SSI-Prävention bei Extremitätentrauma: Leitlinie (IDSA)
📋Auf einen Blick
- •Die frühzeitige systemische Antibiotikagabe (Cefazolin/Clindamycin) senkt das Infektionsrisiko bei offenen Frakturen.
- •Wundspülungen sollten ausschließlich mit reiner Kochsalzlösung ohne Zusätze durchgeführt werden.
- •Ein definitiver Wundverschluss oder eine Weichteildeckung sollte innerhalb von 7 Tagen erfolgen.
- •Bei offenen Frakturen bietet die Vakuumtherapie (NPWT) keinen Vorteil gegenüber Standardverbänden.
- •Rauchen, Diabetes, Adipositas und Alkoholabusus sind signifikante Risikofaktoren für Wundinfektionen.
Hintergrund
Schwere Extremitätentraumata, insbesondere offene Frakturen, gehen mit einem hohen Risiko für postoperative Wundinfektionen (Surgical Site Infections, SSI) einher. Die vorliegende Leitlinie der AAOS und IDSA fasst evidenzbasierte Strategien zur Infektionsprävention zusammen.
Antibiotikaprophylaxe
Die frühzeitige und korrekte Antibiotikagabe ist essenziell zur Reduktion von tiefen Infektionen.
| Therapieansatz | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Initiale Gabe | Frühestmögliche Verabreichung nach dem Trauma bei offenen Frakturen. | Moderat |
| Systemische Prophylaxe | Cefazolin oder Clindamycin als Standard. Bei Typ III (und ggf. Typ II) offener Fraktur: Zusätzliche gramnegative Abdeckung (z. B. Piperacillin-Tazobactam). | Stark |
| Lokale Antibiotika | Einsatz von Vancomycin-Pulver, Tobramycin-Ketten oder Gentamicin-beschichteten Nägeln kann vorteilhaft sein. | Moderat |
Chirurgisches Management und Wundversorgung
Das initiale Debridement und die Wundspülung legen den Grundstein für eine erfolgreiche Infektionsprävention.
- Operationszeitpunkt: Ein Debridement und eine Spülung sollten so bald wie möglich, idealerweise innerhalb von 24 Stunden, erfolgen.
- Wundspülung: Es wird ausdrücklich reine Kochsalzlösung (ohne Zusätze) empfohlen. Zusätze wie Seife oder Antibiotika bieten keinen Vorteil. (Starke Empfehlung)
- Frakturfixation: Eine definitive Fixation und ein primärer Wundverschluss sind bei ausgewählten Patienten möglich. Ein temporärer Fixateur externe bleibt eine valide Option.
- Wundverschluss: Ein offener Wundverschluss wird empfohlen, sofern dies ohne grobe Kontamination machbar ist. (Starke Empfehlung)
- Weichteildeckung: Eine definitive Wunddeckung (z. B. durch Lappenplastiken) sollte innerhalb von 7 Tagen nach dem Trauma erfolgen.
Spezifische Wundverbände und Vakuumtherapie
Die Evidenz zur Unterdruck-Wundtherapie (NPWT) unterscheidet sich je nach Frakturtyp:
| Frakturtyp / Wunde | Empfehlung zur NPWT | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Geschlossene Frakturen | NPWT kann das Risiko für Revisionsoperationen oder SSI senken. | Stark |
| Offene Frakturen | Kein Vorteil der NPWT gegenüber versiegelten Standardverbänden. Keine Reduktion von Komplikationen oder Amputationen. | Stark |
| Hochrisiko-Inzisionen | (z. B. Pilon-, Tibiaplateau-, Calcaneusfrakturen): Inzisionale NPWT kann erwogen werden. | Limitiert |
Silberbeschichtete Verbände werden nicht empfohlen, da sie weder das klinische Outcome verbessern noch Pin-Infektionen bei Fixateur externe reduzieren.
Risikofaktoren für Wundinfektionen
Patienten sollten über modifizierbare Risikofaktoren aufgeklärt werden, die das SSI-Risiko erhöhen:
| Risikofaktor | Einfluss auf SSI-Risiko | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Rauchen & Diabetes | Erhöhtes Risiko | Stark |
| Adipositas | Erhöhtes Risiko | Moderat |
| Alkoholabusus | Erhöhtes Risiko (> 14 Einheiten/Woche) | Moderat |
| Hypoalbuminämie | Erhöhtes Risiko (< 36 g/L) | Limitiert |
| Hyperglykämie | Erhöhtes Risiko (postoperativ > 125 mg/dL) | Limitiert |
Hinweis: Eine hohe perioperative Sauerstofffraktion (FIO2), präoperative Transfusionen oder ein präoperativer MRSA-Status zeigten keinen signifikanten Einfluss auf das Infektionsrisiko.
Präoperative Hautvorbereitung
Mangels harter Evidenz empfiehlt die Arbeitsgruppe als Konsens:
- Perioperative nasale und ganzkörperliche Dekolonisierung, wenn möglich.
- Präoperatives Duschen/Baden mit Seife oder Antiseptikum.
- Chirurgische Hautdesinfektion mit einem alkoholbasierten Antiseptikum.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei der initialen Wundspülung offener Frakturen auf antibiotische oder antiseptische Zusätze – reine Kochsalzlösung ist ausreichend und evidenzbasiert sicherer.