therapie wird eine neue Einteilung basierend auf validierten Skalen (z. B. PHQ-9) vorgenommen:
- Weniger schwere Depression: Umfasst unterschwellige und leichte Depressionen (PHQ-9 Score < 16).
- Schwerere Depression: Umfasst mittelgradige und schwere Depressionen (PHQ-9 Score ≥ 16).
Diagnostik und Risikobewertung
Bei Verdacht auf eine Depression sollen zwei Screening-Fragen zum letzten Monat gestellt werden (Verlust von Interesse/Freude sowie Gefühl der Niedergeschlagenheit/Hoffnungslosigkeit).
Jeder Patient muss direkt nach Suizidgedanken und -absichten gefragt werden. Wichtig: Eine indizierte Depressionsbehandlung darf aufgrund eines Suizidrisikos nicht vorenthalten werden.
Therapie der weniger schweren Depression
Bei einer neuen Episode einer weniger schweren Depression (PHQ-9 < 16) sollen Antidepressiva nicht routinemäßig als Erstlinientherapie angeboten werden, es sei denn, dies ist die ausdrückliche und informierte Präferenz des Patienten.
| Therapieoption | Format | Bemerkung |
|---|---|---|
| Angeleitete Selbsthilfe | Digital/Print + Betreuer | 6-8 Sitzungen, erfordert Eigenmotivation |
| Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Gruppe oder Einzel | Fokussiert auf Gedanken, Gefühle und Verhalten |
| Verhaltensaktivierung (BA) | Gruppe oder Einzel | Fokus auf Verbindung zwischen Aktivität und Stimmung |
| Gruppen-Sportprogramm | Gruppe | >1x wöchentlich für 10 Wochen, aerobe Bewegung |
| Achtsamkeit & Meditation | Gruppe | Fokus auf das Hier und Jetzt, Atemübungen |
| Interpersonelle Psychotherapie (IPT) | Einzel | Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen |
| SSRI | Medikamentös | Nur auf Patientenwunsch, Wirkeintritt nach ca. 4 Wochen |
Therapie der schwereren Depression
Bei einer schwereren Depression (PHQ-9 ≥ 16) sollten intensivere Therapien oder Kombinationen angeboten werden. Die Wahl erfolgt in gemeinsamer Entscheidungsfindung (Shared Decision Making).
| Therapieoption | Format | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kombinationstherapie | KVT + Antidepressivum | Bietet sofortige Unterstützung bis das Medikament wirkt |
| Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Einzel | Meist 16 Sitzungen |
| Verhaltensaktivierung (BA) | Einzel | 12-16 Sitzungen |
| Antidepressiva | Medikamentös | SSRI als erste Wahl, regelmäßiges Monitoring |
| Problemlösetherapie | Einzel | 6-12 Sitzungen, zielorientiert |
| Interpersonelle Psychotherapie (IPT) | Einzel | 16 Sitzungen |
Pharmakotherapie: Antidepressiva
- Auswahl: SSRI sind meist die erste Wahl aufgrund ihres guten Sicherheitsprofils. Trizyklische Antidepressiva (TZA) sind bei Überdosierung gefährlich (Ausnahme: Lofepramin).
- Monitoring: Die erste Kontrolle auf Besserung und Nebenwirkungen erfolgt nach 2 Wochen. Bei Patienten im Alter von 18-25 Jahren oder bei Suizidrisiko muss die Kontrolle bereits nach 1 Woche erfolgen.
- Dauer: Nach Remission der Symptome sollte die Therapie für mindestens 6 Monate fortgeführt werden, um Rückfälle zu vermeiden.
- Absetzen: Antidepressiva müssen schrittweise ausgeschlichen werden ("Tapering"), um Absetzsymptome (z. B. Schwindel, elektrische Schlag-Gefühle, Unruhe, Schlafprobleme) zu minimieren. Die Geschwindigkeit richtet sich nach der Halbwertszeit des Medikaments und der Verträglichkeit für den Patienten.
Rezidivprophylaxe und weitere Therapielinien
Patienten mit hohem Rezidivrisiko (z. B. häufige Episoden in den letzten 2 Jahren, unvollständige Remission) sollten die medikamentöse Therapie beibehalten oder eine psychologische Therapie (z. B. Gruppen-KVT oder MBCT) zur Rückfallprävention erhalten.
Bei fehlendem Ansprechen nach 4 Wochen (Medikamente) bzw. 4-6 Wochen (Psychotherapie) sollten Adhärenz und Begleiterkrankungen geprüft werden. Optionen umfassen den Wechsel der Therapie, Dosissteigerung oder Kombinationstherapien (z. B. Augmentation mit Lithium oder Antipsychotika in der Sekundärversorgung). Die Elektrokrampftherapie (EKT) kann bei schwerer, lebensbedrohlicher Depression (z. B. Nahrungsverweigerung) erwogen werden.
💡Praxis-Tipp
Bestellen Sie Patienten im Alter von 18 bis 25 Jahren oder mit erhöhtem Suizidrisiko zwingend bereits 1 Woche nach Beginn einer Antidepressiva-Therapie zur ersten klinischen Verlaufskontrolle ein.