Inositol bei Frühgeborenen (IRDS): Therapie-Empfehlung
Hintergrund
Inositol ist ein essenzieller Nährstoff, der das Wachstum und Überleben von Zellen fördert. Bei Frühgeborenen spielt es eine wichtige Rolle bei der Reifung von Surfactant-Komponenten.
Ein Abfall des Inositolspiegels bei Säuglingen mit Atemnotsyndrom (RDS) kann auf einen schweren Krankheitsverlauf hindeuten. Daher wurde in der Vergangenheit untersucht, ob eine therapeutische Supplementierung klinische Vorteile bietet.
Der vorliegende Cochrane Review aus dem Jahr 2019 aktualisiert frühere Auswertungen durch die Einbeziehung zweier neuer, großer und qualitativ hochwertiger Studien. Diese untersuchten besonders vulnerable Frühgeborene mit einem Gestationsalter von unter 30 Wochen.
Empfehlungen
Der Cochrane Review formuliert basierend auf der aktuellen Evidenzlage klare Schlussfolgerungen zur Inositol-Supplementierung.
Klinische Wirksamkeit
Die Autoren des Reviews stellen fest, dass die Gabe von Inositol zu keiner signifikanten Reduktion wichtiger unerwünschter neonataler Endpunkte führt. Dies betrifft laut den Studiendaten insbesondere:
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Säuglingssterblichkeit
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Retinopathie des Frühgeborenen (ROP) ab Stadium 3 oder Typ-1-ROP
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Intraventrikuläre Blutungen (IVH) der Grade 3 oder 4
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Bronchopulmonale Dysplasie (BPD)
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Nekrotisierende Enterokolitis (NEC) und Sepsis
Empfehlung zur Routineversorgung
Aufgrund der fehlenden Wirksamkeitsnachweise wird von den Autoren geschlussfolgert, dass Inositol nicht routinemäßig als Teil der Ernährungsstrategie bei Frühgeborenen mit oder ohne Atemnotsyndrom eingesetzt werden sollte (hohe bis moderate Evidenz).
Forschungsausblick
Die Durchführung weiterer Studien zur Inositol-Supplementierung bei Neugeborenen wird von den Verfassern des Reviews nicht empfohlen. Es wird jedoch betont, dass bereits in Studien eingeschlossene Kinder langfristig nachbeobachtet werden sollten, um mögliche Auswirkungen auf die neuronale Entwicklung zu erfassen.
Kontraindikationen
Der Review weist auf ernsthafte Sicherheitsbedenken hin, die in den neueren Studien beobachtet wurden. Eine große Studie musste vorzeitig abgebrochen werden, da in der Inositol-Gruppe eine statistisch signifikant höhere Sterblichkeitsrate auftrat.
Zudem deuten die Daten auf eine mögliche Assoziation zwischen der Inositol-Gabe und einem erhöhten Risiko für eine spät einsetzende Sepsis hin. In-vitro-Daten legen nahe, dass bestimmte intrazelluläre Bakterien Inositol als Energiequelle nutzen und so Infektionen begünstigen könnten.
💡Praxis-Tipp
Der wichtigste Aspekt für den klinischen Alltag ist die Abkehr von früheren, potenziell positiven Einschätzungen zur Inositol-Gabe. Laut Review zeigen neuere, qualitativ hochwertige Daten keinen klinischen Nutzen. Zudem wird auf eine Studie verwiesen, die aufgrund einer erhöhten Mortalität in der Interventionsgruppe vorzeitig abgebrochen werden musste.
Häufig gestellte Fragen
Neuere, groß angelegte Studien konnten frühere positive Ergebnisse nicht bestätigen. Der Cochrane Review zeigt, dass Inositol weder die Sterblichkeit noch Komplikationen wie BPD oder ROP signifikant senkt.
Der Review berichtet von einer Studie, die wegen einer signifikant erhöhten Sterblichkeitsrate in der Inositol-Gruppe abgebrochen wurde. Zudem gibt es Hinweise auf ein möglicherweise erhöhtes Risiko für spät einsetzende Septikämien.
Die Autoren des Reviews sprechen sich klar gegen weitere Studien zur Inositol-Supplementierung bei Neugeborenen aus. Die aktuelle Evidenzlage wird als ausreichend erachtet, um einen fehlenden Nutzen zu belegen.
Inositol ist natürlicherweise in hoher Konzentration in der Muttermilch enthalten und fördert die Reifung von Surfactant. Ein Abfall des Inositolspiegels bei einem Atemnotsyndrom gilt als Indikator für einen schweren Krankheitsverlauf, weshalb eine Supplementierung ursprünglich als vielversprechend galt.
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Quelle: Cochrane Review: Inositol in preterm infants at risk for or having respiratory distress syndrome (Cochrane, 2019). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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