ClariMedClariMed
Infectious Diseases Society of America (IDSA)2022InfektiologiePublic Health

Antibiotic Stewardship bei Pandemien: SHEA-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Infectious Diseases Society of America (IDSA) Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bakterielle Koinfektionen sind bei Krankenhausaufnahme wegen COVID-19 selten (3,1-5,5 %).
  • Auf empirische Breitbandantibiotika sollte bei hoher Wahrscheinlichkeit für eine virale Genese verzichtet werden.
  • Entzündungsparameter wie CRP oder Procalcitonin rechtfertigen allein keine Antibiotikagabe.
  • Eine Reevaluation und Deeskalation der Antibiotikatherapie muss nach 48 bis 72 Stunden erfolgen.
  • Antibiotic Stewardship Programme (ASP) sollten fest in das klinische Krisenmanagement integriert werden.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Während der COVID-19-Pandemie kam es zu einem massiven Anstieg inadäquater Antibiotikaverschreibungen. Die Sorge vor bakteriellen Koinfektionen, diagnostische Unsicherheit und der Wunsch nach therapeutischer Intervention bei kritisch Kranken führten zu einem Übergebrauch. Tatsächlich liegt die Rate echter bakterieller Koinfektionen bei Krankenhausaufnahme wegen COVID-19 jedoch nur bei 3,1 % bis 5,5 %. Inadäquate Antibiotikagaben fördern die Entstehung multiresistenter Erreger (MDROs) und erhöhen das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen sowie Clostridioides difficile-Infektionen.

Diagnostik bei Aufnahme

Die klinische Unterscheidung zwischen schwerer viraler Pneumonie und bakterieller Koinfektion ist komplex. Entzündungsparameter sind bei COVID-19 oft krankheitsbedingt erhöht und kein verlässlicher Indikator für eine bakterielle Infektion.

DiagnostikEmpfehlungBemerkung
Entzündungsmarker (CRP, LDH, D-Dimer, Ferritin)Bestimmung bei kritisch Kranken empfohlenDienen der Beurteilung der viralen Krankheitsschwere, nicht als Indikation für Antibiotika.
Procalcitonin (PCT)Keine routinemäßige Bestimmung zum Start einer AntibiosePCT ist bei COVID-19 oft Ausdruck der Schwere der Viruserkrankung, nicht zwingend einer bakteriellen Koinfektion.
Blutkulturen & Multiplex-PCRNur bei klinischem Verdacht oder IntensivpatientenNicht empfohlen bei stabilen Patienten auf Normalstation ohne Zeichen einer bakteriellen Infektion.
BildgebungRöntgen-Thorax zur AusdehnungsbeurteilungKeine täglichen Routine-Röntgenbilder. CT nur bei therapeutischer Konsequenz (z.B. Lungenembolie).

Indikation und Wahl der Antibiotikatherapie

Der Einsatz von Antibiotika sollte bei Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine virale Atemwegsinfektion (wie SARS-CoV-2 oder Influenza) streng limitiert werden.

StufeKlinische SituationTherapieempfehlung
1Aufnahme aus der Häuslichkeit mit Verdacht auf KoinfektionTherapie gemäß Leitlinien für ambulant erworbene Pneumonie (CAP). Keine Breitbandantibiotika gegen P. aeruginosa.
2Nachweis einer Influenza-KoinfektionGezielte antivirale Therapie (z.B. Oseltamivir) erwägen.
3Hospitalisierung >48-72 Stunden mit neuen InfektzeichenErhöhtes Risiko für nosokomiale Infektionen (HAI). Breitbandantibiotika inkl. Abdeckung krankenhausspezifischer Erreger erwägen.

Reevaluation und Deeskalation

Wenn eine empirische Antibiotikatherapie begonnen wurde, ist eine zeitnahe Reevaluation zwingend erforderlich:

  • Mikrobiologische Diagnostik: Vor Antibiotikagabe anstreben (z.B. Sputumkultur).
  • MRSA-Abstrich: Bei Start einer empirischen Anti-MRSA-Therapie (z.B. Vancomycin) nasalen Abstrich durchführen. Bei negativem Ergebnis Therapie deeskalieren.
  • Zeitfenster: Überprüfung der Indikation nach 48 bis 72 Stunden.
  • Deeskalation: Bei fehlendem Erregernachweis und klinischem Ansprechen auf die virale Grunderkrankung Antibiotika absetzen. Procalcitonin-Werte können hierbei als Entscheidungshilfe dienen.
  • Pilzdiagnostik: Keine routinemäßige Testung ohne spezifischen klinischen Verdacht.

Rolle der Antibiotic Stewardship Programme (ASP)

ASPs spielen eine zentrale Rolle bei der Bewältigung von Pandemien und sollten in das Krisenmanagement der Klinik integriert werden.

PhaseASP-Aufgaben im Krisenmanagement
Vorbereitung (Preparedness)Integration der ASP-Funktionen in den Notfallplan (Emergency Operations Plan) der Klinik.
Eindämmung (Mitigation)Beratung zu Erregereigenschaften, Überwachung von Medikamentenengpässen und Schulung des Personals.
Reaktion (Response)Erstellung und Aktualisierung von Behandlungsleitlinien, tägliche Visiten zur Deeskalation.
Erholung (Recovery)Analyse der Maßnahmen, Anpassung der Protokolle für zukünftige Krisen.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie den nasalen MRSA-Abstrich zum sicheren Ausschluss und zur zügigen Deeskalation einer empirischen Anti-MRSA-Therapie. Setzen Sie empirische Antibiotika konsequent nach 48-72 Stunden ab, wenn keine bakteriellen Erreger nachgewiesen werden.

Häufig gestellte Fragen

Bei Krankenhausaufnahme sind sie mit 3,1 % bis 5,5 % sehr selten. Auf Intensivstationen und im längeren Verlauf treten nosokomiale Infektionen jedoch häufiger auf.
Nein, Procalcitonin sollte bei viralen Pandemien nicht routinemäßig zum Start einer Antibiotikatherapie genutzt werden, da es oft krankheitsbedingt erhöht ist. Es kann jedoch bei der Deeskalation helfen.
Falls klinisch indiziert, sollte eine Therapie gemäß den Leitlinien für ambulant erworbene Pneumonien (CAP) erfolgen. Breitbandantibiotika gegen P. aeruginosa sind bei Aufnahme aus der Häuslichkeit nicht empfohlen.
Nur bei kritisch kranken Patienten (Intensivstation) oder bei Patienten, die eine Breitbandantibiose benötigen. Bei stabilen Patienten auf Normalstation ohne Zeichen einer bakteriellen Infektion sind sie nicht empfohlen.

Verwandte Leitlinien