Periprothetische Gelenkinfektion: Leitlinie (AAOS)
📋Auf einen Blick
- •Adipositas ist ein gesicherter Risikofaktor (moderater Empfehlungsgrad) für periprothetische Gelenkinfektionen.
- •Zur präoperativen Diagnostik werden die Serum-Biomarker BSG, CRP und Interleukin-6 stark empfohlen.
- •Die intraoperative Gram-Färbung sollte zum Ausschluss einer PJI nicht verwendet werden.
- •Vor der Gewinnung von intraartikulären Kulturen sollten Antibiotika nach Möglichkeit für zwei Wochen pausiert werden.
- •Histopathologische Untersuchungen von periprothetischem Gewebe sind ein starker intraoperativer Diagnosepfeiler.
Hintergrund
Die periprothetische Gelenkinfektion (PJI) nach Hüft- oder Kniegelenkersatz stellt eine schwerwiegende Komplikation dar. Die vorliegende Leitlinie der American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS) bewertet evidenzbasierte Strategien zur Prävention und Diagnostik.
Risikofaktoren für eine PJI
Die Leitlinie bewertet verschiedene Patientenmerkmale hinsichtlich ihres Risikos für die Entstehung einer PJI.
| Risikofaktor | Empfehlungsgrad | Bemerkung |
|---|---|---|
| Adipositas | Moderat | Assoziiert mit einem erhöhten PJI-Risiko. |
| Vorherige intraartikuläre Injektionen | Limitiert | Zeitabhängige Assoziation mit erhöhtem Risiko. |
| Diabetes, Anämie, Leber-/Nierenerkrankungen, Tabakkonsum | Limitiert | Erhöhtes Risiko bei Vorliegen dieser und weiterer Komorbiditäten. |
| Aktive Infektionen, Immunsuppression (HIV), Autoimmunerkrankungen | Konsens | Erhöhtes Risiko; sorgfältige Abwägung vor der Operation zwingend erforderlich. |
Präoperative Diagnostik (Bluttests)
Zur präoperativen Abklärung einer PJI werden spezifische Serum-Biomarker empfohlen, während andere keinen klinischen Nutzen zeigen.
| Biomarker | Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Erythrozytensedimentationsrate (BSG/ESR) | Empfohlen | Stark |
| C-reaktives Protein (CRP) | Empfohlen | Stark |
| Interleukin-6 | Empfohlen | Stark |
| Periphere Leukozytenzahl | Nicht empfohlen | Moderat |
| Tumornekrosefaktor-α (TNF-α) | Nicht empfohlen | Moderat |
Synovial- und Intraoperative Diagnostik
Die Diagnosesicherung erfolgt über die Analyse der Synovialflüssigkeit sowie intraoperativ gewonnener Proben.
- Synovialflüssigkeit (Moderater Empfehlungsgrad): Empfohlen werden Leukozytenzahl, Neutrophilen-Prozentsatz, aerobe/anaerobe Kulturen, Leukozytenesterase, Alpha-Defensin, CRP und PCR für Bakterien.
- Histopathologie (Starker Empfehlungsgrad): Die histopathologische Untersuchung wird zur Diagnosesicherung stark empfohlen.
- Intraoperative Kulturen (Moderater Empfehlungsgrad): Multiple Gewebekulturen sowie Kulturen und PCR der Sonikationsflüssigkeit des Implantats werden empfohlen.
- Gram-Färbung (Moderater Empfehlungsgrad): Die intraoperative Gram-Färbung soll nicht zum Ausschluss einer PJI verwendet werden.
Prävention und Perioperatives Management
| Maßnahme | Empfehlung / Indikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Antibiotika-Karenz vor Kultur | Mindestens 2 Wochen vor intraartikulärer Kultur pausieren. | Limitiert |
| Perioperative Antibiose | Gabe vor Revisionschirurgie bei geringem PJI-Verdacht oder bekanntem Erreger. | Stark |
| Antibiotika-Auswahl | Cephalosporine (1./2. Gen) oder Glykopeptide (Vancomycin). | Limitiert |
| Antibiotikahaltiger Zement | Reduziert das Risiko bei zementierter Hüft-TEP (Limitiert). Routineeinsatz bei zementierter Knie-TEP nicht empfohlen (Limitiert). | Limitiert |
| Präoperative Dekolonisation | Universelle Chlorhexidin-Waschung (Limitiert). Nasales Mupirocin bei MRSA-Trägern (Konsens). | Limitiert / Konsens |
| Intraoperative Lavage | Verdünnte PVP-Jod-Lösung (Betadine) zur Risikominimierung. | Konsens |
💡Praxis-Tipp
Setzen Sie Antibiotika bei Verdacht auf eine PJI nach Möglichkeit für mindestens zwei Wochen ab, bevor Sie intraartikuläre Kulturen gewinnen, um falsch-negative Ergebnisse zu vermeiden. Nutzen Sie intraoperativ keine Gram-Färbung zum sicheren Ausschluss einer Infektion.