Antibiotic Stewardship bei Pandemien: SHEA-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Bakterielle Koinfektionen sind bei Krankenhausaufnahme wegen COVID-19 selten (3,1-5,5 %).
- •Auf empirische Breitbandantibiotika sollte bei hoher Wahrscheinlichkeit für eine virale Genese verzichtet werden.
- •Entzündungsparameter wie CRP oder Procalcitonin rechtfertigen allein keine Antibiotikagabe.
- •Eine Reevaluation und Deeskalation der Antibiotikatherapie muss nach 48 bis 72 Stunden erfolgen.
- •Antibiotic Stewardship Programme (ASP) sollten fest in das klinische Krisenmanagement integriert werden.
Hintergrund
Während der COVID-19-Pandemie kam es zu einem massiven Anstieg inadäquater Antibiotikaverschreibungen. Die Sorge vor bakteriellen Koinfektionen, diagnostische Unsicherheit und der Wunsch nach therapeutischer Intervention bei kritisch Kranken führten zu einem Übergebrauch. Tatsächlich liegt die Rate echter bakterieller Koinfektionen bei Krankenhausaufnahme wegen COVID-19 jedoch nur bei 3,1 % bis 5,5 %. Inadäquate Antibiotikagaben fördern die Entstehung multiresistenter Erreger (MDROs) und erhöhen das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen sowie Clostridioides difficile-Infektionen.
Diagnostik bei Aufnahme
Die klinische Unterscheidung zwischen schwerer viraler Pneumonie und bakterieller Koinfektion ist komplex. Entzündungsparameter sind bei COVID-19 oft krankheitsbedingt erhöht und kein verlässlicher Indikator für eine bakterielle Infektion.
| Diagnostik | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Entzündungsmarker (CRP, LDH, D-Dimer, Ferritin) | Bestimmung bei kritisch Kranken empfohlen | Dienen der Beurteilung der viralen Krankheitsschwere, nicht als Indikation für Antibiotika. |
| Procalcitonin (PCT) | Keine routinemäßige Bestimmung zum Start einer Antibiose | PCT ist bei COVID-19 oft Ausdruck der Schwere der Viruserkrankung, nicht zwingend einer bakteriellen Koinfektion. |
| Blutkulturen & Multiplex-PCR | Nur bei klinischem Verdacht oder Intensivpatienten | Nicht empfohlen bei stabilen Patienten auf Normalstation ohne Zeichen einer bakteriellen Infektion. |
| Bildgebung | Röntgen-Thorax zur Ausdehnungsbeurteilung | Keine täglichen Routine-Röntgenbilder. CT nur bei therapeutischer Konsequenz (z.B. Lungenembolie). |
Indikation und Wahl der Antibiotikatherapie
Der Einsatz von Antibiotika sollte bei Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine virale Atemwegsinfektion (wie SARS-CoV-2 oder Influenza) streng limitiert werden.
| Stufe | Klinische Situation | Therapieempfehlung |
|---|---|---|
| 1 | Aufnahme aus der Häuslichkeit mit Verdacht auf Koinfektion | Therapie gemäß Leitlinien für ambulant erworbene Pneumonie (CAP). Keine Breitbandantibiotika gegen P. aeruginosa. |
| 2 | Nachweis einer Influenza-Koinfektion | Gezielte antivirale Therapie (z.B. Oseltamivir) erwägen. |
| 3 | Hospitalisierung >48-72 Stunden mit neuen Infektzeichen | Erhöhtes Risiko für nosokomiale Infektionen (HAI). Breitbandantibiotika inkl. Abdeckung krankenhausspezifischer Erreger erwägen. |
Reevaluation und Deeskalation
Wenn eine empirische Antibiotikatherapie begonnen wurde, ist eine zeitnahe Reevaluation zwingend erforderlich:
- Mikrobiologische Diagnostik: Vor Antibiotikagabe anstreben (z.B. Sputumkultur).
- MRSA-Abstrich: Bei Start einer empirischen Anti-MRSA-Therapie (z.B. Vancomycin) nasalen Abstrich durchführen. Bei negativem Ergebnis Therapie deeskalieren.
- Zeitfenster: Überprüfung der Indikation nach 48 bis 72 Stunden.
- Deeskalation: Bei fehlendem Erregernachweis und klinischem Ansprechen auf die virale Grunderkrankung Antibiotika absetzen. Procalcitonin-Werte können hierbei als Entscheidungshilfe dienen.
- Pilzdiagnostik: Keine routinemäßige Testung ohne spezifischen klinischen Verdacht.
Rolle der Antibiotic Stewardship Programme (ASP)
ASPs spielen eine zentrale Rolle bei der Bewältigung von Pandemien und sollten in das Krisenmanagement der Klinik integriert werden.
| Phase | ASP-Aufgaben im Krisenmanagement |
|---|---|
| Vorbereitung (Preparedness) | Integration der ASP-Funktionen in den Notfallplan (Emergency Operations Plan) der Klinik. |
| Eindämmung (Mitigation) | Beratung zu Erregereigenschaften, Überwachung von Medikamentenengpässen und Schulung des Personals. |
| Reaktion (Response) | Erstellung und Aktualisierung von Behandlungsleitlinien, tägliche Visiten zur Deeskalation. |
| Erholung (Recovery) | Analyse der Maßnahmen, Anpassung der Protokolle für zukünftige Krisen. |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie den nasalen MRSA-Abstrich zum sicheren Ausschluss und zur zügigen Deeskalation einer empirischen Anti-MRSA-Therapie. Setzen Sie empirische Antibiotika konsequent nach 48-72 Stunden ab, wenn keine bakteriellen Erreger nachgewiesen werden.